Asyl Die ersten 40 Flüchtlinge sind in der Notunterkunft in Unterrot angekommen

Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD 24.10.2015
Leben ist eingekehrt in die einstige Fabrikhalle im Brühl in Unterrot: Etwa 40 Flüchtlinge haben gestern Abend die in Windeseile und in beispielhafter Gemeinschaftsleistung geschaffene Notunterkunft bezogen.

Er ist der Erste der 60 angemeldeten Flüchtlinge, die im Brühl, dem kleinen Unterroter Gewerbegebiet, für die nächsten Tage eine Bleibe haben werden: Eine Passantin hatte Mohammed T. kurz nach 16 Uhr auf der Hauptstraße aufgelesen und ihn zur Notunterkunft gebracht. Nach kurzer Registrierung schleppt er zwei schwere Taschen in das Gebäude, in dem noch die Handwerker zugange sind.

Noch am Vormittag war es um Grundsätzliches gegangen. Für Gewerbetreibende, Nachbarn und Elternvertreter war nach kritischem Nachhaken ein Informationsgespräch mit Vertretern des Landratsamts und der Stadtverwaltung zustande gekommen. Vor allem den Anwohnern war alles - von der ersten Notiz in unserer Zeitung bis zur angekündigten Belegung der Immobilie mit Flüchtlingen viel zu schnell und vor allem ohne umfassende Information vonstatten gegangen.

Nun hatten sie Gelegenheit, ihre Sorgen und Befürchtungen vorzutragen. Die waren mangels konkreter, verlässlicher Hinweise entstanden, die in diesen Tagen ohnehin kaum jemand geben kann. Und sie erfuhren einmal mehr: Es gibt derzeit keinerlei Alternative zur Schaffung dieser Notunterkunft, vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass der Landkreis wöchentlich etwa 90 Menschen unterbringen muss.

Der sichtlich geschaffte Mohammed lächelt - noch. Denn kaum hat er im Empfangsraum Platz genommen, ist auch der Akku seines Handys erschöpft und damit der Kontakt zur Verwandtschaft im Irak unterbrochen. Zwei Monate ist der Ingenieur schon in Deutschland, war zunächst in Donaueschingen in der so genannten Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle untergebracht, und nun steht sein Name auf der einer Liste für die Notunterkunft Unterrot, in der ausschließlich Männer verzeichnet sind. Der große Unterschied zwischen ihm und den anderen Gästen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak: Er ist schon 60, alle anderen etwa zwischen 18 und 30 Jahre alt.

Unterdessen füllt sich das Gelände vor der Halle. Die beiden Männer eines Sicherheitsdienstes, der rund um die Uhr präsent sein wird, sind längst mit der Örtlichkeit und dem Drumherum vertraut. Monika Hahn, Frau der ersten Stunde im Gaildorfer Asyl-Freundeskreis, und Karl-Eugen Altdörfer vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) stehen für alle Fälle bereit. Altdörfer, ASB-Regionalvorsitzender, bringt einen reichen Erfahrungsschatz ein - als ehrenamtlicher Koordinator für den Themenbereich "Internationale Solidarität und Flüchtlinge" auf Bundesebene.

Keine ruhige Minute haben die Hausmeister des Landkreises, allen voran Pedro Nunes vom Amt für Migration, der die Unterkünfte in Ottendorf und Gaildorf betreut. Sein Mobiltelefon läuft heiß in diesen späten Nachmittagsstunden. Oft sollte er an mehreren Stellen gleichzeitig sein. Doch Pedro, wie ihn alle Helfer und Mitstreiter rufen, bleibt gelassen, checkt Listen, hilft beim Einräumen des Schlafsaals.

Obwohl emsige Betriebsamkeit herrscht, scheint niemand gereizt zu sein. Pünktlich, wie vereinbart, fährt Willi Hessenthaler vor. Er bringt das portionierte Abendbrot für die Flüchtlinge. Auch für ihn und sein Catering-Team vom "Centrum Mensch" ist das Ganze eine Herausforderung - die problemlos zu schaffen ist, wie er sagt. Die Kapazitäten seien da und ermöglichten es, flexibel zu handeln. In den nächsten Wochen wird drei Mal täglich Verpflegung geliefert - ohne Schweinefleisch, versteht sich.

Auch der Eigentümer der Immobilie, ein türkischer Geschäftsmann, bietet Rat und Tat an. Er sei der Bitte des Landratsamts gern nachgekommen, die Halle und zwei weitere Gebäude, eines davon in Schwäbisch Hall, zu vermieten. Und er stellt klar: Mit seiner Bereitschaft wolle er sich nicht bereichern. Für ihn sei einzig der soziale Aspekt ausschlaggebend. Er will einfach, dass die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, anständig untergebracht werden.

Menschen wie Mohammed, der aus der Region Mosul stammt - wo der Islamische Staat (IS) für Angst und Schrecken sorgt, es keine Möglichkeit gebe, seinen Lebensunterhalt zu verdienen - und es "sehr gefährlich" sei, wie er mit feuchten Augen und teilweise in gebrochenem Deutsch berichtet. Er habe sich nach Deutschland durchgeschlagen, um alles für den Nachzug seiner Familie zu organisieren. Und verrät, warum er bereits vor allen anderen Flüchtlingen hier ist: Er habe sich auf eigene Faust auf den Weg gemacht - zuletzt mit dem Bus "bis Unterrot, Brühl".

Langsam wird es Abend. Der mehrmals angekündigte und längst überfällige Omnibus fährt vor, an Bord etwa 40 junge Männer, die sich zuvor, aus Karlsruhe kommend, in Hall hatten registrieren lassen, und eine Dolmetscherin. Die letzten Habseligkeiten in Koffern, Ruck- und Müllsäcken verstaut. Viele grüßen das "Empfangskomitee" mit einem freundlichen "Hello". Vier weitere Leidensgenossen sollen noch in der Nacht anreisen. Mehr werden es - zumindest für heute - nicht. Und auch Unterrot wird nur eine befristete Station für die Flüchtlinge sein. Sie sollen bald auf andere Standorte verteilt werden.

Drinnen die bekannte Prozedur, der Check, die Essensausgabe, die Begrüßung. Auch Manuel Kruttschnitt vom Landratsamt stößt dazu. Er ist für Flüchtlinge in Crailsheim und Fichtenau zuständig und kümmert sich nun übergangsweise auch um den Standort Unterrot.

Und nun beginnt, so gut es geht, das Privatleben. Auch für Mohammed, der dem Vernehmen nach eine Möglichkeit gefunden hat, sein Handy wieder aufzuladen.

"Beachtlich, was die Firmen geleistet haben"

Rund um die Uhr waren mehrere Handwerksfirmen im Einsatz, um die ehemalige Produktionshalle als Notunterkunft für Flüchtlinge bezugsfertig zu machen - trotz voller Auftragsbücher. Dank vieler Überstunden stehen die notwendigen Schlafplätze nun bereit. "Es ist beachtlich, was die Firmen geleistet haben", lobt Landrat Gerhard Bauer. In den vergangenen 14 Tagen waren ständig mindestens 15 Mitarbeiter verschiedener Betriebe gleichzeitig in der Halle, um sie rechtzeitig fertigzustellen. Am Donnerstag wurde der Boden verlegt, gestern konnten die ersten Flüchtlinge einziehen. Ebenfalls dankbar ist der Landrat den Hausmeistern, die mit den Handwerkern die Halle ausgestattet haben.

SWP