Elivis sitzt auf seinem Bett. Neben ihm auf der Matratze liegt eine Bibel. Das Zimmer ist gemütlich eingerichtet, eine Gitarre lehnt an der Wand. Wie es ihm geht? „Gut.“ Ob er seine Freunde vermisst? „Ein bisschen.“ Ein wenig schüchtern antwortet er auf Englisch, meist mit nur ein, zwei Wörtern.

Elivis ist 17 Jahre alt. Am 27. Juni kam er zusammen mit einigen Mitschülern von der tansanischen King’ori Secondary School nach Gaildorf. Es war der Gegenbesuch im alljährlichen Austausch mit dem Schenk-von-Limpurg-Gymnasium, den die Gaildorfer Bürgerstiftung möglich macht. Am Sonntag sind Elivis Freunde wieder in die Heimat zurückgeflogen. Der Junge jedoch ist geblieben. Vielleicht wird er seine Mitschüler, seine Familie, sein Heimatland Tansania nie wieder sehen. Elivis hat Knochenkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Er braucht dringend eine umfassende medizinische Behandlung, die er in Tansania nicht ansatzweise bekommen kann. Wäre er mit den anderen zurückgeflogen, hätte er womöglich nur noch ein paar Wochen zu leben gehabt.

Dass die Krankheit überhaupt diagnostiziert wurde, ist Glück im Unglück – und der Initiative von Elivis’ Fichtenberger Gastmutter zu verdanken. Deren Tochter musste zum Hausarzt; da Elivis Schmerzen am Knie hatte, nahm sie ihn gleich mit. Umgehend überwies der Arzt den Jungen ans Haller Diak. Dort erhielt er dann die niederschmetternde Nachricht. Kurz darauf fuhr er mit Gaildorfer Lehrern und einem tansanischen Gastlehrer an die Uniklinik Heidelberg. Dort wurde die Diagnose bestätigt.

Grund- und Werkrealschule in Fichtenberg Schüler laufen Seite an Seite für die Freundschaft

Fichtenberg

„Wir hatten für uns sofort ausgeschlossen, dass wir ihn in den Flieger setzen“, erzählt Angela Rücker, die Schulleiterin des Gaildorfer Gymnasiums. „Er braucht wahrscheinlich eine OP, Chemotherapie, das ganze Programm. In Tansania hat er keine Chance, das zu bekommen.“ Das Diak hätte lediglich über eine Partnerklinik eine Palliativversorgung von Elivis sicherstellen können. Doch Rücker betont: „Wir wollen alles versuchen, um die Krankheit abzuwenden.“

Jugendamt schaltet sich ein

Eine beispiellose Hilfsaktion für den Jungen läuft an. Angela Rücker setzt sich ans Telefon, informiert das Ehepaar Karin Schick und Jürgen Hinderer von der Bürgerstiftung, den Landrat, Bürgermeister Frank Zimmermann, das Büro der Grünen-Landtagsabgeordneten Jutta Niemann, den Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Die Zeit drängt. Das Jugendamt schaltet sich ein. Über eine Inobhutnahme wird zunächst sichergestellt, dass sich Elivis legal in Deutschland aufhalten kann. Damit ist er auch krankenversichert – eine weitere Hürde, die unbedingt genommen werden musste, denn die vor dem Flug nach Deutschland abgeschlossene Reiseversicherung kommt nicht für Vorerkrankungen der Schüler auf.

Nachdem sich die Fichtenberger Gastfamilie liebevoll um Elivis gekümmert hatte, musste nun eine dauerhafte Lösung gefunden werden – eine Pflegefamilie, die nicht nur mit dem Jungen, sondern auch mit der Erkrankung und ihren Folgen umgehen kann. Durch einen Kontakt zum Schwäbisch Haller Hospizdienst gelang das schließlich: Seit Montag lebt Elivis bei einer Familie in Bibersfeld. Dort sitzt am Dienstagabend Maya Kreuzberger neben ihm und unterhält sich mit ihm in fließendem Englisch. Die Elftklässlerin wohnt in Fichtenberg neben Elivis Gastfamilie und hat ebenfalls am Tansania-Austausch teilgenommen. „Wir hatten das mit der Erkrankung zuerst gar nicht wahrgenommen“, blickt sie auf die vergangenen zwei Wochen zurück. „Aber als er am Montag nicht in der Schule war, haben wir uns schon gewundert.“ Als schließlich klar war, dass Elivis schwer erkrankt ist, sei das „ein Schlag für uns alle“ gewesen.

Zusammen mit ihren Mitschülern will Maya Elivis helfen, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen. „Er hat ohnehin von Anfang an gesagt, dass er hierbleiben will, schon vor der Diagnose“, erzählt sie. Das ist wenig erstaunlich, wenn man weiß, in welch ärmlichen Verhältnissen viele der tansanischen Schüler leben müssen. Elivis hat keine intakte Familie, wohnt alleine in einer Lehmhütte auf dem Grundstück der Großeltern, ohne fließend Wasser, ohne jeden Komfort.

Elivis möchte Lehrer werden

Telefonisch und mit einer eilig eingerichteten Videokonferenz wurden Elivis Mutter, Großvater, Onkel sowie der Leiter der King’ori Secondary School vor wenigen Tagen über Elivis Erkrankung und die Konsequenzen informiert: dass er eine Behandlung bekommt, somit eine Überlebenschance hat. Dass diese Behandlung sich viele Jahre hinziehen kann. Dass er nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren wird. Elivis Mutter hat die Nachricht gefasst aufgenommen. Die Freude, dass ihrem Jungen in Deutschland geholfen wird, überwiegt den Trennungsschmerz.

„Dass alles in so kurzer Zeit so gut funktioniert hat, liegt daran, dass das Landratsamt mit allen Fachreferaten, das Rathaus, die Schule, Frau Schick und Herr Hinderer so toll zusammengearbeitet haben“, freut sich Angela Rücker. Nun gehe es darum, Spenden zu sammeln (siehe Infokasten). Abgesehen von ein wenig Kleidung besitzt Elivis nichts.

Noch in dieser Woche wird der 17-Jährige erneut an die Heidelberger Uniklinik gebracht. Die nächsten Behandlungsschritte müssen eingeleitet werden. Die Zeit drängt. Elivis schmiedet derweil erste Zukunftspläne. „Ich möchte Lehrer werden“, erzählt er, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Seine Heimatsprache Suaheli möchte er später einmal in Deutschland unterrichten. An seiner Schule war er einer der besten. Nur so hat er es ins Austauschprogramm geschafft, das ihn schließlich ans Gaildorfer Gymnasium und nun in seine neue Familie geführt hat. Zu Menschen, die ihn in der schweren Zeit, die vor ihm liegt, bedingungslos unterstützen.

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Schwäbisch Hall

Benefiz-Theaterstück und Spendenkonto


Die Theater-AG des Schenk-­von-Limpurg-Gymnasiums zeigt am morgigen Freitag, 12. Juli, eine Benefiz-Vorstellung des Stücks „Hysterikon“. Die Einnahmen des Abends sollen Elivis zugutekommen. Beginn ist um 19.30 Uhr im Atrium der Schule.

Spendenkonto: „Spenden Tansania“
IBAN: DE 77 6225 0030 0002 3145 12
BIC: SOLADES1SHA