Im Jahr 2018 gab es Hoffnung für die Nebenbahn: Das Land Baden-Württemberg plante, in den kommenden Jahren das Angebot im öffentlichen Nahverkehr deutlich zu steigern. Dazu gehört auch die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken. Das Verkehrsministerium brachte eine Machbarkeitsuntersuchung auf den Weg, um eine Auswahl an Strecken zu treffen. Zwei Jahre wollte man sich dafür Zeit lassen. Bis Ende 2020 sollten bei diesen Strecken das Fahrgastpotenzial sowie die erforderlichen Investitionen untersucht werden. Wenn die kommunale Seite sich für eine Reaktivierung entscheidet, können Fördermittel vom Land beantragt und die Schiene für den Personenverkehr wieder reaktiviert werden – so das Ministerium damals zur weiteren Vorgehensweise. Verkehrsminister Hermann betonte: „Das Verkehrsministerium nimmt in diesem Verfahren eine aktive und steuernde Rolle ein.“

Scheinbar aber nicht lange: Am 6. Dezember 2019 verkündete DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla, es werde geprüft, welche auch bereits stillgelegten Strecken schnell reaktivierbar sind und welche Strecken grundsätzlich Potenzial im Personen- und Güterverkehr haben.
Viel Zeit blieb der bei der Deutschen Bahn neu eingerichteten „Sondereinheit“ aber nicht dafür. Kaum drei Monate, denn schon im Frühjahr 2020 wollten vier Bundestagsabgeordnete der Grünen – Matthias Gastel (Stuttgart), Stefan Gelbhaar (Berlin), Stephan Kühn (Dresden) und Daniela Wagner (Oldenburg) – wissen, was denn nun bei der Untersuchung herausgekommen ist.
Die Bahn AG stützte sich dabei auf die Länderanalysen, aber auch auf Untersuchungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und des Deutschen Bahnkundenverbandes (DBV).

15 von 75 bleiben übrig

Das Landesverkehrsministerium hatte zunächst 75 Strecken vorgeschlagen. Nach fachlicher Prüfung blieben 41 Strecken übrig. Darunter ist auch die Nebenbahn von Langenburg nach Blaufelden sowie von Waldenburg nach Künzelsau. Die frühere Strecke der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG) von Gaildorf nach Untergröningen taucht in dieser Liste nicht auf. Ohnehin sollte bei den 41 untersuchten Strecken so lange aussortiert werden, bis nur 15 übrig bleiben – so die Planungen des Landes.

Anders beim Bund: In der Liste des Stuttgarter Verkehrsministeriums fehlt neben der Kochertalbahn auch die Strecke von Schorndorf nach Welzheim. Diese ist jedoch in den Liste des Bundes wie auch des VDV genannt. Als Gründe für die Reaktivierung des Personenverkehrs auf dem elf Kilometer langen Abschnitt zwischen Rudersberg und Welzheim werden die Erschließung weiteren Fahrgastpotenzials durch Verlängerung bestehender Linien wie auch die „Erschließung einer bisher vom SPNV unterversorgten Region zur Herstellung eines besseren Grundangebotes im öffentlichen Verkehr“ genannt.

Besseres Grundangebot

Bei den jeweils 15 Kilometer langen Strecken nach Langenburg und Künzelsau steht nach Ansicht des VDV die „Erschließungsfunktion“ im Vordergrund. Ziel ist ein besseres Grundangebot.

Das Bundesverkehrsministerium stellt in seiner Antwort auf die Anfrage der Grünen im Bundestag aber auch klar: „Die Reaktivierung einer Strecke erfolgt nur dann, wenn sie anschließend wirtschaftlich betrieben werden kann.“ Dies setze ein ausreichendes und nachhaltiges Verkehrsaufkommen, z. B. durch eine Bestellung von Schienenpersonennahverkehr durch den jeweiligen Aufgabenträger, voraus. Bei den Strecken nach Langenburg und Künzelsau wäre dies das Land, nach Welzheim wäre der Zweckverband Wieslauftal gefragt. Ziel der Deutschen Bahn ist es, im Herbst eine Bewertung der potenziellen Strecken in Deutschland vorzulegen. Das sind rund 300 mit einer Länge von etwa 5300 Kilometer.