Einstimmig hat der Fichtenberger Gemeinderat im Mai letzten Jahres eine Stellungnahme zur Flora-­Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) beschlossen. Sie wurde im Rahmen des Beteiligungsverfahrens eingesandt und blieb wirkungslos. Bei der letzten Gemeinderatssitzung lag die Abfuhr des Regierungspräsidiums Stuttgart vor – und wurde zumindest von Gemeinderat Mario Rieger begrüßt. Er sei vermutlich nicht anwesend gewesen, als der Beschluss gefasst wurde, sagte Rieger. Sonst hätte er nämlich mit Sicherheit widersprochen.

Die Stellungnahme aus Fichtenberg hatte ihre Aufhänger: Einer fischt, einer nagt. Der Fischer ist der Kormoran, dessen Häufigkeit in den letzten Jahren so zugenommen hat, dass die örtlichen Angler ernsthafte Verluste beklagen. Und der Biber besetzt mittlerweile mindestens ein Revier an der Rot, fällt Bäume und gräbt seine Röhren in die Uferböschung.

Fischer beschließen Petition

Weil sich niemand beschwert, lässt man den Biber machen, will sich aber Handlungsspielräume bewahren, falls seine Aktivitäten teuer zu werden drohen – etwa wenn Dämme beschädigt werden. Den Kormoran hingegen hätte man gerne los.

Der Gemeinderat folgt damit auch der Fischhegegemeinschaft Rot-Kocher, deren Mitglieder etwa zeitgleich eine Petition verabschiedet hatten. Die Angler legen dem Vogel zur Last, den kompletten Äschenbestand aus der Rot gefressen zu haben und streben eine Ausnahmegenehmigung vom Abschussverbot an. Als Vorbild dient dafür die Jagst bei Kirchberg. Dort müssen nach der Umweltkatastrophe von 2015 neue Fischbestände wachsen.

Ellwangen/Kirchberg a. d. Jagst Angler nach Jagstkatastrophe entschädigt

Ellwangen/Kirchberg a. d. Jagst

Der „Vogel des Jahres 2010“ darf deshalb dort durch Abschuss „vergrämt“ werden – und sucht sich neue Jagdgründe. Leidtragende sind nach Überzeugung der Fischhege auch die Äschen in und die Angler an der Rot.

„Hochgezüchtetes Problem“

Es handle sich um ein „hochgezüchtetes Problem“, sagte Mario Rieger in der Januarsitzung des Fichtenberger Gemeinderates. Die Fischer wollten nur einen Konkurrenten loswerden. Der Kormoran fresse nun einmal Fische, das rechtfertige aber keine Abschüsse. Dass damit Tiere getötet werden, sei offenbar keinem so richtig bewusst.

Die FFH-Verordnung, mit der das Regierungspräsidium Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung festlegt, ist allerdings nicht die richtige Adresse, wenn’s um solche Eingriffe geht. Konkrete Handhabungen gegen die Aktivitäten von Biber oder Kormoran werden dort nicht geregelt. Es handle sich um „Fragen des Vollzugs“, schreibt die Behörde.

Auch anderen Einwendungen wird nur wenig Relevanz beigemessen. Die Stellungnahme des Gemeinderates beinhaltete auch alle möglichen Zukunftsvorhaben, die in der FFH-Richtlinie berücksichtigt werden sollen. Betroffen ist beispielsweise der Bau einer weiteren Häuserzeile im Gebiet Mühläcker ebenso wie die Option einer Umgehungsstraße für Mittelrot. Auch Umgehungsgerinne an der Kronmühle und am Holzwerk werden genannt.

Gegebenenfalls seien dadurch „gemeinte Flächen“ im FFH-Gebiet „Kochertal Abtsgmünd – Gaildorf und Rottal“ tangiert, schreibt das Regierungspräsidium, eine Herausnahme aber komme „nicht in Betracht“.

Gleichwohl würden die Fichtenberger Vorhaben auch nicht unverhältnismäßig eingeschränkt. Die neue FFH-Verordnung, die am 27. Dezember verkündet wurde, konkretisiere die geltenden Verhältnisse, es gehe nicht um eine Verschärfung. Auch in der Vergangenheit seien FFH-­Flächen wirtschaftlich und infrastrukturell nutzbar gewesen, sofern die naturschutzrechtlichen Bestimmungen gewahrt blieben.

Diffuse Datenlage

Die Petition der Fischhegegemeinschaft Rot-Kocher blieb bisher unbeantwortet. Es habe auch keine Kontakte gegeben, erklärte ihr Vorsitzender Hans-Jörg Holspach am Montag auf Anfrage, lediglich mit der Unteren Naturschutzbehörde im Schwäbisch Haller Landratsamt sei man ins Gespräch gekommen. Nach Einschätzung des Fischereiverbandes sei die Datenlage zu diffus, erklärt Holspach: Es fehle eine gründliche Dokumentation der Kormoran-Einflüge an der Rot. Das will man jetzt nachholen, so Holspach. Die Angler seien angehalten, Buch zu führen.

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Das Netzwerk geschützter Lebensräume wird seit 1992 geknüpft


Richtlinie FFH steht für Flora, Fauna, Habitat. Es handelt sich um eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union, die 1992 verabschiedet wurde und die Ausweisung besonders geschützter Gebiete zum Ziel hat. Durch die FFH-Verordnung, die seitdem immer wieder aktualisiert wurde, werden die Lebensräume wild lebender Arten gesichert, geschützt und auch vernetzt.

Gebiet Das FFH-Gebiet Kochertal Abtsgmünd – Gaildorf und Rottal umfasst 1092 Hektar. Gebietsmerkmale sind der Kocher mit seinen Seitentälern von Abtsgmünd bis Rosengarten, das Gewässersystem der Fichtenberger Rot, Wiesen am Keuperstufenrand, Auwälder am Kocher.

Arten In diesem Bereich leben unter anderem die Grüne Flussjungfer, der Helle und der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, Steinkrebs, Bachneunauge, Strömer, Bitterling, Groppe, Kammmolch, Gelbbauchunke und Biber. Auch das Grüne Koboldmoos wird genannt. Der Kormoran ist nicht aufgelistet. rif