Gaildorf Als Gaildorf die begehrte letzte Null verlor

Das vor 25 Jahren mit der Einführung der neuen fünfstelligen Postleitzahlen herausgegebene Verzeichnis.
Das vor 25 Jahren mit der Einführung der neuen fünfstelligen Postleitzahlen herausgegebene Verzeichnis. © Foto: Archiv
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 14.08.2018
Vor 25 Jahren: Die alte Zahlenkombination „7160“ wird durch die neue fünfstellige „74405“ ersetzt. Die Vergabe der neuen Postleitzahl gerät zum offiziellen Akt.

Alle Hände voll zu tun hatte vor 25 Jahren die Deutsche Bundespost, um den Bürgern eine der seit Langem gravierendsten Veränderungen zu vermitteln: die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen. In Gaildorf wurde die einige Monate dauernde Umsetzung dieses Vorhabens mit Argwohn beobachtet. Denn seit Bekanntwerden der Pläne im Jahr 1992 stand fest: Die Gaildorfer müssen sich von der 1961 anstelle der Nordwürttemberg-Kennung „14a“ zugewiesenen „7160“ – zunächst ohne die Null geschrieben – verabschieden.

Ein gewisses Statussymbol

„Schade“, befand der damalige Bürgermeister Kurt Engel die Neuerung, die ihm am 29. Januar 1993 der Haller Postamtsleiter Peter Egetemeyr überbrachte. Die neue Postleitzahl „74405“ – für die Postfachzustellung gab es noch die Kombinationen „74401“ (Postfächer 1 bis 80)  und „74402“ (81 bis 180) – hatte am Ende keine Null mehr. Eine solche war als gewisses Statussymbol gesehen worden, durch das eine Kommune „aus der Masse“ herausragt.

Anlass für die Umstellung war in erster Linie die 1990 erfolgte Wiedervereinigung der beiden lange Zeit nicht nur postalisch getrennten deutschen Staaten. Denn durch die Einheit gab es Hunderte von Orten mit gleicher Postleitzahl. Um die Verwirrung abzumildern, mussten zunächst die Zahlen im Gebiet der früheren DDR mit einem „O“ für Ost versehen werden, die der Bundesrepublik mit einem „W“ für West.

Gegen Ende des Jahres 1992, einen Tag vor Heiligabend, wurden zunächst die ersten beiden Ziffern für die künftige Gaildorfer Postleitzahl veröffentlicht: „74“. Demzufolge wurden Gaildorf und die umliegenden Gemeinden der Briefregion Nordwürttemberg zugeteilt. Gschwend, obwohl im mit der Kennzahl „73“ versehenen Ostalbkreis gelegen, blieb dem Limpurger Land erhalten und  bekam ebenfalls eine „74“.

Nach Wochen des langsamen Eingewöhnens wurde Ende Januar 1993 das Geheimnis gelüftet – nicht formlos, sondern hochoffiziell: Die Post ließ ihre leitenden Mitarbeiter ausschwärmen und die neuen Postleitzahlen per Urkunde regelrecht „verleihen“. Mit dem Hinweis: Die neue Zahl durfte nicht vor, musste aber nach dem 1. Juli verwendet werden.

Bei dieser Gelegenheit hatte Halls Postchef Egetemeyr auch eine vollmundige Zusage gemacht, die bald Makulatur werden sollte: Der Service des Postdienstes in der Stadt mit Briefverteilung, Zustellung und anderem werde durch die Umstellung Bestand haben, „das Gaildorfer Postamt in seiner Bedeutung nicht abgewertet“. – Wenige Jahre später wurde das Postamt geschlossen.

Während nun die Bürger relativ gelassen mit der neuen Zahlenkombination umgingen, stellte die Neuerung für Großkunden der Post eine Herausforderung dar: Sie mussten oft umfangreiche Listen mit Kundenanschriften überarbeiten. Was heute eine leichte Übung wäre, stellte damals sogar den Software-Riesen Microsoft vor eine hohe Hürde. Ein Programm zur Lösung des Problems sei weder in Produktion noch in Planung, ließ die Pressestelle des Konzerns wissen.

Postler bestehen Test

Wer mit der Umstellung kaum Probleme hatte, das waren Gaildorfs Postler. Sie konnten das Versprechen „E plus 1“ – also die Auslieferung am Tag nach dem Einwurf in den Postkasten – mühelos halten: Von insgesamt 32 Testbriefen, sogar in den entlegensten Winkeln des Verbreitungsgebiets auf den Weg gebracht, erreichten 31 pünktlich das Verlagsgebäude, einer kam einen Tag später an.

Ansonsten haben sich die Bürger schnell an die neue fünfstellige Zahl gewöhnt. Anders in einer kleinen Alb-Gemeinde. Dort hatte der Gemeinderat die zugeteilte Kombination abgelehnt. Dieser „rechtswidrige“ Beschluss blieb ohne Folgen.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Warum eigentlich fünfstellig? Der Urheber einer der vielen Post-Werbekampagnen antwortete darauf allen Ernstes: „Weil sechsstellig zu kompliziert wäre!“

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