Der Strumpfkönig

FALK DRECHSEL 04.03.2013

Eine der bedeutendsten und größten deutschen Strumpfwarenfabriken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die in Auerbach im Erzgebirge ansässige Firma "A. Robert Wieland Feinstrumpfgroßwerke". Dieses Unternehmen wurde 1891 von August Robert Wieland gegründet und schaffte innerhalb kürzester Zeit den Aufstieg zu weltweitem Renommee - mit der Marke ARWA (der Abkürzung für August Robert Wieland, Auerbach). Ende der 1940er Jahre übernahm Hans Thierfelder, der Enkel des Firmengründers, die Leitung des Strumpfimperiums.

Nach Demontage, Enteignung durch die sowjetischen Besatzungsbehörden und Bodenreform verließ Hans Thierfelder 1946 das Erzgebirge und suchte im Westen Deutschlands sein Heil. Dort machte er sich einen Namen als einer der großen und wichtigen Wirtschaftspioniere der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Die Marke ARWA wurde zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders, an dem auch das Limpurger Land, ja die ganze Region teilhaben durfte.

Hans Thierfelder wurde heute vor 100 Jahren - am 4. März 1913 - in Auerbach geboren. Sein Vater war der Architekt und Prokurist Paul Thierfelder, seine Mutter Rosa, eine geborene Wieland, Tochter von August Robert Wieland. Schon bei seiner Taufe am 27. März 1913 zeichnete sich eine Zukunft in der Strumpfindustrie ab. Als Paten wurden ihm nämlich neben Großvater Robert Wieland und Großmutter Minna Thierfelder die Herren Bruno Salzer und Dr. Friedrich Lässig, der Besitzer und der kaufmännische Direktor der Wirkmaschinenfabrik "Schubert & Salzer", zur Seite gestellt.

Seine Kindheit verbrachte Hans Thierfelder in Auerbach. Im Kriegsjahr 1917 erlag der Vater schweren Verletzungen, die er sich als Fliegeroffizier bei einem Luftkampf zugezogen hatte. Sein Großvater August Robert Wieland sowie sein Onkel Max Wieland kümmerten sich nun nach diesem tragischen Verlust um Hans Erziehung und Ausbildung.

Nach dem Besuch der Volksschule in Auerbach, in der er einer der Klassenbesten war, der Realschule in Thum und der Oberschule in Dresden-Klotzsche legte Hans Thierfelder am Gymnasium Neuenburg (Schweiz) sein Abitur ab. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum Textilingenieur an der Höheren Fachschule für Wirkerei und Strickerei in Chemnitz. Seine praktische und kaufmännische Ausbildung erhielt er im großväterlichen Betrieb in Auerbach.

Auf Auslandsreisen verschaffte sich Hans Thierfelder umfangreiche Kenntnisse von den Weltmärkten und vom jeweils aktuellen Stand der Technik in der Strumpf- und Textilmaschinenindustrie. Dies war sehr hilfreich für die Entwicklung des eigenen Familienbetriebs.

Nach dem Tod von Firmengründer Wieland im Jahr 1940 übernahm dessen älteste Tochter Rosa Peters, Hans Thierfelders Mutter, die Leitung der ARWA-Werke. Hans Thierfelder wurde im Mai 1936 Prokura erteilt, und er stieg in die Geschäftsleitung auf. Bereits 1937 hatte ihn der Großvater zum Betriebsführer bestellt, ohne ihm jedoch Anteile an der Firma zu übertragen.

Im Jahr 1940 trat Hans Thierfelder der NSDAP bei. Vom 1. März 1941 bis 31. Juli 1944 war er bei der Marine im Kriegseinsatz. Verdienste erwarb sich der Fabrikant in der Zeit von 1937 bis 1945 durch die Förderung regionaltypischer Volkskunst im sächsischen Erzgebirge. Unter anderem unterstützte er zusammen mit dem Unternehmer Friedrich Emil Krauss erzgebirgische Kulturschaffende wie den Musiker Helmuth Stapff, den Mundartdichter Max Wenzel, den Volksschullehrer Hellmuth Vogel und andere. Was sich gleichzeitig nahtlos in das nationalsozialistische Konzept von Volks- und Brauchtumspflege sowie in die Ideologie der Volksgemeinschaft einfügte.

Auf Grund der Tatsache, dass während des Zweiten Weltkriegs, nämlich ab Herbst 1943, im ARWA-Werk Auerbach neben der Strumpfherstellung auch Rüstungsproduktion erfolgte - im Auftrag der Focke-Wulf-Werke wurden Teile für Flugzeugrümpfe hergestellt -, wurde ARWA per Volksentscheid vom 30. Juni 1946 durch die sowjetischen Besatzungsbehörden enteignet. Vorher hatte Thierfelder alles unternommen, um diesen Schritt zu verhindern und zu erreichen, dass ARWA von der Liste der zu enteignenden Betriebe abgesetzt wurde.

Wenige Monate vor dieser bitteren Entwicklung, am 3. Februar 1946, heiratete der Unternehmer in Auerbach die junge, aus dem ostpreußischen Gumbinnen geflohene Ursula Thies (1923-2000), Tochter des Tischlermeisters Paul Thies. Die Ehe blieb kinderlos.

Noch im Frühjahr 1946 verließ das Ehepaar Thierfelder Auerbach und damit auch die "Ostzone" in Richtung West-Berlin, da sie erkannt hatten, dass sie und die Firma in Auerbach keine Zukunft mehr haben würden.

Zu dieser Zeit bekamen etwa 18 Millionen westdeutsche Frauen keine Strümpfe mehr, weil sich die gesamte deutsche Strumpfindustrie in Sachsen befand. Ein riesiger Markt, der seinesgleichen suchte, konnte nicht bedient werden. Es gab auch keinerlei Maschinen, die den Bedarf hätten decken können - denn auch die speziellen Fabriken standen im Osten. Nun war für den cleveren und ideenreichen Hans Thierfelder die Zeit gekommen.

Mit dem Namen ARWA, dem Renommee seines Großvaters Wieland und den über viele Jahre gepflegten Geschäftsbeziehungen zu Kunden in aller Welt gelang es ihm innerhalb weniger Monate, viele der früheren Geschäftspartner zu einem nicht alltäglichen Deal zu bewegen. Die Idee: Die Abnehmer zahlen zehn Prozent ihrer Aufträge im Voraus, um den Fabrikanten in die Lage zu versetzen, in Amerika gebrauchte Cottonmaschinen zu erwerben.

Nach und nach sammelte Thierfelder auf diese Weise 2 Millionen D-Mark. Nun "rollte die größte Kollekte der neudeutschen Handelsgeschichte", wie das Nachrichtenmagazin "Spiegel" in seiner Ausgabe vom 3. März 1954 zurückblickte. Mit Hilfe dieses Geldes gelang es dem Unternehmer, zwölf Maschinen zu importieren und sie in dem zur Fabrik umgewandelten Gebäude der ehemaligen Spruchkammerbehörde im württembergischen Backnang aufzustellen.

Die Produktion konnte beginnen. Die ersten Strümpfe waren zu Pfingsten 1949 fristgemäß fertiggestellt. Gleichzeitig suchte Thierfelder nach einem Gelände für einen Fabrikneubau und die damit verbundene Errichtung einer Siedlung für die Arbeiter und Angestellten. Er fand dies mit Hilfe der Landesplanungsbehörde in der damals noch selbstständigen Gemeinde Unterrot im Kreis Backnang (nachdem er zuvor weitere Mitbewerber um den Firmenstandort gegeneinander ausgespielt hatte). Noch im Herbst des selben Jahres begann dort auf dem Gelände des früheren Tankholzwerks Raiser die Produktion.

Gleichzeitig wurden drei große Werkshallen aus dem Boden gestampft, und die angrenzende Wohnsiedlung nahm rasch Gestalt an. Bereits 1952 konnte die ARWA im neuen Werk mit 1450 Mitarbeitern einen Marktanteil von 20 Prozent erwirtschaften.

Auch in Unterrot pflegte Hans Thierfelder eine vorausschauende Mitarbeiterpolitik mit vielen sozialen Komponenten: Er zahlte überdurchschnittlich hohe Löhne. Die kleine Industriestadt im ländlich geprägten Limpurger Land entwickelte ein gesellschaftliches Eigenleben, das von der Chefetage großzügig gefördert wurde. Große Feiern mit Stars der Unterhaltungsbranche verstärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den "ARWAnern". In Meersburg am Bodensee wurde ein Ferienheim eingerichtet, in dem Betriebsangehörige freien Aufenthalt hatten. Wer einen Wohnungsbau beabsichtigte, konnte bis zu 7000 Mark Zuschuss erhalten. Dazu gab es günstige Mitarbeiter-Mietwagen, einen Kindergarten, einen Kaufladen, eine Bibliothek, ein Werksorchester, eine Betriebskranken- und Unterstützungskasse sowie einen Betriebsarzt, um nur einige dieser Leistungen zu nennen.

In Folge der guten wirtschaftlichen Lage expandierte ARWA. Es entstanden weitere Werke in Berlin, Wien und Parys/Südafrika. Besonders das Werk in Bischofswiesen im Berchtesgadener Land - wohin später die Verwaltung verlegt wurde - fand große Beachtung als eine der modernsten Industriebauten der Zeit. Die "gläserne Fabrik", in der man miterleben konnte, wie ein Strumpf entsteht, wurde zu einem Besuchermagnet.

Im Juni 1956 begann eine Entwicklung in der Strumpfindustrie, die für viele Firmen der Branche zum Verhängnis werden sollte. Die Strumpfproduzenten unterboten sich gegenseitig im Preis. Mittendrin: Hans Thierfelder. Für seine Mitarbeiter verschlechterten sich dadurch die Arbeitsbedingungen enorm. Viele Fachkräfte wurden entlassen, um die Betriebskosten zu senken. Die Löhne, die bisher über Tarif bezahlt worden waren, wurden drastisch gekürzt. Jeder verbliebene Arbeiter musste nun erheblich mehr leisten.

Diese Entwicklung führte bei ARWA ab 11. Juni 1958 zu einem mehrmonatigen, bundesweit Aufsehen erregenden Streik in Bischofswiesen. Darauf antwortete Thierfelder prompt mit Aussperrung. Weshalb er sich den Vorwurf einhandelte, er nutze dies als günstige Gelegenheit, während der Konjunkturflaute vorübergehend seine Arbeiter nicht mehr bezahlen zu müssen.

Ungeachtet dessen: Der Niedergang der Strumpfindustrie war offensichtlich nicht mehr aufzuhalten. Massenimporte aus Osteuropa, Preiskämpfe und Überkapazitäten bereiteten Thierfelder Sorgen, zumal die ARWA ab Anfang der 1960er Jahre kontinuierlich Marktanteile verlor. 1971 - ARWA war von Teilen der Konkurrenz längst überholt worden - trennte sich der Strumpfkönig von seinem Imperium und verkaufte das Ganze an den Konkurrenten Hudson.

Entgegen anders lautender Beteuerungen der neuen Eigentümer wurde die ARWA in Unterrot, die Ende 1972 von einstmals knapp 1700 gerade noch 680 Mitarbeiter beschäftigte, Stück für Stück zerschlagen und schließlich zum 31. Oktober 1973 endgültig stillgelegt.

Nach seinem leisen Rückzug ins Private verbrachte Hans Thierfelder - dessen Vita hier und dort immer noch manches Rätsel aufgibt - die meiste Zeit in seiner Villa in St. Moritz oder in Westerland auf Sylt, wo er am 23. Januar 1987 verstarb. In Berchtesgaden fand er seine letzte Ruhestätte.

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