Bühne Der professionelle Auf-Schneider

Das Münchener „Debussy Trio“ beim Auftritt im Bilderhaus.
Das Münchener „Debussy Trio“ beim Auftritt im Bilderhaus. © Foto: Andreas Dehne
Gschwend / Andreas Dehne 13.03.2018

Am Anfang ist das Papier und das Papier ist weiß und rein. Und die Stille. Dann von hinten ein Messer, von unsichtbarer Hand geführt. Die Klinge schneidet das Papier auf. Eine erste kleine Öffnung entsteht. Finger und Hände werden sichtbar, zelebrieren das Öffnen geradezu. Die Wunde im Papier wird wieder verschlossen. Das Messer schneidet weiter, größer, kleiner, eckig und rund. Hinter jeder neuen Öffnung wird, einer kleinen Bühne gleich, ein weiterer Lebensabschnitt des Komponisten Erik Satie zelebriert. Fragmentarisch, scherenschnittartig. Seine minimalistische Musik erklingt dazu. Zunächst ganz vorsichtig – und unsichtbar – gezupft. Die Stille dominiert.

Ein Pinsel taucht auf. Die Liebe des Musikers zur Malerei. Lippen finden mühsam ein kleines Loch in der großen und inzwischen schon häufig geflickten Leinwand. Das Münchener „Debussy Trio“ Bettina Fuchs (Flöte), Gunter Pretzel (Viola) und Rosmarie Schmid-Münster (Harfe) hält sich zunächst an die musikalischen Vorgaben des französischen Avantgarde-Künstlers. „Spielen Sie das bitte ganz weiß“, zitiert ihn Johannes Volkmann vom Nürnberger Papiertheater. Hinter der großen aufgespannten weißen Papierfläche erscheinen die Künstler zunächst nur kurz als Schattenbilder. „Musik zum Ausreißen“ nennt sich die ungewöhnliche Performance, bei der immer wieder aus dem Leben des Künstlers erzählt wird. „Er war vielleicht ein professioneller ,Auf-Schneider’, verkündet Volkmann gleich zu Beginn mit Blick auf das ungewöhnliche Leben des Komponisten. Mit einer sehr langen Pause zwischen „Auf“ und „Schneider.“

Die weiße Wand aus Papier wird so zum Schnittfeld des Lebens. Die Wunden werden immer größer. Aber sie öffnen auch Türen. Der letzte Schnitt hinterlässt nur noch einen schmalen Rahmen. Erik Saties Musik, live gespielt, steht jetzt im Mittelpunkt. Im voll besetzten Bilderhaus in Gschwend herrscht eine meditative Stimmung. Nach etwa 50 Konzert- und Theaterminuten gibt es eine Zugabe. „Aua“, flüstert ein kleiner Junge aus der ersten Reihe nach den letzten Klängen. So laut, dass es alle hören können. Schneiden tut offensichtlich manchem auch weh. Eine grandiose Vorstellung mit vielen überraschenden Momenten, leider viel zu kurz. Aber getreu der Überzeugung des gespielten Künstlers, dass der Komponist nicht das Recht hat, „die Zeit seiner Zuhörer unnötig in Anspruch zu nehmen“.