Wahre Knochenarbeit liegt hinter allen Beteiligten, die am „gesamtstädtischen Entwicklungskonzept“ – abgekürzt GEK – mitgewirkt haben. Und ein Wettlauf gegen die Zeit. Entsprechend gereizt ist an diesem Mittwochabend die Stimmung im Wurmbrandsaal des Gaildorfer Alten Schlosses: Der Gemeinderat muss über die 99-seitige Studie beraten und das Ganze dann verabschieden – damit es der Amtsbote am nächsten Morgen beim Regierungspräsi- dium in Stuttgart abliefern kann.

Inhaltsschweres Dokument

Auf den letzten Drücker, aber noch innerhalb der Frist, die Ende des Monats – also am heutigen Samstag – abläuft. Bürgermeister Frank Zimmermann nennt die Gründe für die vorösterliche Eile: Die für die Erarbeitung des satten Planwerks zuständige LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH, kurz KE, musste die Ergebnisse der im Februar über die Bühne gegangenen Bürgeranhörung auswerten und in die bereits existierende, aufwändig skizzierte Gesamtdarstellung nebst Prognosen und Zielsetzungen einarbeiten.

Vor wenigen Tagen hatte die Stadtverwaltung das umfangreiche Ergebnis bekommen. Lea Hoffmann, Leiterin des städtischen Bauamts, musste sich noch den Sonntag mit Durchsicht und Vervielfältigung des Wälzers um die Ohren schlagen, damit wenigstens die Fraktionsvorsitzenden über ein Exemplar verfügen und sich entsprechend vorbereiten konnten.

Wie eine Doktorarbeit

Warum der inhaltsschwere Stapel, der dem Entwurf einer Doktorarbeit ähnelt, so wichtig ist, hatte Rathauschef Zimmermann in der Vergangenheit mehrfach erläutert: Das Finanzministerium des Landes fordert ausdrücklich ein GEK als Voraussetzung für „Herleitung und Begründung eines künftigen Sanierungsgebietes“. Sonst gibt es keine finan- zielle Unterstützung. In Gaildorf geht es dabei speziell um das für 2018 beantragte Projekt „Stadtmitte V – Nördliches Kocherufer“ in Fortsetzung der nun ausgelaufenen Maßnahme „Stadtmitte IV“.

Zurück zum Ratstisch. Vor der Debatte schafft KE-Stadtplanerin Claudia Krüger das schier Unmögliche: Sie liefert eine kompakte Darstellung der Inhalte – deren Quellen meterweise Aktenordner füllen. Ausgehend von den bisherigen Anstrengungen zur Sanierung der Stadt und ihrer Ortsteile und der nun auf die Nachbarschaft erweiterten „Dauerbaustelle“ Altes Schloss, spannt sie den Bogen über die räumliche und bauliche Entwicklung bis hin zur Bürgerbeteiligung, die sich im „Masterplan 2014“ oder in der Arbeit der „Zukunftswerkstatt“ manifestiert.

Eine Trendwende?

Ein weiterer Schwerpunkt ist die demografische Entwicklung. Und die Erkenntnis: Gaildorf ist älter geworden. Ob die derzeitige Entwicklung mit einem erfreulichen Geburtenzuwachs als Trendwende gewertet werden kann, wird die Zukunft weisen. Die Statistik bis 2035 hochgerechnet, kann ein leichtes Wachstum geschafft werden. Dazu braucht es, rein statistisch gesehen, fast 500 neue Wohneinheiten. Die Flächenpotenziale sind vorhanden. Von rund 135 Hektar so genannter „Innenentwicklungspotenziale“ wie Baulücken ist die Rede.

Eine Bevölkerungszunahme zu begünstigen, ist die Stadt bestrebt: Jungen Familien (neue) Heimat sein. Über die Angebote für junge Leute indes wird – mangels Jugendhaus – noch gestritten. Ein altes Thema ist die Arbeitsplatzsituation. Den Beschäftigungsgrad nennt Claudia Krüger „schwankend“.

  Insgesamt rät die Stadtplanerin, die durch ihre jahrelange Arbeit vor Ort mit vielem besser vertraut ist als mancher Gaildorfer,  zu „mehr Außendarstellung“. Im Klartext: Gaildorf muss mehr mit seinen Pfunden wuchern, die es tatsächlich hat – und weshalb sich die Stadtplanerin auch wünscht, dass die Stadt den Zuschlag für ein „Grünprojekt“ 2027 oder 2029 bekommt, eine Gartenschau. Damit einher gehen muss die Verkehrsentlastung durch eine Umgehungsstraße . . .

Ihren halbstündigen Marathon durch sämtliche Lebensbereiche der Stadt quittieren die Ratsmitglieder mit Beifall. Es gibt aber auch Kritik. Heinrich Reh, FWV-Fraktionsvorsitzender, sieht einiges – etwa eine „überaus positive Entwicklung“ der Stadt – übertrieben formuliert. Das, befürchtet er, könne „kontraproduktiv“ sein. Hier und dort erkennt er auch Formulierungen, die überholt oder gar falsch sind, etwa was die Ärzteversorgung oder die Beschreibung der Umgehungsstraße betrifft.

„Doch einiges geleistet“

Rathauschef Zimmermann sieht darin kein grundsätzliches Manko: Die vorliegende Arbeit sei eine „reine Absichtserklärung innerhalb eines dynamischen Prozesses“. Und eine wichtige             Orientierungshilfe obendrein, wie Axel Spix von der Offenen Liste ergänzt. CDU-Stadtrat Günther Kubin pflichtet dem bei – unter Hinweis, dass in Gaildorf in jüngster Zeit „doch einiges geleistet“ worden sei. So sieht es auch Bernhard Geißler, Fraktionssprecher der Offenen Liste. Er habe „größten Respekt“ vor der „Riesenarbeit“, die hier geleistet worden sei. Er moniert jedoch das fehlende Jugendhaus. CDU-Ratsmitglied Rainer Baumann lobt kurz und pragmatisch die SPD, die keinen Kommentar abgibt, um die Debatte nicht in die Länge zu ziehen. Die Fraktion habe offensichtlich erkannt, um was es gehe: „Wir brauchen dieses Konzept, um gefördert zu werden, alles Weitere werden wir später machen.“

Nun gilt die Abstimmung über das Konzept als Formsache: Heinrich Reh enthält sich der Stimme, alle anderen Räte heben die Hand. Zuvor hatte der Bürgermeister noch einmal festgestellt, dass der Zuschlag für die Gartenschau „eine Riesenchance“ darstelle für Gaildorf und das Limpurger Land.