Der Historiker Klaus Graf sieht ein wenig aus wie der SPD-Politiker Peer Steinbrück, und er wirkt auch durchaus finanzministerlich, als er dem Vorsitzenden des Historischen Vereins für Württembergisch Franken Dr. Ernst Breit erklärt, dass die historischen Vereine ihre Publikationen digital öffentlich machen müssten. Das letzte Wort betont er, und es fehlt nicht viel zum erhobenen Zeigefinger – der Satz ist eher Mahnung als Aufforderung.

Es geht um Johann Gottfried Pahl an diesem vom Historischen Verein und der evangelischen Kirchengemeinde organisierten Abend im Fichtenberger Gemeindehaus, zu dem etwa 20 Zuhörer gekommen sind. Insbesondere Margret Simon hat sich für diese Veranstaltung stark gemacht. Sie hat auch im Jubiläumsband „1200 Jahre Fichtenberg“ ein Kapitel über Pahl verfasst.

Glänzend ausgestattete Pfarrei

Der Aufklärer, Publizist und spätere Landtagsabgeordnete, der vor 250 Jahren zur Welt kam, hatte 1814, nach Stationen in Neubronn und Affalterbach, in „Viechberg“ eine „glänzend ausgestattete Pfarrei“ vorgefunden, in der er sich recht wohlfühlte – nicht zuletzt, weil „in der rauhen Waldgegend nicht allzuviel lästiger Besuch zu erwarten war“.

Unglücklicherweise enden just in Fichtenberg Pahls nachgelassene Lebenserinnerungen. Pahls Sohn Wilhelm hatte sie im Jahr 1840, ein Jahr nach Pahls Tod, unter dem Titel „Denkwürdigkeiten aus meinem Leben und aus meiner Zeit“ veröffentlicht. Und so finden sich unter den Pahlschen Fichtenbergensia lediglich eine 59-seitige Pfarrbeschreibung und einige Hinweise in Briefen etwa an den aus Abtsgmünd stammenden katholischen Theologen und Philosophen Jakob Salat.

Als politischer Publizist, Historiker, Satiriker und auch Romanautor war Pahl in seiner Zeit von großer Bedeutung – und wegweisend: Seine religiös begründete Ethik, sein liberales Denken, sein aufklärerischer Habitus und seine Vorstellungen von einer evolutionären und nicht revolutionären Politik waren für damalige Verhältnisse wohl außergewöhnlich, wirken aber nachhaltig bis in die Gegenwart.

Gerühmt wird Pahl viel, insbesondere jetzt im Jubiläumsjahr, gelesen freilich kaum noch – obwohl fast alle seine Schriften online bequem zu finden sind. Graf hat für Wikisource ein komplettes Verzeichnis erstellt, von dem aus man sich in Pahls Werke hineinschaffen kann.

Graf hat auch, auf Anregung von Reiner Wieland von der Stiftung Literaturforschung in Württemberg, zu Pahls 250. Geburtstag die Monographie „Ein politischer Kopf aus Ostschwaben“ zusammengestellt – nicht als finales Werk der Pahl-Forschung, sondern als Anregung zum Weiterlesen. Es enthält eine gründlich zusammengestellte, wenn auch kurze Biografie und eine erläuternde Einordnung der verschiedenen publizistischen Genres, in denen Pahl sich bewegt hat.

Mit Kerner per Du

Pahl war auch ausgezeichnet vernetzt. Der Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher (1749-1827) zählte unter anderen zu seinen Freunden, ebenso der Haller Altertumsforscher und Begründer der Nordistik Friedrich David Gräter (1768-1830) – wiewohl dieses Verhältnis wegen Gräters servilem Verhalten gegenüber dem König zuletzt deutlich abkühlte. Bisher kaum erwähnt ist das Verhältnis Pahls zu dem Dichterarzt Justinus Kerner. Die beiden, sagt Graf auf Anfrage von Theo Simon, seien gar per Du gewesen, was damals sehr ungewöhnlich gewesen sei.

Ein Blogger wäre Pahl heute, sagt Graf, selbst Blogger. Einer, der sich einmischen, gegen Fake News, Fremdenfeindlichkeit und rechte Umtriebe eintreten würde. Denn Pahl habe sich zwar als Württemberger und Deutscher verstanden, sich aber immer auch als Weltbürger gesehen.