Geschichte Der „schwarze Tod“ wütet grausam

Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 11.08.2018
Rundschau-Serie (4): Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Auf die mordenden und plündernden Söldner-Horden folgte neues Unheil. Die Pest raffte die Hälfte der Menschen im Limpurger Land dahin.

Ungezählte Menschen haben die marodierenden Horden auf dem Gewissen, die in Diensten der kaiserlichen Armee das Limpurger Land heimgesucht hatten. Als sich das Kriegsgeschehen im Spätsommer 1634 in Richtung Rhein- und Maingegend verlagerte, wagten sich die Überlebenden langsam aus ihren in dichten Waldgebieten eingerichteten Verstecken hervor.

Was sie – inzwischen war es Herbst geworden – vorfanden, war den wenigen Überlieferungen zufolge unbeschreiblich: Sämtliche Häuser waren geplündert, viele davon niedergebrannt. Die Vorräte an Nahrungsmitteln waren von den Eindringlingen mitgenommen oder zerstört worden. Schnell zeichnete sich eine Hungersnot größten Ausmaßes ab: Weil die Felder nicht bestellt werden konnten, gab es auch nichts zu ernten.

Ratten auf dem Speiseplan

Der Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher kommentiert den Zustand des Limpurger Gebiets im ersten Band seiner Beschreibung der Grafschaft Limpurg (1789): „Ein Land, von allen Lebensmitteln entblößt, ohne Vorrath, ohne Hofnung einer nahen und hinlänglichen Erndte, ohne sichre Gewerbe!“

In späteren Forschungsberichten – etwa in der 1890 verbreiteten „Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegs-Noth zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges“ aus der Feder des königlichen Bezirksarztes Dr. Gottfried Lammert – ist davon die Rede, dass die Menschen durch Hunger „zum Genusse ganz unnatürlicher Nahrung“ getrieben worden seien. Hier und dort werden ekelhafte Details genannt: Ratten oder Aas standen oft auf dem Speiseplan.

Das blieb nicht ohne Folgen. In Aalen etwa grassierte gegen Ende des Jahres 1634 „in den mit Einquartierung dicht besetzten Häusern und bei grosser Theuerung eine heftige Seuche“, heißt es in Lammerts Aufzeichnungen. Ungezählte Menschen starben an Typhus – und an der Pest, die sich rasend schnell ausbreitete.

Sterblichkeit versiebenfacht

Noch war das bis dahin schlimmste Jahr in der Geschichte des Limpurger Landes nicht zu Ende, schon forderte neues Unheil weitere Opfer. „Den Uebriggebliebenen“, schreibt Pfarrer Prescher, „mußte auch gar bald in grosen Haufen die lezte Liebe erwiesen werden. Denn auf die Verwüstung des Landes folgte nothwendig der Hunger, und diesem sein Gefährte, die Pest.“

Gottfried Lammert veröffentlichte 100 Jahre später – auch nach Auswertung der von Prescher benutzten Quellen – eine konkrete Zahl: Allein in der damaligen Limpurger Herrschaft Gaildorf waren 1634 insgesamt 2612 Menschen an den Kriegsfolgen oder an Hunger und Pest gestorben. Und es sollte noch schlimmer kommen: Allein in dem damals gerade mal 1200 Einwohner zählenden Residenzstädtchen fielen 1635 mehr als 200 Menschen der Pest zum Opfer.

Die Sterblichkeit hatte sich innerhalb kürzester Zeit versiebenfacht – in einer Zeit, als Gaildorf noch keinen eigenen Friedhof hatte. Ob die Pesttoten der Stadt wie die übrigen Verstorbenen im nahe gelegenen Münster auf dem dortigen kleinen Kirchhof oder auf einem der neu angelegten „Pestfriedhöfe“ bestattet wurden, ist nicht bekannt.

Verlässlich überliefert ist nur: Die Leichen wurden in den Jahren 1634 bis 1637 auf einem eigens dafür angefertigten „Totenwagen“ aus der Stadt gekarrt. Dieser hölzerne Wagen existiert heute noch. Das Gefährt, bis in die 1980er-Jahre auf dem Dachboden der Kirche in Münster aufbewahrt, befindet sich im Keller des Stadtmuseums im Alten Schloss.

Das große Sterben stellte damals auch die „verscheuchten Geistlichen“ (Prescher), die wieder ins Limpurger Land zurückgekehrt waren, auf die Probe: Es war ihnen nicht mehr möglich, für jeden einzelnen Verstorbenen eine Leichenpredigt zu halten. Superintendent Georg Albrecht und Diakon Johann Mair verständigten sich auf eine Notlösung: Jede Woche hielt einer der beiden Kirchenmänner in Münster zwei „Generalleichenpredigten“ für sämtliche Pesttoten.

Verzweifelter Kirchenmann

Von Albrecht stammt auch die Liste der Verstorbenen des Jahres 1635 aus einigen der umliegenden Ortschaften: In Oberrot starben den Notizen zufolge 218 Menschen an der Pest, in Viechberg, dem heutigen Fichtenberg, waren es 260, in Sulzbach 391 Tote. All diese Sterbefälle – darunter 271 Tote in Gaildorf – sind in den Kirchenbüchern genannt. In seiner Verzweiflung notierte Georg Albrecht am Ende seines Verzeichnisses: „Es ist genug, Herr, laß nun deine Hand abe!“

Alles Flehen des Geistlichen half nichts. Die Pest wütete weiter bis zum Jahr 1637. Am Ende hatte die Seuche 678 Gaildorfer hinweggerafft – etwa jeden zweiten Einwohner des Städtchens. Innerhalb der Grenzen der damaligen Herrschaft Limpurg sollen es mehr als 1600 Pesttote gewesen sein.

Ungeklärte Schicksale

Verlässliche Angaben über die Todesfälle – vergleichbar mit heutigen statistischen Erhebungen – gibt es nicht. Das liegt daran, dass in einigen Orten die Kirchenbücher verschollen, in den vorhandenen die Einträge lückenhaft sind. Hinzu kommt, dass das Schicksal vieler Menschen nie geklärt werden konnte bzw. aufgefundene Tote nicht mehr zu identifizieren waren.

Info Sterben bestimmte während des Dreißigjährigen Krieges den Alltag der Menschen im Limpurger Land. In der nächsten Folge unserer Serie geht es um mysteriöse Todesfälle in Eutendorf.

Hall kauft sich frei und kann die Plünderung abwenden

Glück und Geld bewahrten die Stadt Hall im Jahr 1634 vor einer Katastrophe, wie sie Gaildorf erdulden musste. Sie „erwehrte sich der streifenden Rotten bis zum zweyten September“, heißt es in Heinrich Preschers Limpurg-Beschreibung (Band 1, 1789). Der legendäre, aus Irland stammende Oberst Walter Butler (in der Literatur auch Buttlar geschrieben) hatte die Stadt „mit einem starken Kriegshaufen von Kroaten und anderm Volk“ belagert. Und, so Prescher weiter, „da er nicht eingelassen werden wollte“, habe er einen „wüthenden Angriff auf das neue Thor“ befohlen und „es auch sogleich in Brand“ gesteckt. Schließlich besannen sich die Verteidiger auf die Wirtschaftskraft der Stadt: Hall „kaufte die Besazung und Plünderung mit Geld ab“. Butler und sein kaiserliches Heer zogen nun weiter und belagerten Schorndorf, das die Söldner in Schutt und Asche legten. Butler starb dort am 25. Dezember im Alter von 34 Jahren. Er soll übrigens maßgeblich an der Ermordung Wallensteins am 25. Februar 1634 beteiligt gewesen sein. kmo

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