Bunt gemischt ist das Völkchen, das sich am oberen Ende der Marktstraße zur Demo versammelt hat. Gut 50 Ältere und Jüngere, Familien und Einzelpersonen – Impfgegner, alternative Mediziner, Verschwörungstheoretiker, Weltverbesserer oder einfach besorgte Bürger aus Murrhardt und Umgebung proklamieren und diskutieren an dieser Stelle, wo durch die kleine Treppe hinauf zur Kreissparkasse ein praktisches, kleines Podium entsteht.

Aggressive Stimmung

Mitorganisatorin Angela Tscholl, die verschiedentlich Mahnwachen während des Murrhardter Wochenmarkts organisiert, moderiert die Beiträge bei dieser dritten Samstagsveranstaltung in Folge: „Wir treffen uns hier, weil wir durch die Geschehnisse und Maßnahmen sehr verwirrt sind und Angst haben um unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft.“ Es solle einen Fachbeitrag geben, dann die Möglichkeit für spontane Beiträge und als Ausklang einen meditativen Tanz.

Die Stimmung ist zunächst recht aggressiv, die wochenlangen Einschränkungen werden als „verfassungswidrig, unverhältnismäßig und widersprüchlich“ angeprangert. Mit dem Plakat „Orwell Covid19-84“ werden Parallelen zum totalitären Überwachungsstaat in James Orwells Klassiker „1984“ aus dem Jahre 1948 gezogen. Gemeint sind die neue Corona-App und angeblich geplante Mikrochips zur Impfung. Immer wieder wird gefragt: „Was steckt dahinter? Das Virus allein kann’s doch nicht sein!“
Wir brauchen einen sofortigen, unabhängigen Corona-Untersuchungsausschuss“ ist die misstrauische Forderung nach Aufklärung. „Wir sollten nicht nur Wähler sein, sondern (mündige) Bürger und Menschen.“ Herangezogen wird auch die Aussage „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!“ als ein angebliches Goethe-Zitat.
Der Vortrag des Murrhardter Arztes Rainer Soeder bringt etwas Struktur in die Debatte. Er bestätige aus eigener, 40-jähriger Erfahrung die Ansicht, dass zum einen die Konstitution meist entscheidend sei für eine Pandemie durch Bakterien oder Viren. „Schlechte soziale Umstände, Hunger, Lichtmangel sind Hauptursache für einen Ausbruch.“ Auch Angst vor der Ansteckung sei ein schlechter Ratgeber für die Bewältigung. Als zweiten Auslöser einer Pandemie macht er kosmische Strahlungen durch zu starke oder zu schwache Sonnenfleckentätigkeit aus.

Krankheit als Chance

Als Anthroposoph sehe er eine Krankheit immer auch als Chance im Leben, welche die betroffene Person in ihrer Gesamtheit stärken kann. Dennoch ist er beunruhigt ob der Heftigkeit der Lage: „Noch nie in meinen 40 Jahren als Arzt ist mir begegnet, dass bei einer Grippe Leute wochenlang auf der Intensivstation beatmet werden müssen, dass Seelsorger und Ärzte daran sterben wie jetzt, dass zusätzlich Blutgerinnsel für tödliche Embolien sorgen. Diese Geschichte hier ist von ganz anderen Eltern!“ Leider seien die ergriffenen Maßnahmen abgesehen von der Infektionsminderung stark gesundheitsgefährdend: „Arrest, isolierte Alte – keine Sonne, Depressionen...“

Viele Fragezeichen zu Impfstoff

Dann analysiert Soeder die Strategien der Krisenbewältigung. „Deutschland und die USA setzen auf die Entwicklung eines Impfstoffs.“ Allerdings gebe es da noch viele Fragezeichen bezüglich Entwicklungszeit, Nebenwirkungen und Dauer der Immunität. Damit gießt der Mediziner Wasser auf die Mühlen der zahlreich anwesenden Impfgegner, die heftig applaudieren, wiegelt jedoch ab: „Man sollte nicht alle Impfungen in einen Topf werfen. Wenn ich nach Nepal reisen würde, würde ich mich auf jeden Fall gegen Polio impfen lassen.“ Eine junge Mutter, die schon als Kind aus Überzeugung nicht geimpft wurde, hakt ein: „Das sollte aber jeder selbst entscheiden dürfen.“ Schweden setze auf die Herdenimmunität – „kein sehr freundlicher Ausdruck“. Bei 50 bis 70 Prozent Durchseuchung sei dann der Rest der Bevölkerung geschützt.

Andere Stimmen sehen die Krise auch als Chance zur Entwicklung. „Es gibt ja auch die Kehrseite“, gibt ein älterer Herr zu bedenken. „Das war doch auch ein Segen, wie wir aus der Hektik des Alltags geführt wurden, Zeit hatten für Familie, wie sich die Natur erholt hat. Ich sehe das als hoffnungsvolles Zeichen.“ Eine silberhaarige Frau sieht eine große Wandlung kommen und singt inbrünstig ins Mikrofon: „Vollkommener Frieden, vollkommene Freiheit, auf dass die Menschen glücklich sind, dass Mutter Erde in Frieden lebt.“
Der Lockdown hat die Menschen mitgenommen. Die 57-jährige Heike Wurst bekennt, am 2. Mai in Stuttgart erstmals in ihrem Leben auf einer Demo gewesen zu sein: „Ich hab das nicht mehr ausgehalten, diese Isolation.“ Deshalb bietet die Heilpraktikerin als Abschluss eine Tanztherapie an: „Das Aussteigen aus der Angst, aus der Schockstarre, ist jetzt unsere Hauptaufgabe. Bewegung und Naturerlebnis haben da schon immer geholfen.“