Was bleibt den Lebenden vom Krieg? Vielfältige Antworten hierauf gibt der aus Oberrot stammende Tübinger Journalist und Schriftsteller Kurt Oesterle in seinem Buch „Die Erbschaft der Gewalt“. Am Freitag stellte er es im Dorfgemeinschaftshaus in Hausen vor.

„Der 1. Weltkrieg gilt als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Was sie für Landschaften, Länder, Menschen und ihre Seelen bedeutet hat, das möchte ich aufzeigen“, erklärte Oesterle den 46 Frauen und Männern, die zur Lesung gekommen waren. Sein Buch „Die Erbschaft der Gewalt“ umfasst acht Essays. Es sind acht Blickwinkel auf die Kriegsereignisse.

Oesterles Schwerpunkt an diesem Abend: die Ereignisse an der Somme. 800 Kilometer lang war die Frontlinie, die von Basel bis nach Flandern verlief. Die Schlacht bei Verdun (Februar bis Dezember 2016), der Oesterle ein eigenes Essay widmet, beschreibt er in wenigen Zahlen, die jedoch viel Leid ahnen lassen: „Acht Monate lang wurde unablässig geschossen. Allein am ersten Tag ihrer Offensive (...) feuerten die Deutschen 936 000 Granaten aller Kaliber auf die Stadt und die französischen Linien. In den rund 40 Hauptkampfwochen verschossen die deutschen Batterien 1,35 Millionen Tonnen Artilleriemunition.“ 700 000 französische und deutsche Soldaten starben vor Verdun oder wurden verwundet. Hinzu kamen 130 000 Tote, so verletzt, dass sie nicht zu identifizieren waren. Ihrer wird im Beinhaus Douaumont gedacht.

Im Boden der Region liegen heute noch Leichen und teils scharfe Kriegsmunition. „Die Landschaft dort ist selbst eine Kriegsverwundete. Erst 90 Jahre später ist es gelungen, die Wälder bei Verdun wieder aufzuforsten“, berichtet Oesterle.

Im Rahmen seiner Recherchen reiste er entlang der einstigen Somme-Front, besuchte Friedhöfe und Mahnmale: „Ich habe nach Verdun fahren und auch all die Museen und Landschaften anschauen müssen, um zu begreifen, was das Händchenhalten von Kohl und Mitterrand wirklich bedeutet hat“, berichtet Oesterle. Bei einer Gedenkfeier vor dem Beinhaus Douaumont bei Verdun am 22. September 1984 hatten sich Kanzler Helmut Kohl und Staatspräsident Francois Mitterrand zum Zeichen der Versöhnung die Hände gereicht.

Kurt Oesterles Zugang zum Thema Krieg ist familiär bedingt und beispielhaft für viele in Deutschland: „Eingezogen wurde mein Opa im Juni 2015, gerade mal 21 Jahre alt. Drei Jahre hat er an der Somme-Front gekämpft. Er hatte den Krieg in jeder Faser seines Körpers. Mit einer schwer heilenden Wunde am Bein kehrte er nach Hause zurück.“

Als Kind lauschte Oesterle gebannt den Erzählungen seines Opas. Getarnt und formuliert als „Märchen-Spiel“ – der kleine Kurt war als Däumling des Opas im Schlachtfeld dabei – erzählte der alte Mann von Schauplätzen und seinen Erlebnissen an der Front. Eine solche Aufarbeitung hatte der Veteran bereits Ende der 1920er-Jahre gewählt, als er seinen beiden Söhnen so „märchenhaft“ vom Krieg erzählte. In der Weimarer Republik sei der Opa Sozialdemokrat gewesen, berichtet Oesterle. Er habe sie jedoch nicht wirksam warnen können. „Sie haben beide an Hitler geglaubt und für ihn gekämpft.“ Nur Oesterles Vater überlebte.

„In unserer Familie wurde immer viel miteinander geredet und diskutiert. Aber erst nach 1968 hat er angefangen, mir die Wahrheit zu erzählen, über Motiv und Einsatz im Krieg.“ Auf Wunsch des Vaters habe er damals Zivildienst gemacht, so Oesterle.

Wertvoller Teil der Wahrheit

Ist die Auseinandersetzung mit den Kriegen erst Thema für Menschen im reiferen Alter? Daraufhin der 63-Jährige: „Unsere deutsche Geschichte ist so kompliziert, dass man lange braucht, um sie zu verstehen.“ Aber für ihn steht fest: Was Zeitzeugen sagen – oder zu sagen hatten – das sei relevant. „Durch meine Recherchen habe ich vieles nacherlebt. Aber auch ich bin nur Zeuge zweiten Grades.“ Sein Fazit: „Was Zeitzeugen berichtet haben, ist ein wenig verzerrt, sicher nie die ganze Wahrheit. Aber sie ist ein wertvoller Teil davon.“

Oesterles Texte sind bildhaft, beeindruckend, aber nicht moralisierend. Er versucht nicht, die Schuldfrage zu klären. Was er als „Erbschaft“ beider Kriege bezeichnet? „Den Umgang damit, wie die Erinnerungen gepflegt werden. In unseren Familien, aber auch in den Kulturen Englands, Frankreichs, Deutschlands. Mit welchen Mitteln, Mahnmalen an die Ereignisse erinnert wird.“ Seine Essays holen Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte sei für jeden wichtig: „Komme in den Besitz deiner persönlichen Geschichte, forsche und frage nach. Dann wirst Du eher davor geschützt sein, politisch dummes Zeug zu machen.“

Info Kurt Oesterle, „Die Erbschaft der Gewalt“, Klöpfer & Meyer 2018, 20 Euro.