Gaildorf Dreißigjähriger Krieg: das Heer der namenlosen Toten

Engelsfiguren auf einer teilweise verwitterten Grabplatte im Gaildorfer Schillergarten, dem früheren Stadtfriedhof, der erst nach dem Dreißigjährigen Krieg angelegt wurde. Wem dieses kleine Denkmal gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln. Es mag symbolisch für die vielen vergessenen Toten des Limpurger Landes stehen.
Engelsfiguren auf einer teilweise verwitterten Grabplatte im Gaildorfer Schillergarten, dem früheren Stadtfriedhof, der erst nach dem Dreißigjährigen Krieg angelegt wurde. Wem dieses kleine Denkmal gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln. Es mag symbolisch für die vielen vergessenen Toten des Limpurger Landes stehen. © Foto: Klaus Michael Osswald
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 18.08.2018
Wer das Schlachten und die Pest im Limpurger Land überlebte, drohte zu verhungern. Eine Serie mysteriöser Todesfälle ist bis heute ungeklärt.

Es muss recht frostig gewesen sein im Februar des Jahres 1636, als in einem Waldstück bei Eutendorf die Leiche einer vermutlich erfrorenen Frau gefunden wurde. Außer der Tatsache, dass die sterblichen Überreste der vermeintlich Unbekannten am 14. Februar bestattet wurden, sind keinerlei Hinweise auf ihre Identität überliefert. Stutzig indes macht der in den Kirchenbüchern entdeckte Eintrag, dass es sich um eine „Betteldirn“ gehandelt haben soll. Hat man sie also doch gekannt im Ort? Warum ist sie erfroren? Wurde sie vielleicht umgebracht? Fragen, die damals, mitten im Dreißigjährigen Krieg, kaum jemand interessierten. Jeder war sich selbst der Nächste.

Die Heimat verlassen

Wer die Überfälle mordender Söldnertruppen und später die Pest überlebt hatte, zählte zur Hälfte derjenigen Menschen im Limpurger Land, denen nun der Hungertod drohte. Die Felder konnten nicht bestellt werden, ans Ernten war also nicht zu denken. Die wenigen Vorräte waren von den Eindringlingen mitgenommen oder vernichtet worden. Der ausgemergelten Bevölkerung blieb in größter Not nichts anderes übrig, als ihre Dörfer und Höfe zu verlassen und dorthin zu ziehen, wo sie Sicherheit und vor allem eine Überlebenschance vermuteten.

Es war in den Jahren 1635 und 1636, als ganze Siedlungen im Raum Gaildorf verlassen, ja, aufgegeben wurden. Ziele der Verzweifelten waren in erster Linie die Gebiete der damaligen freien Reichsstädte wie Hall, Schorndorf oder Gmünd. Oft verlieren sich die Spuren der Migranten. Viele erreichten ihre selbstgewählte neue Heimat nicht, wurden an den Stadttoren abgewiesen, fielen versprengten Truppenteilen zum Opfer, verhungerten, erfroren oder starben an Erschöpfung und Krankheit.

Misstrauen gegen alles Fremde

Das restlos ausgeplünderte Residenzstädtchen Gaildorf kam als Zufluchtsort nicht mehr in Frage. Das öffentliche Leben war dort völlig zum Erliegen gekommen. In dem ansonsten weltoffenen Gemeinwesen hatte darüber hinaus ein hohes Maß an Miss­trauen gegen alles Fremde die Oberhand gewonnen.

Umso mehr rückten umliegende Ortschaften in den Mittelpunkt des Interesses, merkwürdigerweise solche, die unter der grassierenden Armut und unter Seuchen besonders zu leiden hatten, in denen es keinerlei Erwerbsmöglichkeiten gab: Eutendorf etwa.

Obwohl das in den einschlägigen regionalen Geschichtsbüchern und Chroniken mit keiner Silbe erwähnt ist: Das einstmals selbstständige Pfarrdorf Eutendorf, durch den Krieg arg mitgenommen und ausgeblutet, war offensichtlich eine der wichtigsten Anlaufstellen für Bettler – oft sogar die letzte.

Die Ursache dürfte „in der relativ offenen geographischen Lage zu suchen sein.“ So führe etwa der Abschnitt „Ortsfremde“ in den Kirchenbüchern rund 450 Positionen auf – mit Blick auf vergleichbare Kommunen in Zentralwürttemberg „mehr als das Doppelte.“ Zu diesem Schluss kommt der Genealoge Prof. Dr. Burkhart Oertel aus Neubiberg. Er hatte bei der Erarbeitung des Familienbuchs für Eutendorf, 2009 herausgegeben, in den erhaltenen Kirchenbüchern Hinweise darauf gefunden. Und auch Haarsträubendes, nämlich eine ganze Reihe mysteriöser Todesfälle: Innerhalb weniger Monate starben auf Gemarkung Eutendorf 16 Bettler – Männer, Frauen und Kinder – auf ungeklärte Art und Weise. Darunter die genannte „Betteldirn“. In nur wenigen Fällen sind das ungefähre Alter oder die Herkunft der Toten vermerkt. Namen sind nicht überliefert. Peinlich genau indes ist jeweils das Datum der Bestattung notiert.

„Bettelbüblein von Gschwend“

Die unheilvolle Serie begann am 25. April 1635, als „ein Bettelmann, der in Urbis Jacklins Haus gestorben“ war, zu Grabe getragen wurde. Der jüngste der unbekannten Toten war gerade mal zwei Jahre alt, ein „Bettelbüblein von Gschwend“ (zu den einzelnen Eutendorfer Todesfällen siehe untenstehende Info-Box).

Dass Sterben damals den Alltag der Menschen in hiesigen Breiten bestimmte, belegt die Statistik, die der Wissenschaftler Oertel für Eutendorf erarbeitet hat. Die Zahlen der Todesfälle erreichten für den betreffenden Zeitraum Höchstwerte: 1635 mussten 62 Menschen zu Grabe getragen werden, während der frisch eingesetzte Pfarrer Karl Roschmann nur 16 Kinder taufen konnte. Besonders gravierend war die Situation 1636: Fünf Taufen standen 83 Beerdigungen gegenüber.

Eutendorf ist sicher kein Einzelfall oder gar ein Ort des Grauens, in dem laufend mysteriöse Todesfälle für Aufregung sorgten. Nur: Während es für Eutendorf noch Aufzeichnungen gibt, fehlen solche für andere Orte.

Gestorben, begraben, vergessen: 16 Todesfälle geben Rätsel auf

Die im „Familienbuch“ für Eutendorf von Burkhart Oertel gelisteten Einträge über die 16 toten Bettler, die der Wissenschaftler den Kirchenbüchern entnommen hat, hier im Wortlaut. Die Daten geben jeweils den Tag der Bestattung an. Hinweise auf die Todesursachen fehlen, ebenso wie die Namen der Toten.
25. April 1635: Ein Bettelmann, der in Urbis Jacklins Haus gestorben, unbek(annt).
18. Juni 1635: Ein Bettelfrau, so in Lienhart Mangolts Haus gestorben; ihr Mann ist morgens früh davon gezogen.
13. November 1635: Bettelbüblein v(on) Gschwend, 2 J(ahre alt).
28. Dezember 1635: Bettelmädlin, uff die 12 J(ahre alt).
4. Februar 1636: Eine Bettelfrau zu Großaltdorf, unbek(annt).
11. Februar 1636: Ein Bettelbub v(on) Holzhausen.
14. Februar 1636: Eine Betteldirn, im Wald erfroren.
13. März 1636: Ein Bettelbub, gestorben in d(er) Herberge.
12. April 1636:
Ein Bettelbub v(om) Wurzelhof.
1. Mai 1636: Ein Bettelmann, unbek(annt).
23. Mai 1636: Ein unbek(anntes) Bettelmedlin, 12 J(ahre alt).
20. Juni 1636: Eine Bettelfrau zu Großaltdorf.
27. Juli 1636: Ein Bettelkind vom Hugenhofe.
28. Juli 1636: Ein junger Gesell von 18 J(ahren), dem Almosen nachgegangen, gestorben in Kleinaltdorf.
6. August 1636: Ein Bettelbub, gestorben in Kleinaltdorf.
3. Februar 1637: Ein Bettelmann von Sechselberg.
Hinweis: Das Buch enthält weitere 22 ungeklärte Todes­fälle für die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, der 1648 endete, bis zum Jahr 1801.

In der nächsten Folge unserer Serie berichten wir über Orte, die im Krieg verlassen wurden – und heute nicht mehr existieren.

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