Forschung Das „Vampirhirschle“ namens Eisele

Dieter Eisele im Steinheimer Museum vor dem Skelett-Abguss des nach ihm benannten „Micromeryx? eiselei“.
Dieter Eisele im Steinheimer Museum vor dem Skelett-Abguss des nach ihm benannten „Micromeryx? eiselei“. © Foto: df
Oberrot/Steinheim / Klaus Michael Oßwald 01.09.2018
Eine längst ausgestorbene Tierart ist nach Dieter Eisele benannt, dem früheren Bürgermeister von Oberrot und Steinheim. Es handelt sich um ein bislang nicht bekanntes Moschustier.

Was hat der frühere Oberroter Bürgermeister Dieter Eisele seinen Nachfolgern Günter Mayr, Werner Strack und Daniel Bullinger voraus? Eine Tierart, vor Jahrmillionen ausgestorben, ist nach ihm benannt – nämlich „Micromeryx? eiselei“. Wichtig ist – vorerst noch – das Fragezeichen in der lateinischen Bezeichnung. Es ist zwar ziemlich wahrscheinlich, aber eben noch nicht restlos geklärt: Der fossile Fund könnte nicht nur das Relikt einer bislang unbekannten Art sein, sondern sogar einer neuen Gattung.

Bei dem Vierbeiner handelt es sich um ein Moschustier von der Größe eines Rehkitzes. Zwei Teilskelette davon, etwa 14 bis 15 Millionen Jahre alt, hatte der renommierte Paläontologe Dr. Elmar Heizmann, damals noch Student, bereits in den Jahren 1969 und 1971 bei Grabungen im Steinheimer Becken entdeckt.

Vom Rottal zum Albuch

In dieser Zeit war der gebürtige Balinger Dieter Eisele – der im November seinen 80. Geburtstag feiert – noch Bürgermeister im Rottal und hatte mit dem Zusammenschluss der beiden selbstständig gewesenen Gemeinden Oberrot und Hausen alle Hände voll zu tun. 1972 bewarb er sich um die Bürgermeisterstelle in Steinheim am Albuch und konnte sich auf Anhieb gegen drei Mitbewerber durchsetzen.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im Kreis Heidenheim, die 30 Jahre dauern sollte, verfolgte und förderte Dieter Eisele mit größtem Interesse die Ausgrabungen im Steinheimer Becken, das einst durch den Einschlag eines Meteoriten entstanden war. Damals lernte er Elmar Heizmann kennen, eben den Finder des fossilen „Vampirhirsches“, der heute seinen Namen trägt. Heizmann, Jahrgang 1943, hatte seine Doktorarbeit über „Die Carnivoren (Raubtiere) des Steinheimer Beckens“ geschrieben. Er war später maßgeblich daran beteiligt, dass die Schwäbische Alb durch die ­Unesco als Geopark anerkannt und ausgewiesen wurde. Im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart, unter dessen Dach das Steinheimer Meteorkratermuseum angesiedelt ist, leitete er die paläontologische Abteilung.

Heizmann wusste damals, als er die Reste des kleinen Hirsches zutage förderte, noch nicht, dass es sich dabei um eine echte Sensation handelte. Jahrelang war die originalgetreue Nachbildung des Skeletts im Steinheimer Museum ausgestellt. Erst 2017 hatten Dr. Manuela Aiglstorfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturkundemuseum, sowie weitere Forscher aus Stuttgart, Basel und Wien Näheres über die jahrzehntealten Funde ermittelt.

Durch Computertomographie entdeckten sie Unterschiede zu einer bisherigen Art, Abweichungen an Knochen- und Zahnbau sowie am Schädel, wie die Heidenheimer Zeitung berichtet. Das Urtier aus dem Miozän – der erdgeschichtlichen Epoche, die vor etwa 23 Millionen Jahren begann und vor 5 Millionen Jahren endete – sei größer gewesen als der bisher bekannte Micromeryx (ohne Fragezeichen) flourensianus.

„Warum auch nicht!“

Und vor allem: Die Männchen hatten lange Eckzähne, wohl, wie die Wissenschaftler vermuten, um den weiblichen Artgenossen zu imponieren. Elmar Heizmann schließlich war es, der die Idee hatte, das eben wegen seiner Eckzähne Vampir- oder Säbelzahnhirsch genannte, neu entdeckte Moschustier „Micromeryx? eiselei“ zu nennen. In Anerkennung der großen Verdienste, die sich Dieter Eisele durch die Einrichtung des Steinheimer Museums erworben hatte.

Gefragt worden sei er nicht, schmunzelt Eisele, freut sich aber dennoch, dass er nun Namensgeber für eine vor vielen Millionen Jahren ausgestorbene Tierart geworden ist. Und er kommentiert diese Ehrung mit einem schwäbisch-knitzen Augenzwinkern: „Warum auch nicht!“

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