Es ist eine fast schon unwirkliche Szenerie: Der Innenraum des Carty sieht aus, als würden jeden Augenblick die ersten Gäste hereinkommen. Alles ist an seinem Platz, im Hintergrund wummert ein Lautsprecher. Doch eine Sache will nicht so recht ins Bild passen: Auf zwei Tischen liegen Stoffbahnen neben Singer-Nähmaschinen. Eine Stehlampe erleuchtet den Arbeitsplatz, den Tina Grünberg sich dort eingerichtet hat. Eigentlich kümmert sie sich um die Besucher und organisiert vieles im Hintergrund. Doch dann kam Corona. Das Carty in der Grabenstraße musste schließen. Zehn Wochen ist das nun her. Zehn Wochen, die bei vielen Menschen alles verändert haben.

Bands vom anderen Kontinent

Für Tina Grünberg war schon vor Beginn der Pandemie klar, dass Ende dieses Jahres für sie Schluss ist in der Gaildorfer Szene-Bar. Die gibt es seit 30 Jahren unter wechselnder Leitung; die 39-Jährige lenkt seit 2009 deren Geschicke. In dieser Zeit hat sie vieles auf die Beine gestellt, das über einen klassischen Kneipenbetrieb weit hinausgeht. Livebands aus aller Herren Länder sind schon zwischen Kocher und Altem Schloss aufgetreten. „Sogar King Of The North aus Australien“, blickt sie zurück. Eine erfolgreiche DJ-Reihe ergänzte in den vergangenen Jahren das Kulturprogramm.

Doch nach reiflicher Überlegung entschied sie sich, ab 2021 einen neuen Weg einzuschlagen. Die gelernte Modedesignerin will ihr eigenes Modelabel auf die Beine stellen. Die Corona-Krise hat sie inmitten dieser Überlegungen unerwartet und schwer getroffen – einerseits. Denn ist das Carty zu, fließen keine Einnahmen. Pacht und Nebenkosten wollen aber weiter bezahlt werden.
Andererseits hat Tina Grünberg in der Krise eine Chance gesehen, ihr Modelabel kurzerhand per Webshop an den Start gebracht – und verkauft nun erfolgreich selbst genähte Stoffmasken. „Ich weiß, dass viele Leute nun solche Masken anbieten“, erzählt sie. Doch mit ihrem professionellen Hintergrund wisse sie genau, worauf es beim Schneidern des Mund- und Nasenschutzes ankommt.
Die Masken sind für das Modelabel natürlich erst der Anfang. Bekleidung „in simplen Schnitten“, wie sie sagt, gehört inzwischen ebenfalls zum Portfolio – natürlich passend zum Gesichtsschutz. Genäht wird all das an besagten Tischen. Dort kann Tina Grünberg in Ruhe arbeiten. Wenn sie das Carty zum Jahresende in neue Hände gibt – die Bar soll weiter existieren, aber eben unter anderer Leitung –, zieht sie in ein Arbeitszimmer im heimischen Keller um.
Doch bis es so weit ist, stehen die Zeichen erst einmal auf Wiedereröffnung, wenn auch nur im Außenbereich. Da das Carty als Bistro firmiert und auch die ein oder andere Speise im Angebot hat, darf es seit dieser Woche wieder Gäste empfangen. „Drinnen schaffen wir das mit dem Mindestabstand nicht“, schränkt die Chefin ein. Aber außen werden 14 bis 18 Leute Platz finden, schätzt sie – regelkonform auf zugewiesenen Sitzplätzen mitsamt Protokollierung der persönlichen Daten, falls eine Infektionskette nachverfolgt werden muss. Geöffnet ist seit gestern immer dienstags bis samstags zwischen 18 und 23 Uhr; am morgigen Vatertag bleibt das Carty geschlossen.
Und wer zu seiner Halben einen Mund- und Nasenschutz dazubestellen möchte, kann dies ebenfalls tun, merkt Tina Grünberg an: „Wir haben eine Masken-Taste in der Carty-Kasse.“

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