Gaildorf Beschwörende Töne

Gaildorf / RALF SNURAWA 18.12.2013
Ein Liedoratorium über den Pazifisten Dietrich Bonhoeffer - was könnte besser in die friedliche Adventszeit passen! Die evangelische Kantorei Gaildorf hatte sich Matthias Nagels Werk angenommen.

Man wolle Weihnachten und Advent nicht als bloße Redensart sehen, so ließ sich am Sonntagabend der Gaildorfer Dekan Uwe Altenmüller vernehmen. Ein Liedoratorium über den in Breslau geborenen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete, erscheint gefühlsmäßig kaum als Ersatz für weihnachtliche Musikliteratur. Rational betrachtet ist es das aber schon.

Denn schließlich zeichnete sich, dies unterstrich auch Altenmüller als Sprecher, gerade Bonhoeffer als Pazifist aus. Altenmüller skizzierte in den Texten zwischen den Liedern das Leben Bonhoeffers und dessen theologische Schwerpunkte. Und zu diesen Liedern gehörten das "Friedenslied" ebenso wie der Chanson "Wenn man in einen falschen Zug einsteigt". In beiden Liedern wird das Wagen des Friedens beschworen - mit "Christus, unser Friede". Auf Bonhoeffers Friedenspredigt "Die Kirche und die Völkerwelt" bei der Jugendkonferenz des Weltbundes auf der dänischen Nordseeinsel Fanø wies Altenmüller ergänzend hin.

Musikalisch wurde das Liedoratorium im Eingangschor mit einer der vielen zu hörenden Beschwörungsformeln des Werks eröffnet, die im "Gott geht in den Alltag der Leidenden ein: Alltäglich höre ich Christus schrein" kulminierte. Uwe Altenmüller stellte dem Bonhoeffers Erkenntnis an die Seite, dass Religion wie andere Lebensbedürfnisse sein müsse.

Mi dem Kanon "Die Erde bleibt unsere Mutter" folgte der musikalisch gelungenste Part des gesamten Oratoriums. Der Kantorei brachte hier, unterstützt durch die Instrumentalisten, den Kanon wunderbar zum Aufblühen. Die empfundene Wiedergabe ließ den Tonfall des "Kritischen Chansons" noch zupackender erscheinen.

Als Steigerung war später der "Protestsong" zu hören. Matthias Nagel und Textautor Dieter Stork hatten Parallelen von damals zum Heute gezogen. Früher waren es die Juden, heute - im Falle des Oratoriums das Jahr 1997 - Kurden und Asylanten: "und das Volk schaut weg und schweigt". Die Sänger und Instrumentalisten trafen den aufgewühlten Ton hervorragend.

Bonhoeffer hatte Flüchtlingen geholfen, hatte gegen den "Arierparagraphen" der evangelischen Kirche agiert. Und er wurde über seinen Schwager Hans von Dohnanyi Teil der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris. 1943 wurde Bonhoeffer deshalb verhaftet. Zuvor hatte er sich mit Maria von Wedemeyer verlobt.

Gefängnis und Liebe der beiden bestimmte den weiteren Teil des Oratoriums. Die schön gesungenen Wechsel der Litanei "In mir ist es finster" wie das von Verena Köger empfunden vorgetragene Lied Marias, das ebenso auf einem Brief aus der Militärgefängniszeit basiert wie "Dietrichs Lied", gehörten dazu.

Bonhoeffer wurde 1945 schließlich im KZ Flossenbürg erhängt. Damit korrespondierte der Schlussgesang von Nagels Oratorium. Ausdrucksstark wirkte die "Trauerode", die in Bonhoeffers "Glaubensbekenntnis" mit seinem Glauben an Brüderlichkeit und Christus als "Kleid der Liebe und Versöhnung" mündete. Hoffnungsvoll schloss sich eine eingangs noch geflüsterte Schlusslitanei an, die Zuversicht auf eine Zukunft verbreitete. Für die fesselnde Wiedergabe durch die Kantorei gab es lang anhaltenden Applaus.

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