Die Ökoschiene hat Edeka Südwest schon lange für sich entdeckt. Seit zehn Jahren kooperiert der Lebensmittelkonzern mit dem WWF, einer der größten Natur- und Artenschutzorganisation weltweit. Manuela Beißwenger, Inhaberin des Edeka-Marktes in der Bahnhofstraße in Gaildorf, reagiert gelassen, als ihr SPD-Gemeinderätin Christina Schlögl den Vorschlag der Gemeinderatsliste unterbreitet. Bis jetzt habe sich noch kein Kunde danach erkundigt, ob er seine eigene Dose über die Käse- und Wursttheke reicht oder die Ware verpacken lässt, sagt Beißwenger, „aber wenn ein Kunde das möchte, erfüllen wir ihm seinen Wunsch“.

Zum Schutz des Verbrauchers darf die Verkäuferin mitgebrachte Dosen nicht berühren. Der Kunde muss diese auf ein Tablett stellen, die Verkäuferin nimmt es, tariert, befüllt die Box und reicht sie zurück. Der Kunde verschließt die Dose und klebt den Preisbon darauf. „Das mache ich schon lange so“, sagt Christine Schlögl. Kompliziert sei es beim Fleischkauf beim Metzger, findet sie und ergänzt: „wegen der Dosengröße.“ Beate Wieland, die mit ihrem Mann Karl das Familienunternehmen mit Stammsitz in Gaildorf in der dritten Generation führt, stellt gerne auf Mehrwegverpackungen um – unter einer Voraussetzung: „Dass die Lebensmittelüberwachung mitmacht.“

Frischebox zum Ausleihen

Edeka startete im August letzten Jahres ein Mehrwegsystem in Büsum, am Montag dieser Woche kündigte Edeka Südwest seine Unverpackt-Kampagne werbewirksam mit dem Slogan „Wir lassen die Hüllen fallen“ an. Obst und Gemüse wird mit Laser beschriftet, das spart die Folie ein. Der Konzern bietet den Kunden Frischeboxen für den Einkauf von Käse, Wurst und Fleisch an, die beim nächsten Einkauf wieder zurückgegeben werden können.

„Unverpackt ist doch nichts Neues“, winkt Carola Lemke ab. Seit 18 Jahren bediene sie an der Käsetheke im Rewe-Markt in der Gartenstraße und seit Langem dort auch Kundinnen, die ihre eigene Dose auf die Theke stellen und sich befüllen lassen. „Wir dürfen den Behälter nicht berühren“, zitiert auch Lemke die Hygiene-Vorschrift. Lemkes Arbeitgeber, die Rewe Group, beansprucht, Vorreiter der Branche zu sein. Rund 630 Rewe- und Nahkauf-Märkte in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland verzichten bei Bio-Obst und Bio-Gemüse weitestgehend auf Plastikverpackungen. Damit könne jährlich 90 000 Kilo Verpackungsmaterial eingespart werden, davon rund 55 000 Kilo Kunststoff.

Unverpackt-Laden in Gmünd

Schlögls Fraktionskollegin Margarete John ist sicher, „dass auch in Gaildorf und Umgebung immer mehr Menschen sich gerne ökologischer verhalten würden“. Abfallvermeidung sei „keine ideologische Spinnerei, sondern ein absolutes Muss für unser aller Zukunft“, so John. Dieser Meinung ist auch Stephanie Adler aus Alfdorf. Die 40-Jährige eröffnete am 1. Juli 2015 in Schwäbisch Gmünd einen Unverpackt-Laden. Ihre Kunden bringen für alle Waren Behältnisse mit und können wiederverwendbare und recyclingfähige Behälter im Laden kaufen. Adlers Sortiment ist inzwischen mehr als 600 Produkte angewachsen. Sie verkauft regionale Produkte von Biobauern und Manufakturen. Mit ihrem zweiten Laden in Aalen zieht sie momentan im Einkaufszentrum Kubus ins Erdgeschoss. Finanzielle Unterstützung erhielt sie von Sympathisanten über die Crowdfunding-Plattform „Starnext“: 46 000 Euro. Adler betreibe ihren Laden aus Idealismus. Reich werden könne sie damit nicht, beteuert sie. „Er ist Teil meiner Lebenseinstellung.“

Lebensmittelüberwacher sehen Gefahren beim Verkauf über die Theke


Lebensmittelunternehmer haben per Gesetz dafür zu sorgen, dass die von ihnen in den Verkehr gebrachten Lebensmittel sicher sind, das heißt weder gesundheitsschädlich noch für den Verzehr durch den Menschen ungeeignet oder ekelerregend. Das schreibt das Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Haller Landratsamt auf Anfrage. Lebensmittelunternehmer haben demnach auch zu gewährleisten, dass Betriebsangestellte, die mit Lebensmitteln umgehen, entsprechend ihrer Tätigkeit in Fragen der Lebensmittelhygiene geschult werden. Die Lebensmittelüberwacher in Hall sehen durchaus Gefahren beim Verkauf von Fleisch, Wurst und Käse in mitgebrachte Dosen: „Die Verschleppung beispielsweise von Noroviren und anderen Krankheitserregern vom Kunden mit unzureichender Toilettenhygiene über ein Behältnis auf andere Lebensmittel an der Ladentheke ist sicherlich nicht nur eine hypothetische Gefahr.“ Auf die Frage der nachteiligen, ekelerregenden Beeinflussung, die ein Lebensmittel ungeeignet für den menschlichen Verzehr macht, soll an der Stelle gar nicht eingegangen werden, heißt es weiter in der Antwort des Amtes. Es verweist auf die Pflicht der Lebensmittelunternehmer, diese Gefahren zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen, diese zu vermeiden, auszuschalten oder auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. Sei dies nicht möglich, so dürften vom Kunden mitgebrachte Behältnisse nicht befüllt werden. ka