Warum geben Sie nach zehn Jahren die künstlerische Leitung des Brahms-Chores Stuttgart auf?

BENJAMIN LACK: Zum einen nehmen meine Tätigkeiten in Vorarlberg immer mehr Zeit in Anspruch. Neben meiner halben Stelle als Domkapellmeister an St. Nikolaus in Feldkirch, die ich seit 2007 wahrnehme, kam zwei Jahre später die Tätigkeit am Landeskonservatorium hinzu. Dort leite ich das Orchester, den Chor und das Vokalensemble und unterrichte Chor- und Ensembleleitung sowie Chorsingen. Außerdem bin ich künstlerischer Leiter des Chores der Bregenzer Festspiele und des Kammerchores Feldkirch. In Stuttgart leitete ich bis jetzt den Brahms-Chor und das Kammerensemble der Musikhochschule. Zum anderen wollte ich mir Freiräume schaffen, um mittelfristig mehr mit Orchestern arbeiten und mich im sinfonischen Bereich weiterentwickeln und mein Repertoire erweitern zu können.

Wieso fiel die Wahl auf das Händel-Oratorium "Israel in Egypt" für Ihr letztes Dirigat des Brahms-Chores?

Es gibt kaum ein Oratorium, in dem der Chor so herausgefordert wird wie in diesem. Der Chor ist die Hauptperson. Etwa 70 Sängerinnen und Sänger werden dabei mit vielen doppelchörigen Stücken konfrontiert. Besonders schwierig zu singen ist die Stelle, als Moses das Rote Meer teilt, weil hier viele verschachtelte Stimmeinsätze gefordert sind. Aufgeführt werden nur der zweite und dritte Teil, also "Exodus" und "Moses' Song". Gerade im "Exodus" stellt Händel das Geschehen musikalisch sehr farbig und dramatisch dar, etwa die Schilderung der sieben Plagen. Der letzte Teil ist dann mehr ein Lobgesang, eine Beleuchtung und Überhöhung des zweiten Teils.

Eine Besonderheit dieses Oratoriums ist ja auch die große Zahl an Vokalsolisten.

Stimmt. Wir mussten zwei Soprane, einen Altus, einen Tenor und zwei Bässe engagieren, was die Aufführung kostenintensiv werden lässt. Dafür gibt es mit "The Lord is the man of war" ein einmaliges Bassduett.

Apropos Exodus: War der politisch-gesellschaftliche Bezug ein weiterer Grund für die Wahl dieses Oratoriums?

Nein, das war wirklich Zufall. Als ich vor eineinhalb Jahren zusammen mit dem Chor das Oratorium ausgewählt hatte, war die Dimension der Flüchtlingsbewegung noch nicht so abzusehen. Während der vier intensiven Probenwochenenden war es dann in den Pausen aber durchaus ein Thema unter den Chorsängern und hat sicherlich noch einen anderen Blick auf das Werk eröffnet. Und bewusst wurde uns das Ganze auch, als eine Frau aus Gaildorf, die Flüchtlinge betreut, nach Freikarten für interessierte Flüchtlinge fragte.

Wie wird es mit dem Brahms-Chor weitergehen?

Während meiner Zeit der künstlerischen Leitung ist der Chor größer geworden. Vereinzelt sind jüngere Mitglieder hinzugekommen. Der Chor wird also sicherlich weiter bestehen. Neuer Chorleiter wird Fabian Wöhrle, der derzeit Kirchenmusiker an der Ludwigsburger Stadtkirche ist. Er hatte den Chor in der Vergangenheit auch als Organist bei Aufführungen schon begleitet.

Und wie geht es bei Ihnen weiter?

Mit dem Symphonieorchester Vorarlberg zusammen ist für den März 2017 eine Aufführung von Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" geplant. Und darüber hinaus soll es eine verstärkte Zusammenarbeit dieses Orchesters mit der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz geben. Gemeinsam sollen Werke einstudiert und aufgeführt werden, für die jedes Orchester für sich zu klein wäre. Das Ganze soll unter anderem mit Hilfe von EU-Fördermitteln realisiert werden.