Übers Pfingstwochenende hat der Bauhof gemäht und die beiden kleinen Sandstrände erneuert. Am Dienstag dann liegt der Diebach-Stausee bei Fichtenberg wie gemalt unterm blauen Himmel. „Wenn man erst mal drin ist, geht’s“, sagt das Mädchen, das an dem Geländer herumplanscht, das am Westufer ins Wasser führt. Seine Mutter liegt in der Sonne auf einer Decke, liest in einem Buch und wundert sich ein wenig, als Bürgermeister Roland Miola zum offiziellen Eröffnungsfoto auftaucht: „Ich hab gar nicht gewusst, dass der See gesperrt war!“

Irritierende Unterschiede zwischen Badeseen

Die beiden kommen aus Alfdorf im Rems-Murr-Kreis, und dort gingen die Uhren in den letzten Wochen ein klein wenig anders. Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man beispielsweise am Aichstrutsee vorbeikam. Während Freizeiteinrichtungen wie der Diebach-Stausee in Fichtenberg, der Badsee in Gschwend und auch der Waldsee bei Fornsbach wegen Corona abgesperrt waren, konnte man sich an dem Welzheimer Gewässer wie üblich sonnen und in die Fluten stürzen – sofern die Abstandsregeln gewahrt blieben.

Viele fanden das irritierend. Eberhard Vogel aus Fichtenberg beispielsweise hat dem Fichtenberger Bürgermeister am 22. Mai einen Brief geschrieben, nachdem ihm das muntere Treiben am Aichstrutsee aufgefallen war. „Gelten im Rems-Murr-Kreis andere Verordnungen“, wollte er wissen. Dass der Diebachsee weiterhin gesperrt bleibe, finde er „nicht nachvollziehbar“.
Coronavirus in Fichtenberg Diese Regeln gelten am Diebachstausee

Fichtenberg

Es ist auch schwer zu erklären. Denn die Kommunen müssen derzeit mit nie dagewesenen Verordnungen klarkommen, die noch dazu nahezu täglich geändert werden. Ganz eindeutig sind sie auch nicht, deshalb ergeben sich Auslegungsspielräume. Die Einordnung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Zugänglichkeit, die Fläche, die Gewässergröße und die dazugehörige Infrastruktur.
Grundsätzlich gilt beziehungsweise galt bisher: Definiert man ein Gewässer als Sport- und Freizeiteinrichtung, ist es zu schließen; gilt es hingegen als „öffentlicher Raum“, gelten die üblichen Sicherheitsregeln.
Das Freizeitgebiet Waldsee bei Fornsbach wurde bereits Mitte März geschlossen. Mittlerweile kann man aber wieder spazieren gehen, sich sonnen und baden, die Minigolfanlage ist bereits seit 18. Mai wieder geöffnet, seit dem Wochenende auch die Beach-Bar „Cocoloco“ und der Bootsverleih.

Wasserreich in Gschwend bleibt geschlossen

Man habe sich immer an die Corona-Verordnung gehalten, sagt der Murrhardter Bürgermeister Armin Mößner, sie aber auch aufmerksam studiert, nach Lockerungsmöglichkeiten gesucht. Als dann „nach der vierten oder fünften Änderung“ das Wort „Freizeitgebiet“ nicht mehr vorkam, wurde die Sperre aufgehoben. Auch am Gschwender Badsee hat man die Liegewiese Mitte Mai wieder geöffnet und dem Kiosk-­Betreiber grünes Licht gegeben; seit dieser Woche darf man auch wieder baden und das Beachvolleyballfeld benutzen. Die Gemeinde lockere Beschränkungen dann, wenn’s die Vorgaben des Landes zulassen, sagt Bürgermeister Christoph Hald. Man sei damit bisher gut gefahren. Um das Gewässer zum Baden freizugeben aber, seien die Vorgaben bisher zu unkonkret gewesen.
Nun aber darf man wieder rein ins kühle Nass. Weil der See kein öffentliches Bad ist, für das Eintritt verlangt werden könnte, gelten lediglich die Abstandsregeln: 1,5 Meter muss die Distanz zur nächsten Person betragen. Keimträchtige Bereiche wie Duschen und Umkleidekabinen bleiben geschlossen. Die Gemeinde hat Schilder aufgestellt, auf denen die Verhaltensregeln nachgelesen werden können. Das Wasserreich mit Hallenbad und Sauna, das nur eingeschränkt betrieben werden könnte, bleibt geschlossen: „Wir haben gesagt, jetzt ist Sommer!“, sagt Hald.
In Fichtenberg, wo in dieser Woche auch das Seestüble wieder eröffnet werden soll, arbeitet man mit Piktogrammen und leicht verständlichen Bildern, die auch von Kindern verstanden werden können. Eigentlich ist auch dieser Badesee frei zugänglich, sieht man einmal von den Parkgebühren ab, die an Wochenenden verlangt werden. Gleichwohl gilt dort die Regel, dass pro Person zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen müssen; die von der Gemeinde bestellte Aufsicht wird ein Auge drauf haben.
Wegen der großen Wiesenflächen beidseits des Sees dürfte es allerdings kaum zu Engpässen kommen. Wie’s in der Hochsaison aussehen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Da viele Menschen auf den Auslandsurlaub verzichten wollen, ist mit höheren Besucherzahlen zu rechnen.