Aufregung herrscht am 11. Dezember 1818 – heute vor 200 Jahren – in Gaildorf. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich an diesem Freitag die Hiobsbotschaft: „Unser Doktor geht!“ In der Oberamtei wie im Schultheißenamt herrscht Ratlosigkeit ob der Bekanntmachung im Regierungsblatt des Königreichs Württemberg: Oberamtsarzt Justinus Kerner (1786-1862), seit 23. Juni 1815 hier ansässig, wird das Limpurger Land verlassen und zum Oberamtsarzt in Weinsberg ernannt.

Im Haus des Gaildorfer Tuchmachers Christoph Seilacher, wo die junge vierköpfige Familie Kerner zur Miete wohnt, ist kurz vor Weihnachten die Stimmung gespalten: Innerhalb von nur vier Jahren steht die vierte Herbergssuche an. Allein im von Raumnot geplagten Gaildorf liegen zwei Wohnungswechsel hinter den Kerners – vom Kirchenviertel ins „Bräuhaus“, dann zu Seilacher.

Der neuerliche Ortswechsel kommt nicht von ungefähr. Justinus Kerner, der auch als Dichter weithin bekannt ist, hatte sich auf die durch den Tod von Dr. Elias Niethammer am 6. November 1818 vakant gewordene Weinsberger Stelle beworben. Er war wohl in der kurzen Zeit in Gaildorf nie richtig warm geworden mit dem hiesigen Menschenschlag, wie man den Inhalt einiger Briefe an Freunde deuten könnte.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die Recherchen des Gaildorfer Heimatforschers und Kerner-Kenners Hans König (1936-2017) ergänzen das Bild um eine interessante Komponente: Kerner fühlte sich weit weg vom gesellschaftspolitischen Geschehen in dem erst 1806 von der Krone einverleibten Limpurger Land.

Hilferuf an den Freund

Bereits am 23. August 1815 hatte Kerner an seinen Freund Karl Mayer, dem er wenige Wochen zuvor noch vom neuen Wirkungskreis vorgeschwärmt hatte, eine Art Hilferuf übermittelt: „Ich werde ohnmöglich lange hier bleiben können und wünschte nur im Kern von Württemberg auch einmal eine Stelle erhalten zu können.“ Die Gegend sei „sehr schön, von ungemeiner Abwechslung“, aber „die Menschenrasse darin (…) meistens wüst und dumm, verkrüppelt, kropfig, taubstumm“.

Aus diesen Zeilen spricht Verzweiflung. Kerner leidet unter Halluzinationen, die er dem Dichterfreund Mayer anvertraut: Alles sei verhext. „Die Türen gehen von selbst auf, Fratzen gucken zu allen Fensterscheiben herein, aus den Mauslöchern ragen Enden von Teufelsschwänzen.“ Am Ende der Schilderung ein besorgniserregendes Flehen: „Gott hilf!“

Die Württemberg-Hymne

Kerner rafft sich immer wieder auf. Zwischen mühseligen Patientenbesuchen im Limpurger Land, in dem es nur eine schlechte „Kunststraße“ gibt, findet er Zeit und die Kraft, um zu schreiben. In Gaildorf sei er „entschieden produktiver“ gewesen als in Welzheim, schreibt Hans König 1986 in der Rundschau-Dokumentation zu Kerners 200. Geburtstag.

Hier bringt er „Die Heimatlosen“ zu Papier, laut König die größte Dichtung seit den „Reiseschatten“. Es entstehen Gedichte, Balladen wie „Der Geiger zu Gmünd“ oder „Der reichste Fürst“, die als „Preisend mit viel schönen Reden“ bis heute populäre Württemberg-Hymne. Hier entdeckt er das dichterische Talent des auf dem Lämmershof bei Altersberg geborenen Leinewebers Johannes Lämmerer, fördert die Veröffentlichung seiner Gedichte.

Und vor allem: Er, der auch von Freunden gelegentlich als politisch naiv bezeichnet und belächelt wird, meldet sich 1817 plötzlich im württembergischen Verfassungsstreit zu Wort, wendet sich gegen konservative Strömungen und stellt sich hinter die liberalen Ideen des Königs.

Abschied vom Kirchendach

Zurück zur Vorweihnachtszeit des Jahres 1818: Bei Kerners herrscht Aufbruchstimmung. Der Umzug will vorbereitet werden. Kerners Frau Friederike, von ihm „Rickele“ genannt, trägt die Hauptlast, hat sie doch auch die beiden Kinder Theobald, gerade mal eineinhalb Jahre alt, und die fünfjährige Marie zu versorgen.

Marie, die später den Heilbronner Stadtarzt Dr. Emil Niethammer heiraten wird, erinnert sich in ihrem Buch „Das Leben des Justinus Kerner“ an diese Zeit: „Mir war alles, was der Umzug nach Weinsberg mit sich brachte, sehr merkwürdig und machte mir Freude. Nur einen Schmerz hatte ich, dass in Weinsberg wohl kein so schönes Dach am Kirchturm sein werde wie in Gaildorf.“

Abreise ohne Justinus

Am 19. Januar 1819 werden Friederike Kerner und die beiden Kinder Gaildorf Richtung Weinsberg verlassen. Familienoberhaupt Justinus kommt später nach. Er muss noch eine Patientin versorgen. Dann ist das Kapitel Gaildorf – an das 2019 ein Historienspiel erinnern wird – abgeschlossen.

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