Die Stadt Macondo gibt es nicht wirklich. Gabriel José García Márquez hat ihr in „Hundert Jahre Einsamkeit“ einen erdachten Platz in Kolumbien eingeräumt. Der vielfach ausgezeichnete ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch meint jedoch noch ein anderes Macondo. Es ist Stanislaw in der heutigen Ukraine. Die Stadt, in der er 1960 geboren wurde, heißt heute Iwano-Frankiwsk und ist nach dem ukrainischen Schriftsteller Ivan Franko benannt.

Die Stadt mit der wechselvollen Namensgebung liegt zwischen Lemberg und Czernowitz. Im längst verschwundenen Galizien war sie ein munterer Multi-Kulti-Ort. Mit gebührendem Abstand wurde das Leben der Menschen in dieser Region später von den Literaten ungeschönt in verdichtete Sprache verpackt.

Eine Stadt der Erfolglosen

Jurij Andruchowytsch blickt nur noch oberflächlich auf die alten Zeiten von Paul Celan, Joseph Roth oder Rose Ausländer. Er sieht sich der Gegenwart verpflichtet. Mit der Unabhängigkeit der Ukraine ab 1991 macht er zunehmend mit Essays und ausgefeilter Lyrik auf sich aufmerksam. Zwar schreibt er nur in ukrainischer Sprache, aber seit 2003 sind bereits mehrere Texte von ihm auch in Deutsch erschienen.

Als Einstieg trägt er im Bilderhaus aus der Essay-Sammlung „Das letzte Territorium“ seine Gedanken über das „Stanislawer Phänomen“ vor. Zwischen die vernichtende Beschreibung der heute provinziellen Stadt der Erfolglosen und Säufer mischt sich bei dem Schriftsteller jedoch überraschend die Entdeckerfreude des Archäologen.

Er findet Sedimente einer vergangenen Zeit, wie sie der polnische Fotograf Tadeusz Rolke abbildete. Festungsmauern, Synagogen und Jugendstilvillen ermöglichen ihm die „Suche nach dem Liebenswerten an einer offenen und magischen Welt“, die nur noch schemenhaft existiert.

Mit seinen ausführlichen Erläuterungen in gepflegtem Deutsch macht Jurij Andruchowytsch dem Publikum in Gschwend klar, dass sich die Ukraine und mit ihr die Stadt Stanislaw nach 27 Jahren Selbstständigkeit auf die etwas knorrigen alten Wurzeln besinnt. „Die Ukraine ist kein junges Land mehr“, stellt er fest. Aus dem nahrhaften Bodensatz seiner wechselvollen Vergangenheit kann das Land viele Nährstoffe für eine selbstbewusste Orientierung in Richtung Westeuropa ziehen.

Im „Kleinen Lexikon intimer Städte“, das sich im ukrainischen Original aus über hundert alphabetisch geordneten Artikeln zusammensetzt, liegen in der deutschen Übersetzung nur 39 Städtegeschichten vor. Andruchowytschs Herz hängt vor allem am Buchstaben JI, dem ukrainischen „L“ wie Lemberg, wo er studiert und viel geschrieben hat. Schon 1574 wurde dort das erste ukrainische Buch gedruckt und bis heute ist die „Löwenstadt“ mit ihrer Buchmesse kulturelles Zentrum. Sie liegt an der Wasserscheide zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.

In den Geschichten des Autors taucht das Motiv des Archäologen auf. Zu dem Bildband von Isolde Ohlbaum „Czernowitz und Lemberg in Fotos“ hat er ein Nachwort verfasst, das durch seine Beobachtungen zu den beiden Orten besticht. „Ich habe viel zu Bildern geschrieben“, erläutert er seine Neigung, die Objektiv-Ansicht einer Sache in subjektive Worte zu übersetzen.

In der abschließenden Fragerunde mit Martin Mühleis spricht der Autor über das Selbstbild und die Entwicklung der ukrainischen Sprache. Das stalinistische Erbe und das von Russland bis 1905 verhängte Sprachverbot sind markante Ereignisse. Andruchowytsch wählt dazu eine plakative Aussage: „Wir sind eine Opfergesellschaft“.

Aber er baut auf das Positive. „Seit 2002 stimmen zwischen 51 und 70 Prozent der Bevölkerung für Europa.“ Bald wird er eine Künstlertour durch den Osten der Ukraine unternehmen. Den schwelenden „kleinen Bürgerkrieg“ nennt er „Teil einer Invasion durch Russland“. Doch er wagt die Prognose des engagierten, visionären Künstlers: „Russland wird schwächer. Der Zerfall Russlands ist für mich klar“.