Dialog Anstand als Menschenpflicht

Literaturgespräch der besonderen Art: der Kolumnist Axel Hacke und die Radio-Journalistin Susanne Führer im Bilderhaus.
Literaturgespräch der besonderen Art: der Kolumnist Axel Hacke und die Radio-Journalistin Susanne Führer im Bilderhaus. © Foto: Rainer Kollmer
Gschwend / Von Rainer Kollmer 12.01.2018
Der Autor Axel Hacke stellt sich im Rahmen der „Rendezvous“-Reihe des Gschwender Musikwinters den Fragen der Berliner Journalistin Susanne Führer.

Die Ausgangslage ist auch für den erfahrenen Journalisten Axel Hacke eher ungewöhnlich. Der gebürtige Braunschweiger trifft im Bilderhaus in Gschwend auf die Berliner Redakteurin Susanne Führer von Deutschlandfunk Kultur. Wer eine beschauliche Autorenlesung aus dem neuesten Buch von Hacke erwartet, wird eines Besseren belehrt. Denn die Journalistin („Meine Freundinnen nennen mich den Buddha“) klaubt zahlreiche Aussagen aus Hackes Essay über den „Anstand in schwierigen Zeiten“ hervor und hält dem Autor ihr geschickt arrangiertes Sammelsurium von Themen zur weiteren Klärung unter die Nase. Vorlesen ist nicht gefragt. Nachfragen aus dem Publikum übrigens auch nicht.

Der versierte Kolumnenschreiber hat einen unverkennbaren Hang zur ironischen Abhandlung gesellschaftlich relevanter Themen. Das klingt einerseits erfrischend locker und unterhaltsam sowieso. Andererseits geht Axel Hacke aber dann doch der Hut hoch, wenn er am Vormittag im SWR-Interview noch die E-Mail eines Hörers lesen muss, dass er ein niveauloser Penner sei, der sein Maul halten solle.

Auch Susanne Führer stellt ihm deshalb wiederholt die Frage nach der Schmerzgrenze des Anstands, deren Unterschreitung er in seinem Buch ausdrücklich einfordert. Warum sind wir so aggressiv? Befinden wir uns in einer Welt, für die wir gar nicht gemacht sind? Was könnte helfen?

Hacke begründet die neue Anstandslosigkeit damit, dass wir gegenwärtig in schwierigen, revolutionären Zeiten leben. Den Deutschen gehe es zwar gut, aber gerade deshalb hätten sie umso mehr Angst. Das klingt nur so lange paradox, bis die Zutaten für die Angst-Suppe in den Gefühlstopf geworfen werden. Digitalisierung, Globalisierung oder Völkerwanderung sind für uns befremdlich und können an unserem Wohlergehen kratzen.

Die globale Digitalisierung macht auch vor dem Anstand nicht Halt. Hacke weist darauf hin, dass die USA ihren Präsidenten nicht zuletzt wegen seiner niederträchtigen Anstandslosigkeit wählten. Der raue Ton ist auch dort populär geworden. Axel Hacke ist überzeugt: „Das Fremde erzeugt Angst und muss von uns verstanden werden. Es ist ein Thema, an dem man arbeiten muss.“

Im Buch ist ein fiktiver Freund der kritische Dialogpartner von Hacke. Im Bilderhaus transponiert Susanne Führer den schriftlichen Dialog ins analytische Zwiegespräch mit dem Autor. Es geht um Respekt, Wohlwollen, Neugier, Interesse und Weltklugheit. Selbst Knigge und Camus bekommen ihren Platz. Axel Hacke formuliert Anstand als Menschenpflicht, die man einüben kann. „Der Mensch soll sich im Zaum halten. Das ist das Geheimnis der Zivilisation“, merkt er mahnend an.

Als seine Gesprächspartnerin die nervtötende Warteschlange an der Supermarktkasse als Alltagsbeispiel für aggressives Potential einbringt, gibt Axel Hacke auch seine eigenen Anstandsgrenzen zu. „Ich bin im Straßenverkehr leicht kränkbar.“ Und die anständige Schuldzuweisung beim Eheberater dürfte nicht beim Gegenüber platziert werden. „Man muss bei sich selbst anfangen.“ Ob man Anstand ein­üben kann? Axel Hacke bringt den Gedanken ins Spiel, der ihm nach der Abschaffung der Wehrpflicht kam. Seine eigene Soldatenzeit bezeichnet er als schrecklich. Aber er hat das Gefühl, damals etwas für die Allgemeinheit getan zu haben. „Das ‚Wir‘ haben wir ein wenig vergessen.“

Deshalb sollten wir Respekt für Andersdenkende zeigen und nicht einfach abstempeln. „Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi“, provoziert er. „Anständig sein heißt, gegenüber den Mitmenschen offen zu bleiben.“ Alles andere wäre unanständig.

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