An den Ufern des Mekong

SWP 04.01.2014

Mit etwas Wehmut standen wir nach unserem spannenden zweimonatigen Aufenthalt im Reich der Mitte an der Grenze zum südlich gelegenen Nachbarland Laos. Gerne hätten wir länger in China verweilt und diese rasante Entwicklung, die sich überall blitzartig ausbreitet, hautnah miterlebt. Der Zollbeamte stempelte fix unsere Pässe ab und somit war unsere Rückkehr auf ungewisse Zeit verschoben.

Nach einer kurzen Linksbiegung strahlte uns ein riesiges, golden leuchtendes Zollgebäude an, das auf den ersten Blick wie eine Pagode wirkte. Nie zuvor hatten wir solch eine prachtvolle Fassade als Grenzübergang gesehen.

Unser 30-tägiges Visum konnten wir direkt im Gebäude erhalten. Der Beamte machte einen gelangweilten Eindruck auf uns und schien froh über etwas Arbeit in seinem tristen Alltag. Nachdem wir unsere 32 Dollar Gebühr bezahlt hatten, bekamen wir die Einreisestempel und wurden mit einem laotischen "Sabaidee" (Hallo) begrüßt. Eine Redewendung, die uns noch den ganzen Monat täglich durch die Ohren schallen sollte.

Erste Eindrücke deuteten auf ein viel einfacheres Leben als in China hin. Wir sahen kleine Holzhäuser auf Pfählen, Dorfbewohner, die sich am Brunnen ihr Trinkwasser holten und vor den Häusern stapelten sich orange schimmernde, frisch geerntete Maiskolben. Unter den Pfahlbauten war genügend Platz für die Hühner und Schweine, die sich ganz frei bewegten.

Beim Blick in die umliegenden Hügel sahen wir des öfteren Rodungen, denen die tropischen Waldgebiete weichen mussten. Vor allem in diesen nördlichen Gebieten kaufen sich die Chinesen ein und legen viele großflächige Kautschukplantagen an, um den Bedarf an Gummi für die wachsende chinesische Automobilindustrie zu decken. Die laotischen Bauern sind auf diese Einkommen mittlerweile angewiesen, jedoch sind die massiven Abholzungen der intakten Regenwälder mit Risiken wie Landrutschen, Wassermangel und vor allem mit dem Ausverkauf von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten verbunden.

Für teures Geld verkauft die Regierung die Konzessionen an ausländische Firmen, während die laotischen Arbeiter oder die Menschen in den Dörfern meist nur geringe Entschädigungen erhalten. Im Süden von Laos wurden ganze Dörfer umgesiedelt, als sich vietnamesische Konzerne und Kautschukbarone über Beziehungen zu korrupten Politikern ganze Landstriche sicherten. Auf Gewinn orientierte Großinvestoren wie der IFC, die Finanzierungsgesellschaft der Weltbank, oder bis vor kurzem noch die Deutsche Bank, beteiligen sich mit Millionen an diesen skurrilen Geschäften unter Verletzung ihrer eigenen Verpflichtungen zum Schutz von Mensch und Natur.

Nicht nur diese Projekte, sondern auch riesige Staudammvorhaben am Mekong und weiteren Flüssen werden das Leben der Laoten in der Zukunft nachhaltig prägen. Ob die ärmliche Landbevölkerung ihren Lebensstandard dadurch verbessern kann, ist zunächst einmal zu bezweifeln.

Am Straßenrand und auf kleinen Märkten entdeckten wir das erste kulinarische Angebot, dass uns sogleich in Erstaunen versetzte. Am Boden stand ein ganzer Korb voller Frösche, Wasserschlangen tummelten sich in aufgehängten Plastiktüten, abgezogene Vögel baumelten an einer Schnur und in kleinen Käfigen saßen wunderschöne Eulen. Auf uns als Vegetarier wirkte dieses Angebot sehr befremdend, liest sich diese Speisekarte doch wie eine Artenschutzliste. In den folgenden Tagen wurde sie noch ergänzt durch riesige Echsen, pythonartige Schlangen, Flughunde, Wildkatzen und verschiedene proteinreiche Insekten.

Als wir kurz nach einem Dorf zelteten, bekamen wir plötzlich Besuch in der Nacht. Zuerst wurden wir von hellen Scheinwerfern angestrahlt. Ein lautes Sabaidee durchdrang die Ruhe im Zelt und in kurzer Distanz waren einige Männer in Uniform zu erkennen. Die Polizisten blieben die ganze Nacht mit ihrem Auto in der Nähe stehen und schienen uns zu bewachen. Am nächsten Morgen packten wir unsere Zelte zusammen und noch bevor wir die Beamten ansprechen konnten, waren sie auch schon wieder verschwunden. Im Nachhinein hatten wir keinerlei Erklärung für dieses seltsame Verhalten.

Seit Tagen waren wir gespannt auf den ersten Blick auf den Mekong, der auch Mutter aller Wasser genannt wird. In der alten Königsstadt Luang Prabang, die aus einer faszinierenden Kombination von Gebäuden aus der französischen Kolonialzeit und buddhistischen Tempel- und Klosteranlagen besteht, fließt der bräunliche Fluss gemächlich dahin. Der Mekong mit seinen vielen Gesichtern ist einer der längsten Flüsse der Erde und eine der wichtigsten Lebensadern Südostasiens.

Kaum angekommen wurden wir von fünf anderen Radfahrern gesichtet, setzten uns zu ihnen ins Café und tauschten Informationen aus. Rajeev aus Singapur und Chris aus den USA wiesen darauf hin, dass erst kürzlich verschiedene Grenzübergänge zwischen Thailand und Myanmar geöffnet wurden. Uns war schnell klar, dass wir in den nächsten Wochen Richtung Myanmar weiterradeln wollten.

Zunächst aber legten wir eine Zwangspause in Luang Prabang ein. Sophie wurde von einer Grippe heimgesucht, die länger andauerte. Die Stadt hatte uns ziemlich überrascht. Seit langem hatten wir nicht mehr so viele Touristen an einem Ort gesehen, was zur Folge hatte, dass es uns an nichts mangelte. Bäckereien mit Croissants und Baguette, vegetarische Buffets, Bücherläden, Bars, touristische Sehenswürdigkeiten und eine spirituell-mystische Atmosphäre.

Hunderte von orangegekleideten Mönchen machen sich jeden Morgen vor Sonnenaufgang bereit für ihren Almosengang. In langen Schlangen ziehen sie vorbei an den auf dem Boden sitzenden Gläubigen und empfangen ihre Spenden in Form von Lebensmitteln in ihren umgehängten Kesseln. Für die Gläubigen bedeutet dieses Geben gleichzeitig ein Wachsen ihres Karmas.

Nach Sophies Genesung machten wir uns auf den anstrengenden Weg in die Hauptstadt Vientiane. Wir mussten über hügelige Gebirgszüge radeln mit einem Höhenunterschied von mehreren 1000 Metern und extrem steilen Anstiegen auf den Straßen. Spätestens hier hätten Florian und Julia mit ihren klapprigen, laotischen Rädern kapituliert. Das Berliner Pärchen lernten wir Tage zuvor kennen, als sie sich an einem Fluss ihr Abendessen kochten. Sie hatten sich im Norden von Laos zwei Fahrräder gekauft, mit einer Holzstange je zwei Körbe an den Gepäckträgern befestigt und wollten versuchen, so bis Vientiane zu radeln. Mit Gepäck und Gitarren in den Körben quälten sie sich über die Berge und manchmal half nur noch Schieben, um voranzukommen. In Luang Prabang verschenkten sie ihre Räder und reisten wie die Monate zuvor per Anhalter weiter.

Florian erzählte uns auch die unglaubliche Geschichte vom geheimen Krieg der USA in Laos (s. Extrabericht), die wir bis dahin noch nie gehört hatten. Mit dieser Geschichte im Kopf radelten wir weiter zu den Karstbergen von Vang Vieng und freuten uns schon auf das Bootsfestival in Vientiane, bei dem die Menschen ein ganzes Wochenende ausgelassen feiern . . .

Die Geschichte der Hmong und der geheime Krieg der USA in Laos