Gaildorf Ziel: Fahrzeit von zwei Stunden

Gaildorf / Klaus Rieder 08.08.2018
Die in Schwäbisch Gmünd ansässige Interessengemeinschaft Schienenkorridor Stuttgart-Nürnberg spricht sich jetzt für einen Ausbau der Murrbahn und der Remsbahn aus.

Die Aufnahme der Schienenstränge von Stuttgart nach Nürnberg als Ausbaustrecke in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans (BVWP) ist das Hauptziel, was alle Mitglieder der Interessengemeinschaft Schienenkorridor Stuttgart-Nürnbergs eint. Für die Murrbahn über Backnang und Hessental wäre es bereits die vierte Wiederaufnahme in die Bauvorhabenliste des Bundes seit 1985, die Remsbahn über Schwäbisch Gmünd und Aalen würde erstmals eingestuft werden. Doch derzeit werden beide Linien im „potenziellen Bedarf“ geführt. Im Herbst, so heißt es aus dem Verkehrsministerium in Berlin, soll dazu eine Entscheidung fallen.

Im Vorfeld der Beratungen zum BVWP 2015 – wegen der Verzögerungen wird dieser heute als BVWP 2030 bezeichnet – wurde 2013 in Crailsheim die Interessengemeinschaft (IG) Schienenkorridor Stuttgart–Nürnberg gegründet. Ihren Sitz hat die IG beim Regionalverband Ostwürttemberg in Schwäbisch Gmünd. Im Kern war es ein Zusammenschluss von Städten mit einem Intercity-Halt an der Strecke von Stuttgart nach Nürnberg. Der IG-Vorsitzende und Landrat des Ostalbkreises, Klaus Pavel, machte im Mai 2015 auch deutlich, worum es der IG geht: Die Bedeutung der Einbindung des Flughafens Stuttgart und die Bedeutung des Knotens Nürnberg für eine schnelle Verbindung innerhalb von vier Stunden von Aalen nach Berlin. „Hierfür ist insbesondere auch ein zweigleisiger Abschnitt im Bereich zwischen Goldshöfe und Crailsheim dringend erforderlich.“

Europäische Magistrale

Im November 2016 machten Pavel und Justizminister Guido Wolf (für den Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn) gemeinsame Sache: „Die Bahnstrecke Zürich–Stuttgart–Nürnberg verbindet wichtige Wirtschaftsräume in Deutschland. Sie ist Teil der europäischen Magistrale Berlin–Mailand, die durch den Gotthardtunnel führt. Umso bedauer­licher ist es, dass beide Strecken in der Verkehrsplanung des Bundes in den vergangenen Jahren ein tristes Schattendasein fristeten.“ Neben der Gäubahn Stuttgart–Singen/Zürich konnte damit nur die Remsbahn gemeint sein. Die Murrbahn war in dem zu diesem Zeitpunkt noch gültigen BVWP 2003 unter „Laufende und fest disponierte Vorhaben“ geführt – auch schon unter dem Aspekt „Ausbau für Neigetechnik“.

Als Vertreter der DB Netz AG war Michael Pohl am BVWP 2003 beteiligt. Mittlerweile ist Pohl für das Münchner Unternehmen Intraplan Consult tätig, das vom Bundesverkehrsministerium den Auftrag erhielt: Untersuchung der Auswirkungen auf Fern- und Nahverkehr, die einen Ausbau von Murr- und Remsbahn für Neigetechnikzüge mit sich bringen würde. Am 7. Februar dieses Jahres stellte Pohl die Ergebnisse der IG bei einer Sitzung in Ellwangen vor, an der auch der  damalige Verkehrs-Staatssekretär Norbert Barthle teilnahm.

Diese Studie hätten die Vertreter des Murrtal-Verkehrsverbandes (MVV) bei ihrer Sitzung am 9. Juli 2018 gerne gesehen. Die darin vertretene These: Die Murrbahn ist nicht überbelastet. Es braucht keinen zweigleisigen Ausbau. Altbekannt dagegen: Die kürzeste Fahrtzeit zwischen Stuttgart und Nürnberg lasse sich mit Neigetechnikzügen über die Murrbahn erzielen. Steffen Bilger, Verkehrs-Staatssekretär in Berlin und Nachfolger von Barthle, wollte das Gutachten nicht kommentieren. Ein Ausbau für Neigetechnikzüge stehe unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit. Diese Frage soll bis Herbst geklärt sein. Dann gebe das Ministerium eine Empfehlung an den Verkehrsausschuss des Bundestages ab.

Schon bei der Sitzung der IG in Ellwangen wie auch vier Monate später bei dem MVV-Treffen in Oberrot machte Beate Schuler vom Stuttgarter Verkehrsministerium deutlich, dass sie auch die Prüfung des konventionellen Ausbaus mit zweigleisigen Abschnitten und Überholgleisen für erforderlich hält. Der Bau eines zweiten Gleises sei gar nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen, heiße es – so Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, der das angesprochene Gutachten auch gerne gesehen hätte.

Fahrgastpotenzial fehlt

Bei dem Treffen in Oberrot wurde allerdings klar: Fernverkehr über die Murrbahn ist für die Deutsche Bahn AG kein Thema, so Sven Hantel, der Konzernbevollmächtigte für Baden-Württemberg. Zwischen Stuttgart und Nürnberg gebe es ein IC-Angebot über die Remsbahn, das für die DB durch die großen Städte wie Aalen und Schwäbisch Gmünd zusätzliche Anreize biete. Ein Fahrgastpotenzial für ein Fernverkehrsangebot über die Murrbahn sieht Hantel nicht. Auch habe die DB kein Interesse an Zügen mit Neigetechnik.

Drei Tage nach der MVV-Sitzung kam die IG erneut zusammen. Wichtigster Beschluss: Eine Untersuchung soll die Vorteile für die Aufnahme des Schienenkorridors in den vordringlichen Bedarf des BVWP herausarbeiten. „Ziel ist es, eine schnellere Verbindung zwischen Stuttgart und Nürnberg zu schaffen und dabei beide Linien, sowohl über die Murrbahn wie über die Remsbahn, gleichermaßen zu berücksichtigen.“ Angestrebt wird eine Fahrzeit von etwa zwei Stunden – um in Nürnberg den Anschluss nach Berlin ohne zu große Umsteigezeiten erreichen zu können. Durch die weiteren Mitglieder (Städte Schwäbisch Hall und Backnang) und die geplante Untersuchung zu Verbesserungsmöglichkeiten für den Schienenkorridor werden sich weitere „Impulse für die Gespräche mit dem Bund und der Bahn“ ergeben, ist sich Pavel sicher.

Interessengemeinschaft (IG) Schienenkorridor Stuttgart–Nürnberg

Die IG Stuttgart–Nürnberg wurde auf dem Bahntag II der Europäischen Metropolregion Stuttgart am 12. Juli 2013 in Crailsheim gegründet. Die IG hat den Schienenfernverkehr im Blick und möchte die Attraktivität der IC-Linie 61 durch einen Ausbau der Strecke und eine bessere Bedienungsqualität steigern –  auch vor dem Hintergrund der 2017 in Betrieb gegangenen ICE-Neubaustrecke Nürnberg–Erfurt (–Berlin).

Mitglieder sind:
die Städte: Stuttgart, Schorndorf, Schw. Gmünd, Aalen, Ellwangen, Crailsheim, Ansbach, Nürnberg;
die Landkreise: Rems-Murr-Kreis, Ostalbkreis, Landkreis Schwäbisch Hall, Landkreis Ansbach;

die Regionen: Verband Region Stuttgart, Regionalverband Ostwürttemberg, Regionalverband Heilbronn-Franken, Metropolregion Nürnberg;

die Kammern: IHK Stuttgart, IHK Ostwürttemberg, IHK Heilbronn-Franken und IHK Nürnberg für Mittelfranken.

Beitreten möchten  nach einer Mitteilung der IG die Städte Schwäbisch Hall und Backnang.
Quelle: IG Schienenkorridor

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