Gaildorf Alles hat seine Zeit, jede Erfahrung ihren Augenblick

Gaildorf / SWP 31.12.2013
Jahreswechsel. Altjahrabend und Neujahr. Ein Moment, wieder am Ende eines Jahreskreises angelangt, an dem wir zurück und nach vorn schauen. Was hat das vergangene Jahr an Freud und Leid gebracht? Womit war es gefüllt oder erfüllt? Und: Was wünschen wir uns für das neue Jahr?

Jahreswechsel. Altjahrabend und Neujahr. Ein Moment, wieder am Ende eines Jahreskreises angelangt, an dem wir zurück und nach vorn schauen. Was hat das vergangene Jahr an Freud und Leid gebracht? Womit war es gefüllt oder erfüllt? Und: Was wünschen wir uns für das neue Jahr? Fragen, die uns heute bewegen. Fragen, die jeder für sich ganz persönlich je eigen beantworten wird.

Für den Rückblick - all das, was wir erlebt haben - ist für mich ein Text im Alten Testament im Buch Prediger Salomo (Kapitel 3, Übertragung von Peter Spangenberg) ganz besonders wertvoll. Es ist eine Meditation, die uns einlädt, unser Leben in seiner ganzen Fülle aufmerksam zu betrachten und zu bedenken.

"Alles hat seine Zeit, und jede Erfahrung hat ihren Augenblick. Kinder bekommen hat seine Stunde, und auch der Tod hat seine Zeit. Saat und Ernte haben je ihren eigenen Tag. Die Augenblicke von Bedrohung und Angst gehören zum Leben. Heilen und Vergeben haben ihre Stunde. In Minuten kann etwas einstürzen, und viel Zeit braucht es, um etwas aufzubauen. Kostbar ist die Stunde des Weinens, und befreiend sind die Augenblicke des Lachens und des Tanzens. Es gibt Momente, alles hinzuwerfen, und auch Augenblicke, wo ich das Leben einsammeln möchte. Jede Umarmung hat ihre Zeit, aber auch die Erfahrung, einander fremd zu sein. Ich kenne Stunden des Suchens, ich kenne aber ebenso Stunden gähnender Leere. Es gibt Zeiten zum Behüten genauso wie die Zeiten des Loslassens. Schweigen hat seine Bedeutung - es sind Stunden der Stille. Und Reden hat seine Zeit - Stunden des Austauschs und der Begegnung. Liebe und Hass - beides sind Erfahrungen, die zum Leben dazugehören. Und bei allem ist es Gott, der das Leben entworfen hat mit Sinn und Hoffnung - zu aller Zeit. Und: Er hat uns Menschen die Ewigkeit in unser Herz gepflanzt wie eine Blume."

Gott nahe zu sein, ist mein Glück

Was wohl jeder für sich beim Lesen dieser zutiefst weisen Worte gespürt und gedacht hat? Und haben wir gespürt: Das ist nichts weniger als eine Einladung, sich der Frage zu stellen: "Wer ist eigentlich der Herr meiner Zeit?"

Susanna Tamaro beschreibt in ihrem wunderbaren Buch "Geh wohin dein Herz dich trägt" die eine Möglichkeit: Das Schicksal wirft uns wie ein Blatt oder eine Plastikflasche in einen Fluss. Wir gehen nicht unter - und das erscheint schon als Sieg. Aber wir bestimmen auch nichts. Denn der Strom treibt uns, wie er will - bis ins Meer. Schicksal, Zufall, Getrieben sein. Das ist die eine Möglichkeit.

Der Prediger Salomo eröffnet uns eine ganz andere. Ein Gesangbuchlied fasst sie nochmals anders so in Worte (EG 628): "Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir."

Meine Zeit steht in Gottes Hand. In diesem Vertrauen kann ich persönlich getrost nach vorn blicken. Das Gute will ich dankbar aus seiner Hand empfangen. Und das Schwere werde ich tragen können, weil ich weiß: Gott wird mir helfen, es zu tragen. Also weder ein Blick zurück im Zorn noch ein Blick in Sorge nach vorn bewegt mich heute. Sondern eine getroste und geborgene Zuversicht, die sich an unsere neue Jahreslosung hält: "Gott nahe zu sein, ist mein Glück" (Psalm 73 Vers 28). Und so wünsche ich uns ganz bewusst keinen "guten Rutsch", sondern "ein von Gott behütetes und gesegnetes neues Jahr"!

Pfarrer Jürgen Zwirner, Evangelische Kirchengemeinde, Untergröningen

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