Musikwinter „Man hörte das Schmatzen des Säuglings“

Samuel Finzi liest in Gschwend lebhaft und mit bilderreicher Sprache.
Samuel Finzi liest in Gschwend lebhaft und mit bilderreicher Sprache. © Foto: Ralf Snurawa
Gschwend / Ralf Snurawa 17.01.2018

Der Schauspieler Samuel Finzi fiel bei seiner „Hiob“-Lesung im Gschwender Bilderhaus gleich durch einen sehr pointierten und lebhaften Vortrag der schlicht gehaltenen Roth’schen Sprache auf, Manchmal deutete er einen jiddischen Tonfall in Dialogen an.

Die Geschichte des Toralehrers Mendel Singer aus dem fiktiven Schtetl Zuchnow kostete Finzi mit viel Lust am Sprechen aus. Das betraf etwa Zeilen über Singers Frau Deborah: „Sie war ein Weib, manchmal ritt sie der Teufel. Sie schielte nach dem Besitz Wohlhabender und neidete Kaufleuten den Gewinn. Viel zu gering war Mendel Singer in ihren Augen.“

Es konnten aber auch Momente wie die mit Singers viertem Kind, Menuchim, sein, die Finzi gekonnt herauszustellen verstand: „Weiß, geschwellt und kolossal entquoll ihre Brust der offenen Bluse und zog die Blicke der Knaben übermächtig auf sich. Alle Anwesenden schien Deborah zu säugen… Man hörte das Schmatzen des Säuglings.“

Eifersucht auf den Kranken

Samuel Finzi hatte besonders charakterisierende Textpassagen ausgewählt. Dazu zählte der Umgang der drei Geschwister mit dem kranken Menuchim, den sie lieber tot als lebend sehen wollten, weil ihm die ganze Zuneigung der Mutter galt.

Dazu zählte auch das Verhalten von Singers Tochter Mirjam gegenüber den Soldaten oder die zunehmende Distanz Mendel Singers zu seiner Frau – und deren Versuch, ihren Sohn Schemarjah mit dem Geld des Geschäftemachers Kapturak vor dem Militärdienst zu bewahren.

Schemarjah gelangt so nach New York, wird zu Sam, baut ein Kaufhaus auf, heiratet und holt die Eltern und Mirjam nach. Sein Bruder Jonas bleibt beim Militär und kämpft am Ende des Ersten Weltkriegs in den Reihen der russischen Weißgardisten. Auch Sam und sein Freund Mac, der Liebhaber Mirjams, kämpfen in diesem Krieg mit: in der US-Armee.

Finzi verlagerte die Handlungen in den USA in den zweiten Teil des Abends, wodurch im ersten Teil rückspiegelnde Momente besonders unterstrichen wurden. Zunächst hatte er Joseph Roths Schilderungen der Schicksalsschläge Mendel Singers herausgegriffen und verdichtet: Sam fällt im Krieg, Jonas wird als verschollen gemeldet, Mirjam erleidet eine schwere Psychose und Deborah stirbt.

Das Sterben aus Gram um den Tod ihres Sohnes ließ Finzi zu einem sehr stillen Augenblick werden, in dem er nach dem ständig erwähnten Ticken der Uhr, nach dem „schwarzen Wiegenlied für tote Kinder“, dem „grölenden Laut aus Deborahs Brust“ und ihrem Tod eine lange Pause setzte. Die Schicksalsschläge lassen Mendel Singer an Gott zweifeln, treffend verbittert von Finzi wiedergegeben: „Gott will ich verbrennen.“ Das Erscheinen seines Sohnes Menuchim, einst in Galizien zurückgelassen, nun von seiner Krankheit geheilt, versöhnt Mendel jedoch wieder mit Gott.

Geradezu innig verstand es Finzi, die kleine Szene auszugestalten, in der Mendel entdeckt, wie der Ton von Glas und Glocken seinen unterentwickelten und nicht sprachfähigen Sohn faszinierten. Und Finzi überließ das vom Vortrag begeisterte Publikum einem offenen Ende: „So grüßte Mendel Singer die Welt.“

Info Die Literaturreihe des Musikwinters sollte eigentlich schon im vergangenen Jahr mit einem Vortrag des Galizien-Experten Martin Pollack eröffnet werden. Doch Pollack ist schwer erkrankt, und die von ihm empfohlene Dr. Stefaniya Ptashnyk wird den Vortrag nun Ende Januar nachholen.

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