Schule "Malspielen" im "Malort": Wie die Fichtenberger Schule die Kreativität fördert

Mal was du willst: Grundschüler im "Malort" im ehemaligen Fotolabor der Fichtenberger Schule. Hier gibt es Farben, Papier und einige Verhaltensregeln. Was es nicht gibt: Lob, Kritik, Anleitungen oder gar Noten.
Mal was du willst: Grundschüler im "Malort" im ehemaligen Fotolabor der Fichtenberger Schule. Hier gibt es Farben, Papier und einige Verhaltensregeln. Was es nicht gibt: Lob, Kritik, Anleitungen oder gar Noten. © Foto: Richard Färber
Fichtenberg / RICHARD FÄRBER 04.05.2015
Im "Malort" im Untergeschoss der Fichtenberger Schule gibt es Regeln, sie sind formal und streng. Innerhalb dieser Regeln aber genießen die Kinder die größtmögliche Freiheit - und gedeihen aufs Erstaunlichste.

"Punkt, Punkt, Komma, Strich" - so weit würde Arno Stern vermutlich noch zustimmen. Bei "fertig ist das Angesicht" aber sieht man ihn förmlich die Nase rümpfen: ergebnisorientiertes Malen entspricht nicht seiner Intention. Bilder zeigen oder drüber reden übrigens auch nicht.

Für den 92-Jährigen, auf den auch die Bezeichnung Kunstpädagoge nicht so recht zutreffen will, ist die Befähigung zum Malen kein Leistungsmerkmal, sondern ein Charakteristikum der Gattung Mensch. Kinder, die malen, entdecken ihre Sprache, formulieren ihre Bilder von der Welt. Stern, der in Paris lebt und arbeitet, hat festgestellt, dass es Urformen gibt, die von allen Kindern der Welt genutzt und verstanden werden - das Dreieck und das Viereck etwa, der Kreis, der Bogen, das Kreuz, die Gräte.

Anstoß durch en Dokumentarfilm Alphabet

Dreieck, Viereck, Kreis, Bogen, Kreuz und Gräte hängen auch an den Wänden des "Malortes" in der Fichtenberger Grund- und Werkrealschule. Die Lehrerinnen Brigitte Samrock, Iris Seehuber und Mascha Wörner sind auf Sterns übrigens sehr schulkritische Ideen im Kino gestoßen. Der Dokumentarfilm "Alphabet" von Erwin Wagenhofer beschäftigt sich kritisch mit Schulsystemen. Arno Sterns "Malort" erscheint darin als Gegenentwurf zu einer Pädagogik, die auf Leistung abzielt. Als Stern im Februar in Schorndorf einen Vortrag über sein "Malspiel" hielt, waren die Pädagoginnen zur Stelle. Eine erste Fortbildung absolvierten sie bei einer Stern-Schülerin in der Schweiz, einen zweiten Kurs besuchen sie zur Zeit in Schorndorf.

Der Fichtenberger Malort wurde im ehemaligen Fotolabor eingerichtet, das nicht mehr gebraucht wird. Die Palette für die Farben ist selbst geschreinert, ebenso die Weichholzplatten, mit denen die Wände verkleidet sind. Für die teuren Gouache-Farben und die hochwertigen Pinsel sowie für das Papier gab's Geld von der Gemeinde - und für die offenbar dringend benötigten Malkittelchen hofft man auf eine Spende des Vereins Kinder und Jugend in Fichtenberg.

Der Malort ist kein Kinderkram. Menschen jeden Alters können sich dort entfalten und am Besten funktioniere das, sagt Mascha Wörner, bei heterogenen Gruppen. In Fichtenberg dürfen derzeit allerdings vor allem die Grundschüler im Malort "Malspielen". Für die Werkrealschüler hat man beim Schulamt um zusätzliche Stunden gebeten - sieben, eine Stunde pro Klasse, wären optimal, meint Iris Seehuber.

Die Grundschulkinder werden von Brigitte Samrock und Mascha Wörner betreut. "Wir sind die Maldiener", sagt Brigitte Samrock: Wenn Farben gemischt werden müssen, wenn Hocker oder Schemel benötigt werden, sind die Lehrerinnen zur Stelle, damit der "Flow" nicht unterbrochen wird. Für die Kinder sei es eine extrem positive Erfahrung, wenn sie Unterstützung spüren, ergänzt Mascha Wörner.

"Unterstützung" wohlgemerkt, nicht "Anleitung". Was die Kinder malen wollen, bleibt ihnen selbst überlassen. Ihre Bilder werden weder gelobt noch kritisiert oder gar bewertet, sondern einfach aufgehoben. Gelernt wird trotzdem, und zwar nicht nur die pflegliche Handhabung von Pinseln und Farben, die richtige Malhaltung und der korrekte Pinselschwung.

Das Verbot von Vergleich und Kommentar nehme den Druck von den Kindern und fördere ihre mitunter sehr verkümmerte Kreativität, ihr Selbstvertrauen und ihr Sozialverhalten, stellen die Pädagoginnen fest. Und eigentlich ist "Lernen" dafür das falsche Wort. Das richtige Wort lautet Entwicklung.