Wirtschaft „Jetzt müssen wir unsere Fehler der letzten 20 Jahre ausbaden“

Bei der Begegnung mit dem Werksverkehr auf der offiziellen Zufahrt der Firma Fertighaus Weiss von Oberrot in Richtung Scheuerhalden bleibt der Crafter am Straßenrand stehen, um den LKW passieren zu lassen.
Bei der Begegnung mit dem Werksverkehr auf der offiziellen Zufahrt der Firma Fertighaus Weiss von Oberrot in Richtung Scheuerhalden bleibt der Crafter am Straßenrand stehen, um den LKW passieren zu lassen. © Foto: privat
Oberrot / Cornelia Kaufhold 13.07.2018
Der Gemeinderat Oberrot möchte der Firma Fertighaus Weiss weitere Fläche zur Verfügung stellen. Die Stiershofer wehren sich dagegen.

Das WM-Fußballspiel um den Einzug ins Halbfinale lässt die Männer kalt. Was sich vor ihrer Haustür abspielt, interessiert sie aktuell viel mehr. Es geht um den Bebauungsplan „Sturzbergstraße – Erweiterung II“ in Scheuerhalden. Die Firma Fertighaus Weiss, der größte Gewerbesteuerzahler der Gemeinde, „benötigt dringend gewerbliche Erweiterungsflächen“, heißt es in der Begründung des Bebauungsplans. Dieser befindet sich noch in der Auslegung, der Phase, in der Behörden und Bürger ihre Meinung zum Vorhaben abgeben können. Der Gemeinderat möchte das Areal als Mischgebiet ausweisen, da sich der Betriebsnachfolger der Firma dort ein Haus bauen möchte. Es grenzt unmittelbar ans Gewerbegebiet an, die Produktionsfläche der Firma.

Mehr Verkehr, Lärm, Dreck

Der Hausbau geht für die Stiershofer völlig in Ordnung. Nicht aber die Ausweisung als Mischgebiet, denn sie befürchten, dass damit die Hintertür für eine Produktions-Erweiterung geöffnet wird. Immerhin feierte Fertighaus Weiss 2017 ein Rekordjahr mit 270 verkauften Häusern.

Der Anlieferverkehr zu Fertighaus Weiss rollt durch Stiershof, sagen die Bürger. „Das sind nicht nur 7,5- und 12-Tonner, sondern auch größere Fahrzeuge, die mit 70 Sachen und mehr durchs Dorf fahren“, sagt ein Mann. Manche Weiss-Mitarbeiter nehmen diese Strecke, es kommen Kunden und Vertreter. „Wir können unsere Kinder bei dem Verkehr nicht springen lassen“, argumentiert eine Frau. „Wir lassen unsere Kinder nicht mal alleine zur Bushaltestelle gehen“, ergänzt sie. Als sie morgens aus dem Küchenfenster schaut, sieht sie einen mit Fenstern beladenen Laster, erzählt eine Anwohnerin. „Ich dachte, ich bin im falschen Film.“

Die Bürger sprechen von gefährlichen Situationen im Begegnungsverkehr. Manche, vor allem ältere Verkehrsteilnehmer trauten sich nicht mehr, den Weg nach Hohenhardtsweiler zu fahren. „Sie haben Angst, rückwärts fahren zu müssen, um einem entgegenkommendem LKW auszuweichen.“ Dabei ist diese kurvige und teils steile Straße auf sechs, im weiteren Verlauf auf 7,5 Tonnen beschränkt und damit für schwere LKW tabu. Die offizielle Zufahrt zum Fertighausbauer verläuft über die Kreisstraße nach Hausen oder Oberrot, sagt Bürgermeister Daniel Bullinger. „Es kommt wohl im Einzelfall vor, dass mal ein LKW über Stiershof fährt. Die offizielle Route ist eine andere“, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Er möchte „aktuell keine Bewertung abgeben“. „Wir warten jetzt alle Stellungnahmen ab und werden sie dann ganz unaufgeregt anschauen und diskutieren.“

Die Seitenränder der Ortsdurchfahrt Stiershof sind beidseitig ausgefranst. „Das war früher mal ein geschotterter Feldweg, da hat man Asphalt draufgemacht und das war’s. Die Straße hat keinen Unterbau für Schwerlastverkehr“, erklärt eine Bürgerin.

Den Stiershofern geht es auch um den Flächenverbrauch. „Die Firma Fertighaus Weiss beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und unterhält entsprechende Parkflächen auf unversiegeltem Grund. Diese Fläche war einmal Wald und im Besitz des Landes.“ So weit die Argumentation in der Stellungnahme eines Bürgers.

Gefahr auf Schulweg

Er beklagt den zunehmenden Verlust landwirtschaftlich genutzter Fläche in einem Gebiet, das zum Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald gehört, der als Erholungsraum dient. In der Stellungnahme wird auch die Verkehrssicherheit angesprochen: „Das geplante Mischgebiet soll über die vorhandene Stichstraße der Sturzbergstraße erschlossen werden. Das ist ein Schulweg. Die Gefahr für Kinder ist unzumutbar.“

Wenig Hoffnung auf Erfolg

Die Stiershofer haben wenig Hoffnung auf Erfolg. „Wir haben jahrelang die Salamitaktik mitgemacht, und müssen jetzt die Fehler der letzten 20 Jahre ausbaden.“ Dass der Betrieb seine Produktion verlegen kann, erscheint ihnen unwahrscheinlich. Und auch Bürgermeister Daniel Bullinger lacht bei der Frage nach einer möglichen Verlegung der Produktion ins Tal auf. „Wenn das so einfach wäre“, sagt er. In Oberrot sei es wegen des Natur- und Landschaftsschutzes schwierig, Gewerbeflächen auszuweisen.

„Wir schauen, dass hier oben alles bestmöglich abläuft“, versichert Hans Volker Noller, geschäftsführender Gesellschafter der GmbH in Scheuerhalden, gegenüber unserer Zeitung. Er kann die Befürchtungen der Stiershofer nicht teilen: „In der jetzigen Erweiterung geht es um die Wohnbebauung. In der Richtung werden wir die Produktion nicht erweitern.“ Die Firma bemühe sich und möchte die Verladung der Häuser nach Oberrot verlagern. Ihm wären breit ausgebaute Straßen auch am liebsten, „aber das kommt nie“, ist Noller sicher.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel