Energie Naturstromspeicher Gaildorf geht in Betrieb

Gaildorf / Jochen Höneß 19.12.2017
Es ist ein Meilenstein in einem bislang einzigartigen Projekt: Die Windenergieanlagen des Gaildorfer Naturstromspeichers sind ans Netz gegangen. Binnen eines Jahres soll das Pumpspeicherkraftwerk folgen.

Nach Jahren der Diskussion und Beratung, Planung und Entwicklung haben sich die Beteiligten am Projekt Naturstromspeicher Gaildorf ihr Weihnachtsgeschenk selbst gemacht: Mit einem symbolischen Druck auf den roten Knopf in der Steuerzentrale von Windenergieanlage 5 wurden die vier Windräder am Montag offiziell in Betrieb genommen. Mit einer Nennleistung von insgesamt 13,6 Megawatt (MW) produzieren sie nun Strom. Und ein Weltrekord ist auch noch fällig, da eine der Anlagen mit einer Nabenhöhe von 178 Metern und mehr als 246 Metern Rotorhöhe die höchste der Welt ist.

Diese Höhe wird dadurch erreicht, dass drei der vier Windräder auf einem jeweils rund 40 Meter hohen Wasserbecken stehen (das vierte Windrad bekommt zu einem späteren Zeitpunkt ein Becken). Die sollen künftig wiederum mit einem Unterbecken im Tal verbunden sein. Liegt im überörtlichen 110-kV-Netz überschüssiger Strom an, wird damit das Wasser aus dem Unterbecken durch Druckrohrleitungen den Berg hinaufgepumpt. Möchte man zusätzliche Energie erzeugen, lässt man das Wasser wieder hinabfließen – und produziert dabei mittels eines Kraftwerks Strom. Binnen 30 Sekunden kann zwischen beiden Betriebsmodi umgeschaltet werden. „Wasserbatterie“ nennt sich diese Form des Stromspeichers.

Strom für 10.000 Haushalte

Freude und auch ein wenig Stolz schwingt in den Stimmen derer mit, die das Projekt am Montag zur Mittagszeit der internationalen Presse präsentieren. „Das ist ein einzigartiges Konzept“, sagt Josef Knitl, Vorstand der Max Bögl Wind AG, die die Anlagen errichtet hat. Mehr als 40.000 Megawattstunden Strom sollen sie pro Jahr erzeugen, rechnet Knitl vor – genug, um rund 10.000 Haushalte zu versorgen. Weitere 70.000 Kilowattstunden liefert bei Bedarf die beschriebene „Wasserbatterie“.

Wind- und Wasserkraft agieren beim Gaildorfer Naturstromspeicher unabhängig voneinander. Und doch bringt die Symbiose große Vorteile, wie Alexander Schechner, der Initiator des Projekts, am Montag ausführt. Neben der reinen Erzeugung von Ökostrom sei es ungemein wichtig, eine „dezentrale Flexibilität“ herzustellen. Große Pumpspeicherkraftwerke seien wegen des Flächenverbrauchs und der damit einhergehenden langwierigen Verhandlungen mit Grundstückseignern problematisch. „Wir müssen eine Anlage bauen, die man lokal vermitteln kann“, so sein Credo. Der Naturstromspeicher passe sich an die örtlichen Gegebenheiten an. Vor fünf Jahren habe man für all das noch sehr viel Phantasie gebraucht. „Heute sind wir mittendrin, und in zwei, drei Jahren ist das, was wir hier machen, Mainstream.“

Auch Bürgermeister Frank Zimmermann macht aus seiner Freude über das Erreichen des Etappenziels keinen Hehl. Bereits 2011 sei man in Gaildorf in die Offensive gegangen, was das Thema Energiewende angeht. Natürlich habe es vor allem in der Anfangszeit eine kontroverse Auseinandersetzung in der Bevölkerung gegeben, die schließlich in einen Bürgerentscheid zugunsten des Projekts mündete. „Doch wir haben bewusst gesagt: Die Anlagen, die sauberen Strom erzeugen, darf man auch sehen.“

Das tut man nun auch: Schon aus weiter Entfernung sieht man die Windräder auf den Limpurger Bergen thronen. Eine Anlage steht auf städtischem Grund und Boden, die anderen drei im Wald der Graf von Pückler und Limpurg’schen Wohltätigkeitsstiftung. Deren Geschäftsführer Matthias Rebel erinnert bei der Pressekonferenz daran, dass der Stiftungrat seinerzeit binnen 14 Tagen grünes Licht gab. 0,2 Prozent der Stiftungsfläche, rechnet er vor, mussten für die Anlagen hergegeben werden.

Nominiert für „GreenTec-Award“

Wettbewerb Das Pilotprojekt Naturstromspeicher Gaildorf ist in der Sparte „Energie“ für den „Greentec-Award“ 2018 nominiert worden. Die Awards werden seit 2008 vergeben und gelten als einer der wichtigsten Umweltpreise weltweit. Zwei Finalisten pro Sparte werden von einer interdisziplinären Jury gekürt, in der mehr als 70 Vorstände, Geschäftsführer und Redakteure sitzen, ein dritter wird per Online-Voting ermittelt. Ausgezeichnet werden die Gewinner am 13. Mai 2018 in München. Die Preisverleihung ist gleichzeitig das Eröffnungsevent der IFAT, Weltleitmesse für Umwelttechnologie.

https://abstimmung.greentec-awards.com

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