"In der Tat, der Mensch ist originell"

HANS KÖNIG 22.06.2013

Unser Land ist nicht gerade arm an Dichtern: Schiller, Schubart, Uhland, Mörike Hauff, Kerner - wer kennt sie nicht! Neben diesen Berühmtheiten gibt es eine Vielzahl von Heimatdichtern und lokale Talente. Dazu zählt auch der Dichter Johannes Lämmerer vom Lämmershof - früher Gemeinde Altersberg, heute Gemeinde Gschwend.

Dem Gaildorfer Oberamtsarzt Dr. Justinus Kerner ist es zu verdanken, dass Gedichte des einfachen und bescheidenen Johannes Lämmerer erhalten blieben, dem Gschwender Pfarrer Heinrich Prescher, dass das Talent Lämmerer überhaupt entdeckt wurde.

Als Justinus Kerner mit seinem Freund Ludwig Uhland am 10. Oktober 1815 Heinrich Prescher in Gschwend besuchte, zeigte er ihnen auch ein Gedicht Lämmerers, der damals allerdings schon nicht mehr im Lämmershof, sondern in Unterdeufstetten, einem Teilort der heutigen Gemeinde Fichtenau, wohnte.

Nachdem Kerner und Uhland von dem Gedicht durchaus angetan waren, schrieb dies Prescher wohl an Lämmerer. Darauf legte Lämmerer Kerner seine in ein Buch geschriebene Gedichtsammlung vor, die Kerner wiederum an Ludwig Uhland zur Begutachtung sandte: "Hier folgt nun von diesem Lämmerer eine Gedichtsammlung, deren Äußeres schon für das Innere spricht. In der Tat, der Mensch ist originell. Er wäre in früheren Zeiten ein wahrer Meistersänger geworden. Bald mahnt er an Hans Sachs, bald an Flemming. Du darfst Dir keinen Schulmeister unter ihm vorstellen, es ist ein bloßer schlichter Weber, der im 20. Jahr bei Prescher erst schreiben lernte und nicht ,gstudirt ist, wie er im Lebenslauf sagt. Lese diesen und das Folgende und urteile selbst, und schreibe mir doch auch, ob Dir die Sendung nicht widrig war. Ich bitte Dich aber inständig: bewahre mir das Buch recht und sende es bald wieder zurück. Ich wüßte mir des armen Teufels wegen nicht zu helfen, wenn es verloren ginge."

Uhland, der die Gedichte zusammen mit seinem Dichterkollegen Friedrich Rückert sofort durchlas, urteilte so: "Die Werke Johannes Lämmerers, die mir und Rückert viel Freude gemacht haben und recht schöne Dinge enthalten, erhältst Du hiebei mit herzlichem Dank zurück."

Als Kerner 1818 im "Morgenblatt für gebildete Stände" ein ehrendes Sonett unter dem Titel "An Johannes Lämmerer" veröffentlichte, richtete diese Ehre den bekümmerten Freund auf: "Wie einst Hans Sachs in seiner frommen Sitte manch Lied auf armer Schustersbank gesungen, so ist auch dir manch frommes Lied gelungen am Weberstuhl in armer, stiller Hütte."

Die größte Freude seines Lebens erfuhr Johannes Lämmerer 1819, als Justinus Kerner eine Auswahl seiner Gedichte herausbrachte, die er bei Ritter in Schwäbisch Gmünd drucken ließ. In seinem Vorwort führte Kerner dazu unter anderem aus: "Nur aus den kürzeren seiner Gedichte ist hier eine kleine Auswahl fürs Publikum getroffen. Sie erlitten durch keine fremde Hand Zusatz oder wesentliche Veränderung; nur wo es, dem Ganzen unbeschadet, geschehen konnte, wurden zur Abkürzung überflüssig scheinende Verse ganz weggelassen, auch wurde hier und da nur dem Versbau nachgeholfen. Durch die Not der letzten Jahre hat auch Lämmerer sehr gelitten. Er war lange krank und ist es noch. Seine Armut ist groß; doch hört man ihn nie darüber klagen. Nur der Gedanke an den Tod seines Weibes und ihre Leiden auf dem Sterbelager bringt ihn zu Klagen und Tränen. Möchte er durch den Druck dieser Lieder (ein Hauptzweck ihrer öffentlichen Erscheinung) noch in seinen letzten Lebensjahren Freude und Unterstützung finden!"

Das Bändchen enthält einleitend auch ein Gedicht Preschers "An den Herausgeber", und Johannes Lämmerer beschreibt seinen bis dahin nicht leichten Lebensweg:

"Im Jahr 1763, den 22. Juni, bin ich des Morgens um drei Uhr im Lämmershof ehelich zur Welt geboren, und denselben Tag noch zur heiligen Taufe nach Gschwend gebracht worden, wo ich den Namen Johannes erhielt. Mein Vater war Johann Friedrich Lämmerer, Schutzverwandter (also der Herrschaft Limpurg unterstehend) auf gedachtem Lämmershof. Meine Mutter hieß Susanne, eine geborene Stiefelin von Welzheim. Meine Eltern, ob sie gleich sehr arm waren, ließen es nicht fehlen an der gehörigen Wartung und Pflege mich groß zu erziehen. Weil ich aber ein schwaches Kind war, so ließen sie es nicht fehlen, mich gleich in der ersten Kindheit mit Gottes Wort zu unterrichten, so daß ich mit sechs Jahren in allen Büchern habe fertig lesen können. Da ich aber immer sehr kränklich und schwach war, so konnt ich, wegen der weiten Entfernung von dem Schulort, erst im elften Jahre in die Schule geschickt werden."

An Ostern 1775 wurde Johannes Lämmerer mit 27 anderen Kindern in Gschwend konfirmiert und musste in die Fremde: "Noch im gleichen Jahr mußte ich mich unter fremde Leute begeben und mußte fünf Sommer das Vieh hüten und im Winter mich mit Stricken bei andern Leuten nähren." Das Stricken hatte er von der Mutter gelernt.

Als er 17 Jahre alt war erkrankte Lämmerer an den Blattern: "Dieses schreckliche Übel dauerte fast vier ganze Jahre, so daß ich oft an dem ganzen Leibe aussah, wie uns Hiob in seinem Buch beschrieben ist." Die Zeit während der Krankheit vertrieb er sich mit dem Erlernen des Schreibens und Rechnens bei Pfarrer Prescher in Gschwend. "Darüber vergaß ich viel von dem Elend, in welchem ich leben mußte." Nach seiner Genesung erlernte er mit großem Fleiß den damals im Schwäbischen Wald weit verbreiteten Beruf des Leinewebers. Als Webergeselle arbeitete er an verschiedenen Orten und sicherte sich dabei ein gutes Auskommen.

1790, wieder zu Hause, lernte er Rosina Wahl vom Hasenhof kennen. Die Braut und ihre Eltern redeten ihm zu, sich in Deufstetten (heute Unterdeufstetten) niederzulassen. Warum gerade in diesem Ort, ist nicht bekannt. Im benachbarten Segringen (heute Ortsteil von Dinkelsbühl) fand am 17. Januar 1791 die Hochzeit statt. Da er in Deufstetten wohl gelitten war, baten ihn die Bürger und der dortige Amtmann im Jahr 1807, sich um die dortige Filialschulstelle zu bewerben. Freiherr von Seckendorf-Gudent übertrug ihm die Stelle, und so zog die Familie ins Schulhaus.

Johannes Lämmerer hielt am 16. November 1807 seine erste Schulstunde. Daneben wurde er 1810 noch als Unterumgelder beim Kameralamt Crailsheim angestellt. Als Umgelder war es seine Aufgabe, das Umgeld, eine Steuer auf alkoholische Getränke, bei den Wirten einzuziehen.

Johannes Lämmerer, dessen Schuldienst ihn wohl nicht allzu sehr belastete und vielleicht die Familie nicht ganz ernähren konnte, zog auch als hausierender Handelsmann durch die nähere und weitere Umgebung und kam so gelegentlich immer wieder auch ins Limpurger Land. Aus einem Brief Kerners an Ludwig Uhland vom 7. November 1816 erfahren wir von einem Besuch in Gaildorf: "Letzthin sprach Johannes Lämmerer bei mir ein, es war schon späte Nacht. In seinem Zwerchsack trug er auf einer Seite die wohlbeschlagene Krämerbude, auf der andern baumwollene Fuhrmannskappen zum Verkauf. Er war sehr niedergeschlagen wegen der teuren Zeit und sah abgehungert und elend aus. Vorzüglich bekümmerte ihn, daß er den Haussegen nicht habe drucken lassen können, weil ihn kein Drucker der teuren Zeit wegen, für die er doch gedichtet war, übernommen habe."

Die Krankheit seiner Frau brachten ihm und seinen drei Kindern 1817 große Sorgen. Die Ruhr ergriff sie und warf sie auf ein schweres Krankenlager, bis sie am 5. November 1817 verstarb. Das Kranken- und Sterbelager seiner Frau Rosina schildert Lämmerer ausführlich in der Einleitung zu seinem Gedichtbändchen.

Es ist nicht bekannt, wie hoch die Auflage des Gedichtbändchens war und wie viel Geld es Johannes Lämmerer brachte. Gleich nach dem Erscheinen des Bändchens verkaufte Kerners Freund, der Gaildorfer Hof- und Regierungsrat Johann Karl Höck, in seinem Bekanntenkreis 28 Exemplare. Als Höck Oberjustizrat in Ellwangen wurde, besuchte ihn dort Lämmerer zweimal und konnte dabei jeweils auch seine Gedichte verkaufen.

Bis zuletzt als getreuer Dorfschullehrer im Amt geblieben, erlag er 1831 einem Schlaganfall. Johannes Lämmerer, der Hirtenbub, Webergeselle und Lehrer war ein echtes poetisches Talent. Seine Verse sind nicht konstruiert, sie haben nichts Gekünsteltes, sondern sprudeln aus dem hellen und klaren Quell eines frischen, unverbildeten Gemüts. Von seinen vielen Gedichten sind vermutlich nur die von Kerner veröffentlichten erhalten geblieben.

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