Gaildorf Bahnhof: „Für Gaildorf keine gute Visitenkarte“

Bahnhof Gaildorf West, 8.32 Uhr: Der Regionalzug nach Stuttgart kurz vor der Abfahrt. Für den Personenverkehr sind die Gleise 2 und 3 reserviert. Gleis1 – das gerade belegt ist – dient laut Bahn AG als „Überholgleis“ für den Güterverkehr.
Bahnhof Gaildorf West, 8.32 Uhr: Der Regionalzug nach Stuttgart kurz vor der Abfahrt. Für den Personenverkehr sind die Gleise 2 und 3 reserviert. Gleis1 – das gerade belegt ist – dient laut Bahn AG als „Überholgleis“ für den Güterverkehr. © Foto: Klaus Michael Oßwald
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 12.07.2018
Die Zukunftswerkstatt Gaildorf lässt nicht locker und pocht auf Barrierefreiheit des Bahnhofs Gaildorf West. Sie präsentiert der Bahn AG ein Konzept und fordert eine Umgestaltung: Gleis 1 soll „Hauptgleis“ werden.

Es sind dicke Bretter, die von der „Zukunftswerkstatt Gaildorf 2030“ derzeit gebohrt werden, um den Westbahnhof aufzuwerten. Erste Rückschläge mussten die ehrenamtlich engagierten Bürger bereits einstecken. Sie wollen jedoch nicht aufgeben, um eines ihrer wichtigsten verkehrspolitischen Ziele zu erreichen: Der Bahnhof, sagt Hans Rzesnitzek von der Arbeitsgruppe, „muss barrierefrei werden.“ Dies könne, ist er überzeugt, durch die Nutzung von Gleis 1 geschehen.

Der Ruf nach Barrierefreiheit ist nicht neu. Seit Fertigstellung der Unterführung – die Verbindung zwischen Gleis 1 und den Gleisen 2 und 3 – vor 17 Jahren wird darüber heftig debattiert. Die Deutsche Bahn AG hatte damals zwar einen Aufzugsschacht anlegen lassen, es aber abgelehnt, in diesen einen Fahrstuhl einzubauen. Mit der Begründung: Investitions- wie Betriebskosten dafür seien zu hoch, die Fahrgastzahlen zu niedrig.

Daran hat sich bis dato nichts geändert: Um vom Bahnhofsvorplatz zu den Gleisen 2 und 3 zu gelangen, müssten Fahrgäste durch die nicht gepflegte Unterführung gehen, heißt es in einem Arbeitspapier der Zukunftswerkstatt. Im Winter seien die Treppen verschneit, Frauen und Mädchen hätten ab Einbruch der Dunkelheit „berechtigte Angst.“

Hinzu komme: Für Eltern mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und ältere Menschen mit Reisegepäck sei die Unterführung „gar nicht oder nur mit großen Anstrengungen zu bewältigen.“ Und in diesem Zusammenhang das zweite Dauerärgernis: Die Unterführung werde oft nicht nur als Toilette missbraucht, da keine Klos im Bahnhofsbereich verfügbar seien, sondern auch für extremistische Schmierereien. Für Hans Rzesnitzek und Gabi Schagemann, stellvertretende Sprecherin der Zukunftswerkstatt, ist diese Situation für ankommende Reisende „optisch und geruchsmäßig keine schöne Begrüßung und für Gaildorf keine gute Visitenkarte.“

Hans Rzesnitzek hat nun Luftbilder studiert und vermessen und nach Auswertung der Daten ein „Umstellungsziel“ formuliert: Alle Züge sollten „im Normalfall“ an Gleis 1 halten. Dazu seien Umbauarbeiten wie etwa die Verlängerung von Gleis 1 nötig. Jeder Fahrgast könne dann unmittelbar am Bahnsteig bequem ein- und aussteigen. Dabei sei nicht nur die Barrierefreiheit erreicht, auch biete das Bahnhofsvordach Wartenden ausreichend Schutz vor Regen und Schneefall.

Ausführlich in Wort und Bild dokumentiert, hat die Zukunftswerkstatt bereits im vergangenen Jahr erste Ergebnisse ihrer Arbeit auf die politische Schiene gehievt: Bundes- und Landtagsabgeordnete erhielten ebenso Post wie das Verkehrsministerium, die Deutsche Bahn AG und deren Regional-Tochter sowie die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg.

Problem: Eingleisigkeit

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sven Hantel, Bahn-Konzernbevollmächtigter für das Land, hatte gegenüber der damals noch amtierenden SPD-Bundestagsabgeordneten Annette Sawade, die sich deswegen an ihn gewandt hatte, die Situation skizziert: Danach werde Gleis 1 als Überholgleis für den Güterverkehr benötigt und sei auf der eingleisigen Strecke unverzichtbar. Die „Bahnsteignutzlänge“ von Gleis 1 betrage 88 Meter, die Züge im (damals aktuellen) Fahrplan dagegen seien mehr als 150 Meter lang. Aus Gleis 2 könne darüber hinaus mit Tempo 120 ein- und ausgefahren werden, aus Gleis 1 nur mit Tempo 60. Dies führe zu einer Verlängerung der Fahrzeit, was mit Blick auf die eingleisige Strecke zwischen Backnang und Hessental „negative Auswirkungen auf das gesamte Betriebsprogramm auf der Murrbahn“ haben werde. Hantel bat um Verständnis dafür, dass die Bahn aus den genannten Gründen „keinen der beiden Vorschläge aus der Zukunftswerkstatt umsetzen“ könne.

Unterdessen hat Hans Rzesnitzek seine Untersuchungen verfeinert. Gleis 1 könne durchaus länger angelegt werden als das derzeit überwiegend genutzte Gleis 2. Der Ausbau auf eine künftig nutzbare Länge von 180 Metern sei möglich. Die tatsächliche Zeitverzögerung nach entsprechenden Umbauten lägen dann nur noch im Sekundenbereich, sagt Rzesnitzek.

Güter- und Fernreisezüge könnten dann weiterhin Gleis 2 durchfahren, auf Gleis 1 und 3 „könnten in diesem Fall alle Züge ausweichend warten.“ Und dann habe der Bahnhof „drei gleichwertige Gleise.“ Wobei, so Rzesnitzek, Gleis 1 „immer, wenn möglich, als Hauptgleis genutzt werden sollte.“

Mehrere Ziele im Visier

Die Barrierefreiheit „zum Wohle der Reisenden“ sei dann erfüllt „und für alle eine Riesenerleichterung.“ Davon ist die Zukunftswerkstatt überzeugt. Sie bittet in einem neuerlichen Schreiben an die Entscheidungsträger – das auch von Margarete John, Vorsitzende der SPD-Fraktion im Gemeinderat, unterzeichnet ist – um Unterstützung ihres Vorstoßes.

Damit ließen sich nämlich gleich mehrere Ziele erreichen: „Der Bahnhof wird für die Kunden der Bahn barrierefrei, sauberer, besser zugänglich, sicherer sowie schneller erreichbar.“

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