Seit April 2015 beschränkt keine Milchquote mehr die Milcherzeugung. Martin Boschet, Geschäftsführer der Hohenloher Molkerei, hatte das seinerzeit begrüßt. Er sei froh, das jetzt niemand mehr am Milchmarkt herumreguliert, sagte er damals. Er übersah aber nicht, dass der weltweit offene Markt auch Risiken birgt. Anfang Dezember äußerte sich Boschet noch verhalten optimistisch.

Jetzt, sechs Wochen später, gibt er zu, dass ihn die Sorge um den niedrigen Milchpreis Tag und Nacht umtreibt. Es sei eine dramatische Entwicklung, dass sich die Milchmenge in Deutschland seit Dezember weiter erhöht hat.

Für Ludwig Huber, Milchmarktexperte aus Bayern, sind drei Faktoren für den schlechten Milchpreis verantwortlich: Zum einen die weltweite Überproduktion, an der auch die EU beteiligt ist. Dann der eingebrochene Export von Milchprodukten nach China und der fehlende russische Markt wegen der Ukraine-Krise.

Um zu erklären, dass es fast unmöglich ist, den Milchmarkt irgendwie zu beeinflussen, zählte er die wichtigsten Faktoren auf, die derzeit auf ihn wirken: Die Preisentwicklung für Rohöl und Erdgas beeinträchtige den Milchmarkt genauso wie etwa die wirtschaftliche Lage der EU angesichts von Flüchtlingsströmen und Terrorangst, meinte Huber. Wechselkurse hätten nicht nur ungewollt Einfluss auf den Milchpreis, sondern würden auch als Mittel eingesetzt, um den Handel anzukurbeln. "Ein starker Dollar macht den EU-Käse billiger für den Verkauf in die USA", gab er als Beispiel. Wenn Zölle wegfallen, sinke der Preis.

Deshalb sei es wichtig, die Einzelheiten von bilateralen Handelsabkommen wie TTIP und deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft genau zu beleuchten. Auch Qualitäts- und Produktionsvorgaben greifen in den Markt ein. "In Frankreich und Neuseeland ist das ganz anders als bei uns", stellte Huber klar.

Für die bayerische Milchwirtschaft und ähnlich für die baden-württembergische sieht Huber Chancen und Risiken. Auf der Plus-Seite verzeichnet er gute Produktionsbedingungen, hohe Qualität der Milchprodukte, viele Molkereien (in Neuseeland gebe es praktisch nur eine einzige Molkerei) und die weltweite Nachfrage. Risiken seien die knappen Flächen, die hohen Erzeugerkosten, die hohen Energiekosten bei der Milchverarbeitung und die fehlenden Weiden, wenn der Hof in Dorflage ist. "Umstellen auf Bio geht dann nicht, weil da Auslauf erforderlich ist", erklärt er. Fazit des Ganzen: Es gibt keine Generallösung. Die Milchmenge muss runter, aber wie das gehen soll, weiß keiner. "Schon die Ankündigung einer Quote würde die Menge enorm steigern", so Huber.

Während der Diskussion zeigt sich die schlechte Stimmung der Landwirte: "Wir wollten eine verlässliche Prognose, jetzt sind wir ziemlich ernüchtert", meint einer. Der Haller Bauernverband muss sich Kritik gefallen lassen. Ein Landwirt wirft ihm vor, dass er den freien Markt propagiert habe, aber sich jetzt nicht vorn hinstellt, sondern einen Experten aus Bayern sprechen lässt. Er schlägt vor, die Bauernverbandsgehälter an das Einkommen der Bauern zu koppeln und erhält dafür kurzen Applaus. Geschäftsführer Helmut Bleher erwidert ihm, der Bauernverband sei nicht die Institution, die die Weltwirtschaft steuere. "Es gibt hier niemanden, der euch sagt, ihr sollt investieren", sagte Bleher. Er finde es gut, dass der Bauernverband jetzt mal zugibt, dass zu viel Milch erzeugt wird, wirft einer ein. Ein anderer Landwirt merkt an: "Ihr erzählt hier, was nicht geht, aber nicht, was geht." Die Antwort liegt nach dem Vortrag Hubers auf der Hand: "Erwartet nicht, dass ein politisches Instrument kommt, das den Milchmarkt reguliert."

Milchproduktion 2015

Menge (in Millionen Tonnen)

EU: 147; USA: 94,71; Indien: 63,5; China: 37,5; Brasilien: 34,25; Russland: 29,5; Neuseeland: 21,68; Mexiko: 11,68; Ukraine: 11,6; Argentinien: 10,7; Australien: 9,8; Kanada: 8,54; Japan: 7,35.

SWP