Das sind alles nur Menschen, und die machen eben auch mal Fehler. Man muss nicht immer gleich das Führungspersonal austauschen. Das gilt übrigens auch für mich!“ Gelächter bei den rund 50 Gästen im Wurmbrandsaal. Es ist der einzige Moment an diesem Freitagabend, in dem die SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier Werbung in eigener Sache macht. Seit eben jenem Freitag bekommen die baden-württembergischen Genossen Post: Sie sollen wählen, ob Leni Breymaier Landesvorsitzende ihrer Partei bleibt oder von ihrem Herausforderer Lars Castellucci abgelöst wird.

Zumindest beim SPD-Ortsverein Gaildorf-Limpurger Land dürfte die Amtsinhaberin am Freitagabend ein paar Sympathiepunkte gesammelt haben. In einer weitgehend frei vorgetragenen knapp halbstündigen Rede versucht sie – wie viele andere Sozialdemokraten in diesen Tagen –, Lösungen für die aktuellen Probleme der Partei zu umreißen. Das haben auch die Gaildorfer Mitglieder versucht und bereits vor ein paar Wochen ihre Vision einer zukunftsgerichteten, erfolgreichen SPD zu Papier gebracht. Ein Exemplar ging an Leni Breymaier. „Ich bin mit vielem einverstanden, aber nicht mit allem“, kommentiert die Landesvorsitzende das Papier. Im Detail wolle sie beim anschließenden Stehempfang darauf eingehen.

Schnell kommt sie auf die Bundespolitik zu sprechen, die ja immer wieder im Zentrum der Auseinandersetzung steht. Sie habe nach den geplatzten Jamaika-Verhandlungen für die Neuauflage der Großen Koalition gestimmt. An diesem Standpunkt, das wird in ihrer Rede deutlich, hat sich bis heute nichts geändert. Die Bundestagsabgeordnete zählt auf, welche SPD-getriebenen Erfolge das Regierungsbündnis vorzuweisen habe: die paritätische Finanzierung der Krankenkassenbeiträge ab dem neuen Jahr zum Beispiel oder auch die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent. „Ich will nicht um jeden Preis an der Regierungsbeteiligung festhalten, aber schon das ein oder andere bewegen.“ Kein gutes Haar lässt sie hingegen am Bundesinnenminister: „Ich fand Herrn Seehofer vor der Sommerpause unerträglich und nach der Sommerpause ätzend.“

Emotionalität lässt aufhorchen

Es ist diese direkte Sprache, die Leni Breymaier einen gewissen Bekanntheitsgrad eingebracht hat. Die 58-Jährige ist bei öffentlichen Auftritten oft emotional. Das lässt aufhorchen. „Andrea Nahles hat darunter zu leiden, dass das Vertrauen in die Parteiführung von den Vorgängern bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht worden ist“: Von einer Landesvorsitzenden hört man solche Worte nicht alle Tage.

Vom autonomen Fahren kommt sie zu automatisierten Finanzdienstleistungen und schließlich zum Online-Handel. Tenor: Das macht alles Arbeitsplätze kaputt. Auch in Gaildorf, wenn alle nur noch im Internet einkaufen und die Läden deshalb irgendwann schließen müssen. „Sie nicken“, ruft sie in den Saal, „aber für die Jungen hört sich das an, als erzählt die Oma vom Krieg.“ Nein, ein Modernisierungsverweigerer wolle man natürlich auch nicht sein. Es gehe vielmehr darum, dass die SPD in einer zunehmend digitalisierten Welt ihre Rolle findet. „Wir müssen schauen, dass von all diesen Entwicklungen nicht nur ein, zwei Leute profitieren, sondern dass das in die Breite geht“, fordert Leni Breymaier. „Soziale Gesellschaft und Ökologie? Der Markt wird’s nicht richten! Da brauchen wir einen starken Staat!“

Zum Ende ihrer Rede bemüht die Landesvorsitzende eine aktuelle Umfrage, die den Gaildorfer Genossen Mut machen soll: „Wen würden Sie auf keinen Fall wählen?“, stand zur Abstimmung. Die wenigsten haben da ihr Kreuz bei der SPD gemacht. Man ist bescheiden geworden bei den Sozi­al­­demokraten.