Unsere Frauen dürfen nun plötzlich am überreichen Segen teilnehmen, ohne sich sonderlich bemüht zu haben!“ Das meldete „Der Kocherbote“ am 24. Dezember 1918. Gemeint war eine Neuerung nach Ende des Ersten Weltkriegs, um die die Männer „jahrzehntelang“ haben „ringen müssen“: das allgemeine Wahlrecht.

Am 12. November 1918, nur drei Tage nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. und einen Tag nach dem Waffenstillstand, hatte der Rat der Volksbeauftragten in Berlin „mit Gesetzeskraft“ verkündet: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Männer reagieren skeptisch

Bei der Wahl der Abgeordneten zur verfassungsgebenden württembergischen Landesversammlung am 12. Januar 1919, also heute vor 100 Jahren, und zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar durften Frauen erstmals selbst wählen und auch gewählt werden.

Viele Männer sahen dieses Recht mit großer Skepsis, standen doch in Deutschland 18 Millionen wahlberechtigte Männer 21 Millionen wahlberechtigten Frauen gegenüber. Und dieses ungeheure Wähler(innen)potenzial machte Frauen zum umworbenen Objekt sämtlicher Parteien. Allerdings haben sich im Gaildorfer Stadtarchiv keine Wählerlisten erhalten, um einmal nachzu­prüfen, wie damals in der Stadt der Frauen- und Männeranteil aussah.

Nach Jahrhunderten politischer Unmündigkeit mussten die Frauen erst lernen, mit ihren Rechten umzugehen. Vor allem mussten sie um die Bedeutung ihrer politischen Einflussnahme wissen. Aus diesem Grund betonte das Ministerium für Kirchen- und Schulwesen in Stuttgart die „außerordentliche Wichtigkeit der staatsbürgerlichen Aufklärung aller wahlberechtigten Frauen und Mädchen auf dem Lande“ und wies Oberämter, Dekanate und Bezirksschulämter im Land an, das ihre dazu beizutragen.

Versammlungen in der Stadt

Kurz vor Weihnachten 1918 konnte man deshalb aus dem „Kocherboten“ entnehmen, dass Oberamt, Dekanat und Bezirksschulamt Gaildorf „im vaterländischen Interesse (…) die Herren Ortsvorsteher, Ortsgeistlichen und Lehrer“ anhielten, sich den Frauen und ihrer Aufklärung „nach Kräften“ anzunehmen.

Nach Kräften bemühten sich auch die Parteien, und zwar um Wählerstimmen. Gleich nach Jahreswechsel zogen Vertreter aller Parteien auch durch das Limpurger Land, um in Wahlveranstaltungen die potenziellen Wählerinnen und Wähler von sich zu überzeugen. Unter den Rednern war allerdings nur eine Frau, eine Parteigenossin des „Propaganda­ausschusses der Arbeiter- und Bauernräte Württembergs“, Helene Hoernle aus Stuttgart, Ehefrau des späteren KPD-Gründungsmitglieds Edwin Hoernle. Von ihr meinte der „Kocherbote“ nach der Veranstaltung am 4. Januar 1919, dass sie „dort den ziemlich energischen Vorsitz führe.“ Weitere Wahlversammlungen veranstalteten auch die Württembergische Bürgerpartei, die Deutsche Demokratische Partei und die SPD.

Neun Parteien im Rennen

Am 12. Januar 1919 war es soweit: Auch Gaildorfs Frauen durften an die Wahlurnen; die Wahl zur verfassungsgebenden Landesversammlung stand an. Insgesamt stellten sich neun Parteien zur Wahl: Sozialdemokratische Partei (SPD), Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), Deutsche Demokratische Partei (DDP), Württembergische Zentrumspartei, Württembergische Bürgerpartei, Württembergischer Bauernbund, Württembergischer Weingärtner- und Kleinbauernbund, Vereinigung der Landwirte Oberschwabens und Deutsche Friedenspartei.

Am Montag, 13. Januar 1919, gab es die Ergebnisse im „Kocherboten“: In Württemberg waren 1 446 580 Menschen wahlberechtigt; ihre Stimme abgegeben hatten 1 316 068 Menschen, gültig waren 1 313 326 Stimmen. Klarer Wahlsieger war die SPD mit 34,4 Prozent, gefolgt von DDP mit 25 Prozent und Zentrum mit 20,7 Prozent. Auf die USPD entfielen 3,1 Prozent. Auf den 150 Sitzen des Landtags nahmen auch 13 Frauen Platz, vier für die SPD, fünf für die DDP, drei für das Zentrum und eine für die USPD.

Die Hirschwirtin scheitert

Übrigens: Die erste Frau, die in den Gaildorfer Stadtrat gewählt wurde, war im Jahr 1968 Dr. med. Margareta Aberg. Doch schon 49 Jahre zuvor hatte Maria Schuh bei der Gemeinderatswahl in Gaildorf kandidiert – trotz Dreifachbelastung als Hirschwirtin, Mutter von acht Kindern und Hausfrau. Bei der Wahl am 18. Mai 1919 konnte die SPD-Frau 78 Stimmen auf sich vereinen, was für einen Einzug in den Gemeinderat nicht reichte. Wahlsieger Karl Bühler von der Deutschen Demokratischen Partei erhielt 445 Stimmen.

Info Derzeit zählt das 22-köpfige Gaildorfer Stadtparlament fünf Frauen.

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Die Ergebnisse der Wahl zur verfassungsgebenden Landesversammlung 1919


Gaildorf
1043 Wahlberechtigte
942 gültige Stimmen
USPD 9
Zentrum 27
Bauernbund 42
Weing./Kleinbauern 0
Landwirte Oberschw. 1
DDP 482
SPD 259
Friedenspartei 3
Bürgerpartei 119

Eutendorf
449 Wahlberechtigte
389 gültige Stimmen
USPD 5
Zentrum 22
Bauernbund 86
Weing./Kleinbauern 2
Landwirte Oberschw. 3
DDP 81
SPD 170
Friedenspartei 0
Bürgerpartei 20

Ottendorf
451 Wahlberechtigte
387 gültige Stimmen
USPD 7
Zentrum 5
Bauernbund 107
Weing./Kleinbauern 1
Landwirte Oberschw. 2
DDP 116
SPD 141
Friedenspartei 2
Bürgerpartei 6

Unterrot
688 Wahlberechtigte
607 gültige Stimmen
USPD 5
Zentrum 1
Bauernbund 216
Weing./Kleinbauern 1
Landwirte Oberschw. 1
DDP 163
SPD 215
Friedenspartei 0
Bürgerpartei 5