Oberrot „Aktion Kulturland“ übernimmt Völkleswaldhof

Auf dem Oberroter Völkleswaldhof haben die Kühe Hörner und grasen in einer reizvollen Landschaft. Doch das Idyll trügt. Nächsten Dienstag sind Eigentümerwechsel und Kündigung des Pachtvertrages Thema vor Gericht.
Auf dem Oberroter Völkleswaldhof haben die Kühe Hörner und grasen in einer reizvollen Landschaft. Doch das Idyll trügt. Nächsten Dienstag sind Eigentümerwechsel und Kündigung des Pachtvertrages Thema vor Gericht. © Foto: Archiv/privat
Oberrot / Peter Lindau 10.11.2018
Haller Mahle-Erbin trennt sich vom Familienbesitz in Form einer Zustiftung. Die bisherigen Pächter wehren sich gegen ihre Kündigung vor Gericht.

Weit über die Region hinaus ist der Oberroter Völkleswaldhof als einzigartig bekannt. Hier produzieren Pius und Anja Frey Vorzugsmilch. Diese ist unverfälscht und wird nach dem Melken lediglich filtriert und gekühlt. Darüber hinaus dürfen auf dem Völkleswaldhof Kälber länger bei ihren Müttern bleiben als anderswo, auch wenn dann nicht so viel Milch verkauft werden kann.

Der Völkleswaldhof gilt in vielerlei Hinsicht als Pionierbetrieb. Die Pächter arbeiten nach Demeter-Richtlinien. Deshalb dürfen die Kühe auch ihre Hörner behalten. Pestizide und mineralischer Dünger sind verboten. Deutschlandweit wurde der Hof zuletzt durch die SWR-Fernsehserie „Lecker aufs Land“ mit den sympathischen Landfrauen und ihrem Oldie-Bus bekannt. Zudem ist der Völkleswaldhof Ausbildungsbetrieb und privater sowie wirtschaftlicher Lebensmittelpunkt einer Familie.

Großes Fest im Sommer

In diesem Jahr wurde unter dem Titel „95 Jahre Völkleswaldhof – 60 Jahre Biologisch-Dynamische Landwirtschaft“ ein Jubiläum gefeiert. Viele Hundert Menschen kamen und feierten mit. Landwirtschaftsminister Peter Hauk attestierte dem Vorzugsmilchbetrieb, eine „Besonderheit unserer Milchwirtschaft in Baden-Württemberg“ zu sein. Nicht umsonst sei der Hof durch eine unabhängige Jury als einer der Preisträger des Landeswettbewerbs Milch „Vielfalt – Genuss – Verantwortung“ ausgezeichnet worden.

Schon Ende der 1930er-Jahre ist der Völkleswaldhof einem Stuttgarter Industriellen aufgefallen. Hermann Mahle kaufte dem Fürsten Adolf zu Bentheim den Hof ab. Mahle war dafür bekannt, zahlreiche Projekte auf dem Gebiet der anthroposophischen Medizin, der Waldorfpädagogik, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sowie Wissenschaft und Forschung zu unterstützen.

Seit dem Sommer gehört das Idyll im Rottal nun der Hamburger Stiftung „Aktion Kulturland“. Die bisherige Eigentümerin und Mahle-Erbin Dr. Ursula Knapstein hat sich zu diesem Schritt entschlossen. „Ich habe nach 80 Jahren Familienbesitz und großem Engagement und Herzblut für diesen besonderen Hof, nun schon in der dritten Generation, beschlossen, dass der Völkleswaldhof an eine gemeinnützige Stiftung geschenkt werden soll. Seit Juli 2018 gehören der Hof und die dazugehörigen 15 Hektar der Allgemeinheit und sind damit gewissermaßen frei geworden“, erläutert die Medizinerin aus Schwäbisch Hall ihren Schritt. Die Stiftung „Aktion Kulturland“ bestehe seit 30 Jahren und habe „bereits vielfältige Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt“. „Sie kommt meinen Vorstellungen vom Erhalt der wertvollen Flächen für den ökologischen Landbau und Naturschutz genau entgegen“, so Knapstein.

Für die „Aktion Kulturland“ bestätigt Paula Stille den Eigentumsübertrag in Form einer Zustiftung: „Wir sind Rechtsnachfolger.“ Sie erklärt auch, dass Anja und Pius Frey als Pächtern gekündigt wurde. Warum man sich von den beiden trennen möchte, will sie aber nicht erläutern. Das gehe ins Detail. Man wolle sich dazu nicht öffentlich äußern. Doch genau das wird jetzt  passieren. Die Pächter wehren sich gegen die Kündigung vor Gericht. Der Termin für die Verhandlung ist bereits nächsten Dienstag, 13. November, um 16 Uhr im Amtsgericht in Hall unter Vorsitz von Richter René Stadtmüller.

Vom Fürst über Industriemagnat zur Stiftung

Beginn Anfang der 1920er-Jahre entstand der Völkleswaldhof in Oberrot aus drei kleinen Höfen heraus. Diese waren im Besitz des Fürsten Adolf zu Bentheim.

Verkauf Die Fürstenfamilie verkauft den Gutshof an den Industriellen Hermann Mahle, der dann später die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf dem Gutshof ermöglicht und fördert.

Bewirtschaftung Das Verwalterehepaar Eckhardt und Ruth Thumm bewirtschaftet den Hof bis 1987 und stellt auf Demeter-Richtlinien um.

Verpachtung Im Mai 1987 wird der Hof von den Kindern Hermann Mahles an die Betriebsgemeinschaft Völkleswaldhof Frey, Hägele und König verpachtet.

Heute Anja und Pius Frey führen den Hof als Betriebsgemeinschaft nach Demeter-Richtlinien. Ihre Schwerpunkte sind die Produktion von Rohmilch und die muttergebundene Kälberaufzucht.

Eigentümer Die Haller Mahle-Erbin Dr. Ursula Knapstein überträgt den Hof und rund 15 Hektar Fläche nach 80 Jahren im Familienbesitz im Juli 2018 an die Hamburger Stiftung „Aktion Kulturland“ als Zustiftung.

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