Oberrot 70 Jahre nach dem Todesmarsch - Maria Fassbender lädt ins Äskulapzentrum ein

Der Gaildorfer Stadtrat und Kreisrat Günter Kubin, Gaildorfs Bürgermeister Frank Zimmermann, sein Oberroter Kollege Daniel Bullinger und der Mainhardter Rathauschef und Kreisrat Damian Komor in der ersten Reihe, rechts Gastgeberin Maria Fassbender.
Der Gaildorfer Stadtrat und Kreisrat Günter Kubin, Gaildorfs Bürgermeister Frank Zimmermann, sein Oberroter Kollege Daniel Bullinger und der Mainhardter Rathauschef und Kreisrat Damian Komor in der ersten Reihe, rechts Gastgeberin Maria Fassbender. © Foto: Andreas Balko
Oberrot / CORNELIA KAUFHOLD 13.04.2015
Konzentriert lauschen die beiden jungen Bürgermeister, schauen auf die Zeichnungen von Mieczyslaw Wisniewski. Als 19-Jähriger hat der Kunstmaler aus Warschau den Todesmarsch überlebt.

Schwermütig klingt die Klezmermusik. Das Trio "musica est-ovest" mit der Akkordeonspielerin Sabine Betz, der Geigerin Karin Malinckrodt und Peter Funk mit dem Kontrabass geben der Gedenkveranstaltung einen würdigen Rahmen. Maria Fassbender hat ausgewählte Gäste in ihr Äskulapzentrum nach Oberrot eingeladen. In dem Gebäude des ehemaligen Freien Adelssitzes ist sie aufgewachsen, erinnert sich an ihr fünftes Lebensjahr, als in den ersten Apriltagen 1945 in der Nacht eine Kolonne halb verhungerter Häftlinge in Holzpantinen durchs Dorf schlurfte. Kurz vor Kriegsende ergriffen die Nazis die Flucht vor den Amerikanern und trieben die erschöpften KZ-Häftlinge auf qualvolle Fußmärsche zu anderen Lagern ins Landesinnere, unter anderem vom Konzentrationslager (KZ) Kochendorf über die Löwensteiner Berge, nach Mainhardt, durchs Rottal, über Fichtenberg und Bröckingen bis zur Bahnstation Goldshöfe und von dort aus in offenen Loren mit der Bahn ins KZ Dachau.

70 Jahre später lädt Maria Fassbender zum Erinnern ein. Klaus Pavel, Landrat des Ostalbkreises, nimmt den Gedanken auf, spricht von der Pflicht der Deutschen, humanitäre Hilfe zu leisten, appelliert an die rund 40, 50 Gäste, wachsam und kritisch zu sein. Unter ihnen sind Kreisräte und Gemeinderäte, Freunde und Wegbegleiter von Maria Fassbender und Wilhelm Baudermann. Als elfjähriger Bub wurde er Zeuge des Todesmarsches, als der Häftlings-Tross in Mainhardt-Hütten Station machte. Maria Fassbender liest seine Erinnerungen vor. Schweigen im Saal.

„Pegida darf nicht Anfang einer neuen Entwicklung sein“

Der Erste Landesbeamte Michael Knaus vertritt Pavels Haller Kollegen, Landrat Gerhard Bauer. Knaus bringt seine Verbundenheit mit den Opfern - sie dürften inzwischen fast alle verstorben sein - zum Ausdruck. Dann der Bogen ins Jahr 2015: Es sei unverzichtbar, der Verletzung von Recht und Menschlichkeit entgegenzutreten. "Pegida darf nicht der Anfang einer solchen Entwicklung sein." Er teilt die Meinung des ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der am Freitagabend in Brettheim eine Gedenkansprache für drei Deserteure hielt, die in den letzten Kriegstagen dort erschossen wurden (siehe Seite 10). Auch in der Kronmühle bei Fichtenberg wurde am 3. April geschossen - auf einen Zwangsarbeiter. Er wurde beim Bach begraben. Sagt Hubert Roßmann. Der frühere Rektor der Grund- und Hauptschule Untergröningen zeigt Zeichnungen von Mieczyslaw Wisniewski, die in den KZ-Gedenkstätten Mannheim-Sandhofen und Kochendorf zu sehen sind. Einige hat der ehemalige Zwangsarbeiter auch für die Untergröninger Schule gezeichnet.

Roßmann hat ihn in Warschau getroffen. 1995 besuchte er Untergröningen, wo am 3. April 1945 15 Häftlinge nach dem Verzehr roher Kartoffeln starben und in einem Massengrab auf dem Friedhof begraben wurden. Roßmann zeichnet den Weg nach, den Mieczyslaw Wisniewski überlebte. Er wog nur noch 37 Kilo. Nazideutschland hat es geschafft, innerhalb eines halben Jahres aus dem gesunden 19-Jährigen ein Wrack zu machen. Mieczyslaw Wisniewski wurde der erste Comic-zeichner Polens. Er ist inzwischen gestorben.

Info Detaillierte Informationen online unter www.kz-kochendorf.de

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