Donnerstagmorgen, kurz nach der "Geisterstunde": Wie ein riesiger stählerner Wurm nähert sich auf der Bundesstraße 19 ein gewichtiger Transport der Stadt Gaildorf. Experten des auf Schwertransporte spezialisierten Dortmunder Logistik-Unternehmens Voss, denen der Raum Gaildorf längst zur zweiten Heimat geworden sein dürfte, sind im Begriff, eine weitere Herausforderung zu meistern.

Die stellt sich gleich in Untergröningen: Es muss "umgesattelt" und rangiert werden, um die Kurve zu kriegen. Ein an sich problemloses Unterfangen, wenn da nicht ein in einer Seitenstraße geparktes Auto für eine einstündige Zwangspause sorgen würde. Die Polizei macht den Verkehrsteilnehmer ausfindig, die Reise geht weiter.

Jeweils mehrere hundert PS starke Brummis ziehen und schieben den Koloss die kurze Steigung bei Münster hoch. Auf Höhe des Mahle-Areals stoppt der gespenstische Konvoi, von der Besatzung eines Streifenwagens der Polizei bereits angekündigt. Die vorübergehende Vollsperrung der Straße ist um diese nachtschlafende Zeit eine überschaubare Aktion.

407 Tonnen schwer

Die Ladung, vom Raum Ulm aus auf den Weg gebracht, muss zum Heilbronner Hafen transportiert werden. Dort wird das Schiffsaggregat zu Wasser auf die weitere Reise geschickt. Die Länge des Zuges ist mit 63 Metern rekordverdächtig, ebenso sein Gewicht: Nach den der Polizei vorliegenden Informationen bringt der Schwertransport 407 Tonnen und 700 Kilogramm auf die Waage. Dagegen nehmen sich die 4,80 Meter Breite und die 5,40 Meter Höhe, die auf den Begleitpapieren vermerkt sind, vergleichsweise unspektakulär aus.

Der kurze Halt in Gaildorf ist nötig, um zu rangieren. Denn der Radius der Linkskurve an der Einmündung der Schillerstraße in die Karlstraße ist, obwohl großzügig dimensioniert, für den extrem langen

zu eng. Schnell wird das Zugfahrzeug abgekoppelt und der auf fast 200 Rädern ruhende Aufleger rückwärts in die inzwischen ebenfalls gesperrte Karlstraße geschoben - bedrohlich nahe in Richtung Brauerei Häberlen, dann plötzlich abknickend in Richtung Innenstadt. Die Mitarbeiter des Begleitteams, per Funk miteinander verbunden, demonstrieren routinierte Gelassenheit. Fast lautlos geht das Manöver vonstatten, von wenigen Zufalls-Schaulustigen verfolgt.

Erinnerungen werden wach an den Februar des Jahres 2010, als ein Voss-Trupp ein wahres Monstrum auf spektakuläre Weise durch die Region bugsierte. Der damalige Zug - geladen war ein Autoklav zur Herstellung von Flugzeugrumpfteilen - ist mit dem, der vom späten Mittwochabend bis zum frühen Donnerstagmorgen durch das Limpurger Land zog, nicht zu vergleichen: Mit 36 Metern Länge und 260 Tonnen Gewicht war das Ganze zwar deutlich kleiner, mit acht Metern Breite und neun Metern Höhe jedoch ungleich "fülliger" als der neuerliche Zug.

Der setzt sich nun - gegen halb eins ist die Zugmaschine wieder angekoppelt und die Bundesstraße 298 Richtung Unterrot autofrei - samt Nachhut in Bewegung. Nächste Station ist Fichtenberg, wo sich der Schwertransport über die Schanz plagen muss. Weiter geht es bis Sulzbach an der Murr. Dort steht ein weiteres Rangiermanöver an, um in den Mainhardter Wald zu gelangen. Nach Ammertsweiler ist für die routinierten Haller Polizisten Endstation, sie übergeben die Begleitung an Heilbronner Kollegen.

Info In der Vergangenheit soll dem polizeilichen Vernehmen nach erst ein Schwertransport dieser ungewöhnlichen Dimension das Limpurger Land durchfahren haben. Bis das nächste Monstrum kommt, wird erheblich weniger Zeit verstreichen: Insgesamt fünf solcher Züge sind für dieses Jahr geplant.