Interesse im Limpurger Land am Südweststaat war überschaubar 60 Jahre Baden-Württemberg:

Limpurger Land / KLAUS MICHAEL OSSWALD 25.04.2012
Als heute vor 60 Jahren das neue Bundesland "Baden-Württemberg" aus der Taufe gehoben wurde, hat das offensichtlich die wenigsten Menschen im Limpurger Land interessiert. Man hatte andere Sorgen.

Die erbitterten Redeschlachten, die sich vor mehr als 60 Jahren Befürworter und Gegner eines Südweststaates - der durch Fusion der nach dem Krieg gebildeten Gebiete Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden entstehen sollte - ließ die Menschen in hiesigen Breiten offensichtlich kalt. Wohl sagte auch die Bevölkerung im Nordosten Württemberg-Badens, wozu auch das Limpurger Land zählte, "Ja" zum neuen Bundesland, allerdings bei miserabler Wahlbeteiligung.

Der Reihe nach: "Man kann daraus schließen, dass die staatsgestaltende Frage nicht im Brennpunkt des Interesses steht." So kommentierte "Der Kocherbote" das Ergebnis der (noch unverbindlichen) "Volksbefragung über die Neugliederung des Südwestens" am 24. Dezember 1950, mit der das Interesse der Bürger im Südwesten Deutschlands ausgelotet werden sollte. In allen Kreisen Württembergs war für die Bildung eines Südweststaats gestimmt worden.

Die Beteiligung der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger war in den Kreisen Öhringen mit 29,3 Prozent und Backnang mit 30,4 Prozent am schlechtesten. Auf das Abstimmungsverhalten in den Gemeinden bezogen, schoss jedoch das damals noch selbstständige Unterrot den Vogel ab: Nur 12,8 Prozent der Bürger waren an die Urnen gegangen. Bei den übrigen Landgemeinden waren es im Schnitt 22 Prozent. Nur die Gaildorfer waren mit 41 Prozent deutlich engagierter.

Im Nachhinein dieses Phänomen zu analysieren, wäre müßig, denn die Menschen auf dem Land hatten fünfeinhalb Jahre nach Ende des Krieges andere Sorgen. Nach wie vor litten sie unter den Folgen von Zerstörung und Tod, war der Wiederaufbau in besonders betroffenen Kommunen wie Gaildorf und Kirchenkirnberg noch nicht abgeschlossen. Kurzum: Es fehlte vielerorts an dem, was man heute eine funktionierende Infrastruktur nennt. In manchen Orten gab es nicht einmal eine intakte Versorgung mit Trinkwasser.

Diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die Interesse an einem neuen, starken Staatsgebilde hatten, votierten bei der Volksbefragung allerdings eindeutig: Dafür sprachen sich im Kreis Backnang - wobei das Gaildorfer Ergebnis voll im Trend lag - 91 Prozent der Wählerinnen und Wähler aus. Die meisten Südweststaat-Gegner waren in Eutendorf mit knapp 40 Prozent sowie in Hausen an der Rot und in Unterrot mit jeweils 29 Prozent zu Hause.

An diesen Ergebnissen änderte sich später wenig. Die Haltung der Bürger - nach weiteren hitzigen Debatten - war eindeutig: Das Interesse war überschaubar. Im Rahmen der Volksabstimmung am 9. Dezember 1951 lag die Beteiligung im Kreis Backnang, zu dem damals die Gemeinden des Limpurger Land gehörten, mit 37 Prozent zwar höher als noch im Jahr 1950, jedoch war hier das mit Abstand schlechteste Interesse in ganz Nordwürttemberg zu verzeichnen: Während im Limpurger Land immerhin 93,1 Prozent derjenigen, die von ihrem Stimmrecht Gebrauch machten, "Ja" zu Südwest sagten, lag das Ergebnis im Kreis Backnang bei 91,0 Prozent.

In sämtlichen Nachbarkreisen offenbarte sich die Zustimmung noch deutlicher: Für eine Fusion der drei Kleinstaaten votierten im Kreis Schwäbisch Gmünd 92,9 Prozent, im Kreis Aalen 93,1 Prozent und im Kreis Schwäbisch Hall stattliche 94,8 Prozent der Wahlberechtigten.