Gaildorf und das Limpurger Land bekommen anno 1830 endlich eine „eigene“ Zeitung: den „Haller Merkur“, der später „Kocherbote“ heißen wird. In diesem ereignisreichen Jahr, das von Revolutionen in Europa und Übersee geprägt ist, sorgt auch die Tollwut für Angst und Schrecken in hiesigen Breiten. Für das Oberamt werden die ersten verlässlichen Flurkarten veröffentlicht, in Fichtenberg wird der Abriss der baufälligen Kirche besiegelt – und einem besonderen Baum schlägt unweit von Hägenau die erste Stunde …

Mit einer extra starken Säge

190 Jahre später ist die Weißtanne im Steinerswald der Fürst zu Bentheimschen Domänenkammer tot. Die trockenen und heißen Jahre 2018 und 2019 ließen das Prachtexemplar, das fast zwei Jahrhunderte allen Widrigkeiten trotzte, einfach absterben. „Wassermangel und Tannenborkenkäfer“, berichtet Privat-Forstamtmann Ulrich Stahl, „haben diesem mächtigen und bis dahin sehr vitalen Baum den Garaus gemacht“. Obwohl der Standort, ein Nordosthang, eigentlich günstig für die Weißtanne sei, wie Stahl bemerkt.

Am Dienstagmorgen warf nun Forstwirt Stephan Rehm schweren Herzens die Motorsäge an und fällte die stolze 44 Meter und 50 Zentimeter hohe Tanne, mit der Kamera dokumentiert von Lisa Marie Stahl. Kein leichtes Unterfangen, denn der alte Baum hatte auf Brusthöhe immerhin einen Durchmesser von etwa 130 Zentimetern. Zum Einsatz kam deshalb eine starke Husqvarna-Kettensäge mit 125er-Schwert.

Einer der stärksten Bäume

Noch bevor der Riese zielsicher gefällt war, wagte das Forstteam Prognosen hinsichtlich seines Alters. Wobei sich die Schätzungen zwischen 169 und 300 Jahren bewegten, wie Ulrich Stahl berichtet. Nach Zählung der Jahresringe stand schließlich fest: Das Leben dieses prächtigen Baumes, der zu den stärksten seiner Art im Schwäbischen Wald zählte, hat vor genau 190 Jahren begonnen.

Eine Erkenntnis, die auch bei dem erfahrenen Förster Ulrich Stahl Gänsehaut hervorrief: „Unglaublich, welche einschneidenden und prägenden historischen Veränderungen dieser Baum erlebt hat!“ Politische Extremsituationen wie Kriege. Oder Naturkatastrophen wie Orkane und Dürreperioden. Und nun liegt der stumme Zeitzeuge zweier bewegter und turbulenter Jahrhunderte am Boden.
Er hatte lange Zeit das Waldstück an diesem Mittelhang dominiert, umgeben von 50-jährigen Fichten, die – wie Ulrich Stahl keineswegs despektierlich bemerkt – im Vergleich dazu aussähen „wie Zahnstocher“.
In Vergessenheit gerät die gefällte Tanne mit ihren 17 Festmetern Holz nun aber nicht. Der Erdstamm, so Förster Ulrich Stahl, habe „Furnierqualität“. Und auch das sogenannte Kronenstück soll noch einen besonderen Zweck erfüllen: Man wolle nämlich daraus Bänke für das „Schlosswerk“ in direkter Nachbarschaft zum Alten Schloss zimmern, schildert Ulrich Stahl seine Idee. Und so darf die Tanne, Jahrgang 1830, an geschichtsträchtigem Ort weiterleben – zumindest in Teilen.