Absturz 14. Juli 1966: Zwei Tote bei Absturz eines Düsenjägers

Mittelrot / KLAUS MICHAEL OSSWALD 14.07.2016
Zwei Todesopfer forderte heute vor 50 Jahren ein Flugzeugabsturz bei Mittelrot. Fast wären es erheblich mehr geworden. Erinnerungen an ein tragisches Unglück.

Viele Menschen im Limpurger Land erinnern sich noch an den spektakulären Flugzeugabsturz, dem heute vor 50 Jahren zwei US-Offiziere zum Opfer gefallen sind. Ihre Maschine zerschellte in einem Waldstück bei Mittelrot. Die beiden Männer sind zwar schnell durch Kräfte der Militärpolizei und Ermittler der Army identifiziert worden. Die Air Force hielt sich jedoch mit Informationen an die deutsche Presse bedeckt. Anfragen wurden nicht beantwortet. Inzwischen sind die Namen der Toten ermittelt – der Männer, die vermutlich den Raum Gaildorf vor einer Katastrophe bewahrt und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben: Major Earl H. Coleman (36) hatte die Militärmaschine geflogen. Als Passagier mit an Bord war Lieutenant Colonel Robert L. McLaughlin (38).

Begonnen hatte der 14. Juli 1966 wie ein ganz normaler, vom Wetter her betrachtet durchwachsener  Sommertag. Doch er sollte auch schlagzeilenträchtig werden: Die französische Schauspielerin Brigitte Bardot trat mit dem deutschen Industriellen und Playboy Gunther Sachs in Las Vegas vor den Traualter, ihr Landsmann Lucien Aimar gewann die 53. Auflage der Tour de France, und in einem Schwesternwohnheim in Chicago ermordete ein Mann acht Schülerinnen.

Toter Pilot hängt im Geäst einer Tanne

Im Limpurger Land ging an diesem Donnerstag zunächst alles seinen gewohnten Gang. Bis das Unheil nahte: Die Menschen in den Tallagen von Kocher und Rot wurden kurz nach 9.30 Uhr aufgeschreckt durch ohrenbetäubenden Lärm. Wenig später machte eine furchtbare Nachricht die Runde: In Mittelrot sei ein Düsenjäger abgestürzt! – Augenzeugen berichteten, wie der Flieger dicht über den Wald auf dem Kirgel gedonnert sei und beinahe die Bäume „rasiert“ habe.  Nach einem Schwenk sei die Maschine mit stotterndem, aber immer lauter werdendem Triebwerk extrem tief über die Bahnhofstraße in Richtung Marktplatz „gezischt“. Sekunden später Panik-Stimmung in der Arwa-Siedlung in Unterrot: Das Flugzeug schien fast die höheren Gebäude zu streifen. Spielende Kinder gingen völlig verängstigt in Deckung.

Dann in der Ferne ein lauter Knall – und gespenstische Ruhe! Joachim Werner Siehe, damals Redakteur der RUNDSCHAU, wollte gerade die Post sortieren und die nächste Ausgabe der Zeitung   planen. Schnell griff er zum Telefonhörer, um die einschlägigen Informationsquellen anzuzapfen. Von der Polizei  – damals war die Gaildorfer Dienststelle noch ein vollwertiges Revier – erfuhr er kurz und knapp: „Flugzeugabsturz zwischen Mittelrot und Unterrot!“

Nachrichtensperre: Militär übernimmt Ermittlungen

Siehe schnappte Kamera und Notizblock, setzte sich ins Auto und fuhr los – mit Kurs auf die dünne Rauchsäule, die aus einem Waldstück im Mittelroter Gewann Eichelbach am Fuß des Turmbergs in den Himmel stieg. Einsatzkräfte der Feuerwehren aus Mittelrot, Fichtenberg und Unterrot waren bereits angerückt. Ihnen und dem Pressemann bot sich ein Bild des Grauens: Im Umkreis von einigen hundert Metern lagen Trümmerteile verstreut.  Im Wald, in den eine breite Schneise geschlagen war, glühte das explodierte und minutenschnell ausgebrannte Wrack. Immer wieder ging Munition hoch, zischte und knallte es aus der Glut.

Wie sich schnell herausstellte, waren beide Insassen – der Pilot und ein mitfliegender Offizier – auf der Stelle tot. Feuerwehrleute, darunter der damalige Fichtenberger Vize-Kommandant Hermann Weller, fanden deren sterbliche Überreste: Einer der Toten, vermutlich der Pilot, hing im Geäst einer Tanne, am Körper der nicht mehr vollständig geöffnete rot-weiße Fallschirm, daneben ein braunes Schlauchboot für Notfälle über Wasser. Am Fuß des Baumes lag der ein wenig verbeulte Schleudersitz. Die Leiche des zweiten Opfers wurde erst gegen 11 Uhr entdeckt. Sie lag ein gutes Stück oberhalb der Unglücksstelle – auf dem ausgeglühten Schleudersitz!

Um sich ein Bild vom Ausmaß des Unglücks zu machen, waren auch der Backnanger Landrat Wilhelm Schippert sowie die Bürgermeister Hermann Sperber (Fichtenberg), Werner Grau (Unterrot), Karl Kerker (Eutendorf) und Hans König nach Mittelrot gekommen. König, damals erst wenige Wochen im Amt, hatte die Sekunden vor dem Absturz vom Alten Rathaus aus mitbekommen. Das Flugzeug sei  dramatisch niedrig über den Marktplatz hinweg gedonnert. Seine Befürchtung, der Flieger könnte spätestens in der Arwa-Siedlung Unheil anrichten, sollte sich glücklicherweise nicht bestätigen.

Maschine war von Spangdahlem gestartet

Die Maschine, eine zweisitzige F-105 F Thunderchief des 49. Taktischen Jagdgeschwaders der US-Air Force, war von der Air Base im rheinland-pfälzischen Spangdahlem  zu ihrem verhängnisvollen Trainingsflug gestartet. Wie viele Flugzeuge daran beteiligt waren, ist nicht bekannt. Augenzeugen, darunter Feuerwehrkommandant Weller, berichteten von zwei Jets. Diese waren wenige Minuten vor dem Unglück bei Tiefflugmanövern beobachtet worden. Eine entsprechende Meldung wurde von der Army weder bestätigt, noch dementiert.

Sämtliche weiteren Ermittlungen wurden unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Polizeihauptmeister Karl Hudelmaier und seine Kollegen „durften“ zwar noch die nötigsten Sicherheitsvorkehrungen treffen, die vielen Schaulustigen weiträumig abdrängen und Zeugen vernehmen, dann aber nahmen Militärpolizisten und Offiziere der in Hessental stationierten US-Streitkräfte das Heft in die Hand. Polizisten, Feuerwehrleute und Journalisten mussten abrücken.

Unterdessen herrschte Hochbetrieb im Luftraum über dem Limpurger Land, wie sich RUNDSCHAU-Reporter Karl-Heinz Rückert, damals Gymnasiast in Gaildorf, erinnert: Militärhubschrauber kreisten pausenlos über der Absturzstelle. Düsenjäger donnerten in Formation über das Kocher- und Rottal hinweg. Dann herrschte völlige Funkstelle. Nach Räumung des Unglücksorts gab es keine weiteren Nachrichten mehr. Nur noch diese: Der Pilot wollte vor dem Ausstieg die Maschine auf unbesiedeltem Gebiet abstürzen lassen, um Menschenleben zu retten. Für die Rettung seines eigenen Lebens und das seines Passagiers war es jedoch zu spät.
 

RUNDSCHAU-Dokumentation zum Absturz der F-105 F Thunderchief mit der Kennung 63-8310

Ursache Der Absturz des Kampfflugzeugs F-105 F Thunderchief bei Mittelrot gibt auch nach 50 Jahren Rätsel auf. Die zweisitzige Version dieses Flugzeugtyps war eine Weiterentwicklung und sollte wie ihre Vorgängermodelle der „Republic Thunderchief“ im Luftkampf über Nord-Vietnam eingesetzt werden, konstruiert für Überschallflüge unter extremen Bedingungen. Über die Unfallursache des in Spangdahlem stationierten Jets gibt es nach wie vor keine zuverlässigen Informationen. Laut US-Army war es ein Triebwerksschaden.

Maschine Die einstrahlige Maschine mit der Kennung 63-8310 war in Deutschland als Trainingsflugzeug eingesetzt und sollte für den Einsatz in Vietnam getestet werden. Andere Quellen besagen, dass 63-8310 dort bereits an Luftkämpfen beteiligt und in Thailand stationiert war.

Recherchen Die RUNDSCHAU wird eine umfangreiche Dokumentation zu diesem Unglück veröffentlichen und dabei auch einige Augenzeugen zu Wort kommen lassen. Weitere Schilderungen von Beobachtungen sind der Redaktion willkommen. Kontakt: RUNDSCHAU-Redaktion, Grabenstraße 14, 74405 Gaildorf, Telefon 07971/9588-15, Fax 07971/9588-23, E-Mail rundschau.redaktion@swp.de.

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