Es sind fast 130 Menschen. Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge - alle sind sie vor den katastrophalen Zuständen in ihren Ländern geflohen und jetzt hier in Ehingen. Die meisten haben eine erste Zuflucht in den Gemeinschaftsunterkünften in Berkach und an der Berkacher Straße gefunden. Auf Dauer ist das aber keine Lösung, und die Unterkünfte sind chronisch überbelegt, konstatiert Heidi Porsche vom Freundeskreis für Migranten. Mit Dr. Ursula von Helldorff, Rainer Lingg und anderen Ehrenamtlichen kümmert sie sich um Asylbewerber, Flüchtlinge und Spätaussiedler in Ehingen.

Vier bis fünf Personen teilten sich ein Zimmer, erzählt Porsche, auf jedem Stock gebe es für Frauen und Männer nur eine Dusche und eine Toilette. "Es gibt keinen Gemeinschaftsraum, in den man sich zurückziehen könnte. Wenn einer der Asylsuchenden mit mir ein vertrauliches Gespräch sucht, müssen wir uns in mein Auto setzen, sonst haben wir keine Ruhe. Es gibt in den Gemeinschaftsunterkünften einfach keine Privatsphäre."

Die mangelnden Rückzugsmöglichkeiten schlügen auf die Psyche der Menschen, vor allem Frauen bekämen häufig depressive Störungen. Familien haben es noch schwerer. "Ich betreue gerade ein junges Mädchen, das immer mehr in der Schule zurückfällt, weil sie sich mit ihrer Mutter ein Zimmer teilt und die ihr keine Ruhe lässt zum Lernen." Es wäre mehr als bedauerlich, sagt Heidi Porsche, wenn junge, motivierte Menschen wegen solcher Zustände an einer Integration in Deutschland scheiterten.

Flüchtlinge in Baden-Württemberg landen zunächst in den Erstaufnahmestellen Karlsruhe, Meßstetten und Mannheim. Diese seien jedoch völlig überfüllt, so dass viele Flüchtlinge nicht einmal richtig registriert werden, bevor sie auf die Landkreise verteilt werden, sagt Lingg. Das Landratsamt bekomme die Menschen dann "einfach vor die Türe gesetzt, ohne dass es weiß, aus welchen Ländern sie kommen, ob es Familien oder Einzelpersonen sind." Das mache eine geeignete Unterbringung noch schwieriger, da weder Amt noch ehrenamtliche Helfer Zeit haben, sich auf die Bedürfnisse der Menschen einzustellen.

Mancherorts sollen Wohncontainer die Situation der fehlenden Unterkunfte entschärfen, doch diese Lösung ist umstritten. Zuletzt sorgte das Aufstellen solcher Container in Schelklingen für heftige Debatten im Gemeinderat und in der Bevölkerung (wir berichteten).

Es komme immer auf den Einzelfall an, sagen sich Heidi Porsche und Ursula von Helldorff. "Ein Wohncontainer mit wenig Leuten ist im Zweifelsfall netter als ein völlig überfülltes Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft", sagt Porsche. Und von Helldorff fügt hinzu: "Als Übergangslösung finde ich es in Ordnung, die Leute sind für alles dankbar." Entscheidend ist auch der Standort der Wohncontainer. Befinden sich diese beispielsweise in einem Gewerbegebiet oder am Rande der Stadt, nehme man den Menschen die Gelegenheit, sich ins Gemeindeleben einzubringen.

Der Aufenthalt für Asylsuchende endet in den Gemeinschaftsunterkünften mit Erteilung der Aufenthaltserlaubnis, in bestimmten Ausnahmefällen oder spätestens nach 24 Monaten. So steht es im Flüchtlingsaufnahmegesetz des Landes Baden-Württemberg. Das Problem in Ehingen: Wohin danach?

"Der Wohnungsmarkt ist hier total leergefegt", sagt Porsche, "und der, den es gibt, ist für Asylbewerber nicht bezahlbar." Zwar erhalten Asylsuchende von den Ämtern Zuzahlungen für Wohnungen, doch diese reichten kaum aus, um in anständigen Verhältnissen zu leben. Auch die Größe der Wohnung ist reglementiert. "Ich habe allein letzte Woche fünf Anrufe erhalten mit der Bitte, bezahlbare Wohnungen für Asylbewerber und Spätaussiedler zu finden", berichtet Porsche. Nur durch private Kontakte finde sie manchmal eine Unterkunft.

"Sofern alles geregelt und in Ordnung ist, sagen wir zu einer finanziellen Unterstützung bei einer Wohnung nicht Nein", sagt Erwin Bulach vom Landratsamt Alb-Donau-Kreis. Er kümmert sich um die Unterbringung von Spätaussiedlern, Asylbewerbern und Flüchtlingen. Wird eine geeignete Wohnung gefunden, muss der Vermieter eine Mietbescheinigung ausstellen, in der er unter anderem das Baujahr, die Größe und die Ausstattung der Unterkunft angibt. Ist die Bescheinigung in Ordnung, gibt es Geld vom Landratsamt. "Diese Unterstützung ähnelt der von Hartz-IV-Empfängern", erklärt Bulach. Dennoch hält auch er den Wohnungsmarkt in Ehingen für schwierig. "Die Asylsuchenden wollen natürlich lieber in der Stadt bleiben, wo sie zentraler sind oder in der Nähe der Gemeinschaftsunterkünfte."

Abgesehen vom mangelndem Wohnraum sehen Porsche, von Helldorff und Lingg auch die Berührungsängste der Bevölkerung als ein Hindernis bei der Suche nach Unterkünften. Dabei seien die Aslybewerber sehr nett und "hoch motiviert, etwas zu tun und sich ins gesellschaftliche Leben einzubringen", sagt Lingg, auch wenn manchmal Gegenteiliges behauptet wird.

Trotz der nicht einfachen Verhältnisse seien die Asylbewerber in Ehingen im Kreisvergleich noch gut versorgt, betont Lingg. Das Engagement einiger Ehinger sei groß, allen voran der Freundeskreis für Migranten und Esther Asghar, die Leiterin der Gemeinschaftsunterkünfte. "Es ist nicht immer einfach", sagen Heidi Porsche und Ursula von Helldorff, "man nimmt natürlich einige Schicksale mit nach Hause. Aber es gibt auch viele schöne Momente. Man wird sehr dankbar."

Info Der Freundeskreis für Migranten sucht nach Wohnungen für Asylbewerber in Ehingen. Anfragen und weitere Informationen per E-Mail an:

freundeskreis.migranten@gmx.de

Flüchtlinge und Migranten

Serie Mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen in der Region und ihrer Situation, aber auch mit Integration von Migranten, Zusammenarbeit und Fre undschaft zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen vor Ort beschäftigt sich die SÜDWEST PRESSE in einer neuen Serie verstärkt.

Wöchentlich beleuchten wir, wie das Zuwanderungsland Deutschland in der Region funktioniert.

SWP