Natur Woldemar Mammel, Samensucher und Sortenretter

Woldemar Mammel, hier mit seiner Partnerin Hedwig Schick in seinem Garten in Lauterach, hat sich dem Erhalt der der Sortenvielfalt verschrieben und vernetzt im von ihm gegründeten „Genbänkle“ Einzelinitiativen im Gemüseanbau.
Woldemar Mammel, hier mit seiner Partnerin Hedwig Schick in seinem Garten in Lauterach, hat sich dem Erhalt der der Sortenvielfalt verschrieben und vernetzt im von ihm gegründeten „Genbänkle“ Einzelinitiativen im Gemüseanbau. © Foto: Foto. Christina Kirsch
Lauterach / CHRISTINA KIRSCH 31.08.2018
Mahner und Macher zugleich ist Woldemar Mammel aus Lauterach. Er hat sich dem Erhalt der Sortenvielfalt verschrieben.

Wenn man Woldemar Mammel besucht, kommt man vor dem Haus an Schildampfer und Erdbeerspinat vorbei. Eine Langenauer Bohne rankt am Gerüst und Roter Veroneser, eine Radicchio-Sorte, lädt zum Pflücken ein. Auf der Terrasse wachsen auf der einen Seite 20 verschiedene Sorten Tomaten in Kübeln,  auf der anderen Seite stehen fast genau so viele Eimer mit Linsensorten. Kleine Schilder verweisen auf die „Kyffhäuser Linse“, die „Späths Hellerlinse“ oder die „Creutzmanns Linse“.

Woldemar Mammel, der vor rund zehn Jahren die Linsen wieder auf die Alb geholt hat, beschäftigt sich immer noch mit der Linse. Doch sein Blick geht über den sprichwörtlichen Tellerrand, der in seinem Fall gerne mit seinem Lieblingsgericht „Linsen und Spätzle“ gefüllt sein darf, weit hinaus. „Wir müssen uns dringend Gedanken darüber machen, was wir essen und wie wir den Planeten erhalten können“, sagt der Biologe, der sich diese Gedanken schon zur Zeit des Vietnam-Krieges gemacht hat.

Erst ein Job in der Forschung

Eigentlich hatte der Lauteracher als junger Biologe in die Wissenschaft gehen wollen, er hatte einen Job beim Fraunhofer Institut. „Ich habe das damals fast bewundert, wie man selektiv Pflanzen vernichten kann“, sagt er. Doch dann machte er sich mit seiner Frau Hildrun, die an einem Reutlinger Gymnasium unterrichtete, Gedanken über Gifte und Entlaubungsmittel, über Ernährung und Nutzpflanzen.

Als die beiden Söhne Lutz und Max auf die Welt gekommen waren, kauften sich Mammels einen alten Bauernhof in Lauterach und begannen mit der biologischen Landwirtschaft. Woldemar Mammel stellte fest, dass man im Jahr 1850 auf der Alb rund 20 Kilogramm Hülsenfrüchte gegessen hat. „Heute ist es ein knappes Kilo“. Zusammen mit einigen Mitstreitern machte er sich auf die Suche nach der vergessenen Alb-Linse und fand sie in der Genbank in St. Petersburg.

Weitgereiste Gäste

Seitdem ist Woldemar Mammel zum Linsenfachmann geworden, der mit Universitäten zusammenarbeitet und sich unermüdlich für den Erhalt der Sortenvielfalt einsetzt. Studentinnen aus Bangladesch verkehren bei ihm genau so wie amerikanische Wissenschaftlerinnen, die den deutschen, umweltverträglichen Linsenanbau den Amerikanern nahebringen wollen. „Man könnte weltweit viel mehr Menschen mit pflanzlichem Eiweiß ernähren“, sagt der 75-Jährige immer und immer wieder. Der Fleischkonsum, der nach wie vor von der Politik gefördert wird, müsse wegen der durch ihn verursachten hohen Stickstoffbelastung eingedämmt werden, mahnt der Landwirt.

Die Diversität erhalten

Woldemar Mammel ist aber nicht nur ein Mahner, sondern auch ein Macher. Sein neuestes Projekt ist das „Genbänkle“, ein Netzwerk zur Förderung der Kulturpflanzenvielfalt in Baden-Württemberg, bei dem sich Einzelinitiativen aus dem Gemüseanbau miteinander vernetzen. Es sei wichtig, die Diversität zu erhalten, weil der Klimawandel auch an Nutzpflanzen neue Anforderungen stellt. „Es gibt allein 80 verschiedene Gemüsesorten, die den Namen Ulm in ihrer Bezeichnung haben“, gibt der Landwirt ein Beispiel für eine Sortenvielfalt, die in Vergessenheit zu geraten droht. Den Ulmer Spargel, die Söflinger Zwiebel oder den Ulmer Wirsing kenne kaum jemand. Das Genbänkle ist eine Plattform für Privatpersonen und Vereine, die sich mit Informationen und Samen austauschen.

Beide sind „gartenverrückt“

Nach dem Tod seiner Frau Hildrun ist Woldemar Mammel in das ehemalige Lauteracher Forsthaus gezogen, das nur ein paar Schritte von der Erzeugergemeinschaft der Lauteracher Alb-Feld-Früchte entfernt liegt. In Hedwig Schick, deren verstorbener Mann ebenfalls Bio-Landwirt war, hat Woldemar Mammel eine Partnerin gefunden, die seine Ideen trägt und mindestens so „gartenverrückt“ ist, wie er.

„Ich könnte jeden Tag irgendwo einen Vortrag halten“, sagt Woldemar Mammel, der gelegentlich über seinen vollen Terminkalender ächzt. Dabei hat er manchem die Augen geöffnet, weil sich seine Erkenntnisse stets auf sein Tun gründen.

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Gemüsesorten kennt Woldemar Mammel, die den Namen Ulm in ihrer Bezeichung haben und in Vergessenheit zu geraten drohen. Darunter ist Ulmer Spargel und Ulmer Wirsing.

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