WM WM-Spiel: Ghanaer Isaac Oteng wünscht sich heute ein Unentschieden

Ulm / JÜRGEN BUCHTA 21.06.2014

Isaac Oteng zeigts mit beiden Daumen: eins, eins! So soll heute Abend das Fußballspiel Deutschland gegen Ghana enden. "Von mir aus auch null zu null", sagt der 52-Jährige. Wie realistisch sein Wunsch ist, zumal nach dem eindrucksvollen deutschen Sieg gegen Portugal? "Ich weiß, dass die deutsche Mannschaft sehr gut ist." Aber auch die ghanaische habe viel drauf. "Gegen die Amerikaner hat Ghana unglücklich verloren. Übrigens das erste Mal bei so einem Turnier - Klinsmann hat wohl gezaubert." Trotzdem wünscht er sich, dass die Ghanaer die Gruppenphase überstehen und der Welt zeigen, wie gut sie spielen können.

Oteng stammt aus Ghana, dem Land an der westafrikanischen "Goldküste", dessen wichtigstes Exportgut noch heute das gelbe Metall ist. Er wuchs in Obuasi auf, einer Stadt mit 130.000 Einwohnern, in der die ergiebigste Goldmine Ghanas liegt. Sein Vater arbeitete in der Mine, er ist schon lange tot. Seine Mutter und drei seiner Geschwister leben in Obuasi. Die vier weiteren Geschwister sind nach Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania ausgewandert.

In seiner Heimat lernte Oteng den Beruf des Schweißers; heute arbeitet er als Monteur in einer Ehinger Firma. Der Job war es nicht, der ihn nach Deutschland geführt hat. Vielmehr, über einige Umwege, die Musik. "Das Wichtigste in meinem Leben ist neben meiner Familie die Musik. Ich fühle mich glücklich, wenn ich Musik mache." Musik sei seine ad-hoc-Therapie, um Stress abzubauen. Als Kind lernte er Schlagzeug zu spielen. Längst ist die Bassgitarre sein Lieblingsinstrument. Als Bassist und Sänger tritt er gelegentlich in Ulm und Umgebung in der Reggae- und Weltmusikband "Iondt and Friends" auf.

Bevor er nach Europa kam, habe er zwei Jahre lang als Mitglied einer Pop-Band in Israel gespielt, erzählt Oteng. In Deutschland verschlug es ihn als Musiker zunächst nach Hamburg. Anschließend tourte er durch die Republik, bis er im Ulmer Raum hängen blieb, wo er heiratete und drei Kinder hat.

Ghana, bis 1957 britische Kolonie, zählt nach wie vor zu den armen Ländern der Erde. Im Vergleich zu seinen Nachbarländern hat es inzwischen aber einen gewissen Grad an Wohlstand erreicht, was sicherlich auch auf die politische Stabilität während der vergangenen zwei Jahrzehnte zurückzuführen ist.

Ghana ist ein Vielvölkerstaat. "Es gibt 72 verschiedene Sprachen", erzählt Oteng. Wobei Twi, eine Akansprache, in erster Linie zur Verständigung der verschiedenen Volksgruppen und Stämme im Alltag dient. Amtssprache ist Englisch. Nahezu jeder Ghanaer spricht drei bis fünf Sprachen fließend.

Bunt, wenn auch nicht ganz so vielfältig wie die Völker- und Stammesstrukturen, ist das religiöse Leben in Ghana. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung gehören christlichen Kirchen an, wobei die aus US-Amerika eindringenden Freikirchen der Anglikanischen und Römisch-Katholischen Kirche mittlerweile den Rang ablaufen. "Eine Freikirche gibt es inzwischen an jeder Ecke", sagt Oteng. Ein knappes Drittel der Ghanaer wird dem Islam zugerechnet, fünf Prozent verschiedenen Naturreligionen. Wobei für die Angehörigen aller Glaubensrichtungen der gelegentliche Besuch eines Fetisch- beziehungsweise Voodoo-Priesters keinen Widerspruch darstellt.

Sieben Jahre ist es jetzt her, dass Oteng das letzte Mal in Ghana war. "Zu Familienfeiern treffen wir uns in den USA", erzählt er. "Das kostet weniger." Nicht nur für die Anreise. Auch sparen sich die im Ausland wohnenden Verwandten damit die Geschenke für die weitverzweigte Großfamilie in Ghana, ohne die keiner nach Hause ins Heimatland kommen darf.

Das Fußballspiel wird sich Oteng heute Abend alleine anschauen. Er kennt zwar eine Reihe Afrikaner in Ulm. Man habe schon oft darüber gesprochen, einen Stammtisch zu schaffen. Bisher habe das aber noch nicht geklappt, erzählt er. "Jeder, der es bis zur Weltmeisterschaft schafft, spielt gut", ist er sich sicher. "Zum Gewinnen gehört aber immer auch ein bisschen Glück dazu. Mal schauen, wer heute der Glückliche ist. Ich drücke beiden Mannschaften die Daumen."

Ghana am Golf von Guinea

Fußball-Brüder Ghana liegt in Westafrika am Golf von Guinea. Seine Fläche, knapp 240.000 Quadratkilometer, kommt knapp an die von England heran, mit dessen Geschichte es durch die Kolonialzeit eng verbunden ist. Ghana zählt 26 Millionen Einwohner. Die aktuell bekanntesten Fußballspieler aus Ghana sind die Halbbrüder Kevin-Prince Boateng und Jérôme Boateng. Kevin-Prince Boateng spielt während der Weltmeisterschaft für Ghana, Jérôme Boateng für Deutschland.

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