Region Ehingen Wie Gemeinden im Raum Ehingen um Bauwillige konkurrieren

Region Ehingen / KARIN MITSCHANG 07.12.2012
Angesichts stetig schrumpfender Bevölkerung ist die Konkurrenz um Neubürger stark. Doch auch ein Dorf wie Oberstadion kann anscheinend all ihre Wünsche erfüllen: Dort gibt es bald eine zweite Krabbelgruppe.

"Eieieiii - schön, dass du da bist - eieieiii - wir freuen uns so seeehr", singt ein großer Kreis von Frauen, jede mit einem Baby oder Kleinkind auf dem Schoß. Mehrere der Kleinen quäken, weinen oder plappern durcheinander, es ist warm und mittlerweile schon etwas stickig. Im Martinusheim in Oberstadion treffen sich derzeit 17 Kinder, 15 Mütter und eine Oma mittwochs in der Krabbelgruppe.

"Also bei 15 Kindern isch einfach Sabbat", sagt Ariane Schelkle, die die Gruppe seit mehr als einem Jahr leitet und wegen der vielen kleinen Neubürger langsam ein Platz- und Sicherheitsproblem bekommt. Am 8. Januar wird deshalb eine zweite Krabbelgruppe in Oberstadion eröffnen, in der es dienstags von 9 bis 11 Uhr Sing- und Fingerspiele, Babymassagen oder Kindergartenbesuche gibt, und vieles mehr.

Die rührige Hausfrau und zweifache Mutter Ariane Schelkle, die mit ihrem Mann Michael seit sechs Jahren im Dorf wohnt, nennt als Grund für die vielen Kinder im Krabbelalter schlicht die hohe Geburtenrate im Ort. Oberstadion, dessen Verwaltung dringend weitere Bauplätze im Ortskern erschließen will, weil es dafür bereits Interessenten geben soll, sei absolut attraktiv für Familien, sagt Schelkle. "Man braucht hier nicht unbedingt ein Auto: Es gibt einen Kindergarten, eine Schule, einen Arzt, zu dem man auch mit den Kindern gehen kann, einen Getränkemarkt und einen Lebensmittelladen. Und es ist eine schöne Lage."

Allein in der Krabbelgruppe, die auch Eltern mit Kindern aus Grundsheim und den Ortsteilen besuchen, gibt es vier Elternpaare, von denen beide Partner zugezogen sind. Der Ort, der 2001 beim Landeswettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" den ersten Platz belegte, kann sich trotz der allgemein schrumpfenden Bevölkerungszahlen nicht über Nachwuchsmangel beschweren. Im Gegenteil: Berechnungen des Statistischen Landesamts zufolge soll er bis zum Jahr 2030 auf 1645 Einwohner kommen. Aktuell sind es 1572, und damit 400 mehr als noch 1990, wie Bürgermeister Manfred Weber berichtet.

Ebenfalls ansteigen soll die Bevölkerung in fast allen anderen "Winkel"-Gemeinden, und leicht in Obermarchtal. In den meisten Gemeinden der Region Ehingen sinken dagegen die Zahlen voraussichtlich. Auch die große Kreisstadt selbst soll leicht schrumpfen, wenn es um Einwohner geht. Obwohl sie mit einer Fülle von guten Argumenten aufwarten kann - von Arbeitsplätzen über das Gesundheits- und Sozialwesen, Bildungseinrichtungen, der Lage und Anbindung bis hin zu Einkaufsmöglichkeiten, Freizeit und Gastronomie. Im Wettbewerb um Neubürger seien insbesondere die Bereiche Betreuung und Bildung ein wichtiger weicher Standortfaktor, schreibt die Stadtverwaltung. Im Krippen- und Kindergartenbereich sei ein flexibles und bedarfsgerechtes Betreuungsangebot vorhanden. Gleichzeitig ist Ehingen seit jeher eine "Schulstadt" mit sieben Grundschulen, drei Werkrealschulen, einer Realschule, einem Gymnasium, zwei Sonderschulen und drei beruflichen Schulen in den 17 Teilorten. Wie die Pressesprecherin Bettina Gihr schreibt, würden die "weichen Standortfaktoren", wie Freizeitangebote, landschaftliche Schönheit oder Gastronomie, immer wichtiger für Wohnortentscheidungen. Mit den Jazztagen, Sport- und Vereinsangeboten, der Bücherei und vielem mehr könne Ehingen einiges bieten.

Für Rottenacker, Schelklingen und Allmendingen sieht die Entwicklung nicht rosig aus: Rottenacker soll bis 2030 rund 150 Bürger im Vergleich zu 2008 verlieren, Allmendingen etwa 60, Schelklingen mehr als 300. Die Orte müssen sich also im Konkurrenzkampf behaupten, um dem Trend entgegenzuwirken, sonst schrumpfen sie. Bürgermeister Karl Hauler will sich in Rottenacker ranhalten, das 2009 ebenfalls den Landespreis "Unser Dorf hat Zukunft" erhielt. "In Kürze haben alle unsere Firmen im Industriegebiet die Möglichkeit, ans Glasfaserkabel anzuschließen - bis ins Gebäude - also ans schnellste Netz, das es gibt", sagt Hauler. Und bekanntlich versucht er, an mehreren Schaltstellen zu drehen, um den Bahnhalt zu reaktivieren.

Fünf "Winkel"-Gemeinden arbeiten daran, schnelles Internet zu bekommen, und auch Oberstadion will ein besseres Angebot. Derzeit ist nur LTE-Technik da, womit eine Geschwindigkeit von 5000 bis 10 000 KBit/s erreicht wird, wie Weber berichtet. Vielleicht ist das Geheimnis Oberstadions, der angeblich "schönsten Gemeinde" des Landes, aber auch das Krippenmuseum, das scheinbar auch mehr Kinderwägen bringt. Einen solchen Glücksbringer will auch Bürgermeister Hans Rieger in Emerkingen etablieren: Er überlegt, in Zukunft verstärkt das Thema Störche anzugehen, was den Tourismus und Aktionen im Dorf anbelangt. Auf dass der Klapperstorch sich wohlfühlt.