Ehrenamt Notfallseelsorge: Wie ein Fels in der Brandung

Donaurieden/Ehingen / Amrei Groß 13.01.2018
Wenn plötzlich alles anders ist, leisten speziell ausgebildete Einsatzkräfte der psychosozialen Notfallversorgung Erste Hilfe für die Seele. Eine Aufgabe, die oft nicht einfach ist.

Seinen ersten Einsatz vergisst Peter Ullenberger nie: Es war im Frühjahr 2013, zwei Tage nach Beginn seiner ersten Dienstwoche als Notfallseelsorger, als ihn eine Alar­mierung nach Ehingen erreichte. Ein Mitarbeiter eines Baumaschinenherstellers war bei einem Arbeitsunfall verstorben; Ullenberger sollte seine Kollegen betreuen. „Ich war so aufgeregt, dass ich mein Herz habe schlagen hören. Es war unglaublich“, erinnert sich der 53-Jährige.

Mehrere Jahre, dutzende Dienstwochen und mehr als 80 Einsätze später ist der Donauriedener heute so etwas wie ein alter Hase. „Zur Routine wird die Arbeit aber nie“, sagt er. Jeder Einsatz sei anders, jeder Betroffene, jede Einsatzkraft reagiere anders. „Was nachlässt, sind die Anspannung während der Dienstwochen und der Stress, wenn der Melder piepst.“

Die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) von Menschen in Krisensituationen ist für Ullenberger ein Ehrenamt. Mehrmals im Jahr steht der Fahrlehrer für eine Woche „im Dienst des Herrn“: Als Teil der Notfallseelsorge Ulm/Alb-Donau-Kreis begleitet er die Polizei, wenn in der Region Todesnachrichten überbracht werden müssen, betreut Menschen in Ausnahmesituationen oder kümmert sich nach belastenden Einsätzen um die Kollegen von Polizei, Feuerwehr und Rettungs­diensten. Im Bereich des Altkreises Ehingen, der Stadt Erbach und des Großraums Laichingen arbeiten Ullenberger und seine Kollegen eng mit dem DRK-Notfallnachsorgedienst (NND) und dessen Krisen­in­terven­tions­helfern zusammen.

Ihre Aufgabe im Ernstfall ist ebenso einfach formuliert wie schwierig umzusetzen: „Ich bin der Fels in der Brandung, der seinem Gegenüber Halt und Kraft gibt“, beschreibt Ullenberger seine Tätigkeit. Er spricht mit den Betroffenen über das Geschehene, hält Unaussprechliches solidarisch mit aus, hilft bei einer ersten Verarbeitung. „Wir bringen etwas mit, das Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst oft nicht haben: Zeit“, erklärt Ullenbergers Kollege Mitja Weilemann, der den NND leitet. Menschen in psychischen Ausnahmesituationen nicht alleine lassen zu wollen, das war für den 35-Jährigen die Motiva­tion, aus der er 2012 zum Notfallnachsorgedienst kam. „Kommt ein Mensch im Straßenverkehr zu Tode, sind davon im Durchschnitt 113 Menschen betroffen“, zitiert er eine Veröffentlichung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Statistisch gesehen betreffe jeder Unfalltote elf Familienangehörige, vier enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte sowie 42 Einsatzkräfte. „Diese Rechnung lässt sich so ähnlich auf alle Arten von plötzlichem Tod übertragen“, glaubt Weilemann. Ihm sei angesichts ihrer bewusst geworden: „Wenn ich jemals in so eine Situation kommen sollte, will ich damit bloß nicht alleine sein“ – er meldete sich deshalb für die Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer an.

„Wir können niemanden wieder lebendig machen“, sagt er. Notfallseelsorger und Kriseninterventionshelfer aber seien in der Lage, auch in schwierigen Situa­tionen „die richtigen Worte zu finden“, zu erklären, was gerade und als nächstes passiere. Sie aktivierten das soziale Netzwerk der Betroffenen, informierten Eltern, Verwandte und Vertraute oder unterstützten im Umgang mit Bestattern und Behörden.

Zwischen rund 30 Minuten und vielen Stunden dauert das. „Je länger ein Einsatz geht, desto größer wird die Bindung zum Gegenüber“, sagt Peter Ullenberger. Für die Helfer bedeute dies einen Spagat zwischen Distanz und Nähe. „Ich bin für die Betroffenen da und fühle mit.“ Es sei jedoch wichtig, nicht in die Rolle des Mittrauernden zu verfallen. „Irgendwann gehe ich aus dem Einsatz und dann muss es für mich auch gut sein.“ Manche Ereignisse beschäftigten ihn freilich länger, darunter der plötzliche Tod eines Säuglings, der ihn als Vater besonders betroffen gemacht habe: „Diese Einsätze verarbeite ich im Gespräch mit meinen Kollegen.“ Oft fange ihn auch die eigene Familie auf. „Nach einem besonders schweren Einsatz habe ich am Abend spontan mit meiner Frau zu Hause in unserem Wohnzimmer getanzt“, erzählt er.

Obwohl Ullenberger im Einsatz viel Leid erlebt, macht er sein Ehrenamt gerne. „Die Arbeit als Notfallseelsorger resettet mich“, sagt er. Dienstwochen brächten ihn regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurück, zeigten auf eindrucksvollste Weise: Eigentlich geht es dir doch gut. „Man lernt das eigene Leben neu zu schätzen“, sagt UIlenberger. Ohne eine Familie, die das mittrage, gehe es aber nicht. „Der Partner muss unbedingt Verständnis dafür haben.“ Denn sein Dienst bedeute, tagsüber oder nachts von jetzt auf gleich los zu müssen. An Weihnachten, an Silvester, an Neujahr, an Geburtstagen.

Mehr als 30 Kollegen hat Ullenberger bei der Notfallseelsorge. Rund die Hälfte von ihnen sind Pfarrer; die übrigen Einsatzkräfte arbeiteten vor allen in seelsorgerischen, therapeutischen, sozialpädagogischen oder beratenden Berufen. Auch wenn die Notfallseelsorge unter anderem durch die evangelischen Kirchenbezirke Ulm und Blaubeuren sowie das katholische Dekanat Ehingen-Ulm getragen wird, „bin ich nicht derjenige, der mit Weihrauch wedelt“, sagt Ullenberger. Im Einsatz leiste er in erster Linie psychosoziale Notfallversorgung – vereinfacht gesagt Erste Hilfe für die Seele. Aber eben nicht nur: „Selbstverständlich können wir auch mit den Betroffenen beten oder einen Segen für den Verstorbenen sprechen, wenn das gewünscht wird.“

In Stadt und Kreis unterwegs

Die Notfallseelsorge Ulm/Alb-Donau-Kreis wurde zum Jahresende 1998 auf Initiative des Ulmer Betriebsseelsorgers Werner Baur ins Leben gerufen. 2017 wurde sie 188 Mal ins Stadtgebiet Ulm und den Alb-Donau-Kreis alarmiert.

Der Notfallnachsorgedienst des Deutschen Roten Kreuzes ist seit Ende 1998 und überwiegend im Bereich des Altkreises Ehingen, der Stadt Erbach und im Großraum Laichingen aktiv. 2017 war er 20 Mal im Einsatz.

Gemeinsam bilden beide Gruppen seit dem vergangenen Herbst eine Arbeitsgemeinschaft, die die PSNV in der Region stärken und eine optimale Versorgung von Betroffenen und Einsatzkräften garantieren soll. agr

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