Gestern lagen in der Städtischen Galerie zehn Kinder auf dem Boden und hatten Pinsel in der Hand. Eingehend studierten sie die Werke von Sepp Mahler und fanden einen ganz persönlichen Zugang zu den ausgestellten Werken. Mit Bleistift und Papier, Wachsmalkreiden und unterschiedlich breiten Pinseln malten sie die Bilder ab oder entwarfen etwas ganz Eigenes.

Bilder werden lebendig

Tim stand vor einem Bild mit einer Menschengruppe auf einem Platz. Im Hintergrund waren Bäume zu sehen und ein Hund umtänzelte die Personen. „Mir gefällt, dass da die Leute so zusammenstehen“, sagte der Neunjährige. „Das ist besser, als wenn die auseinander und alleine stehen“, philosophierte der Junge. Und auch die Bäume seien wichtig, „weil wir ohne Bäume nicht leben können“, erklärte Tim. Jonas hatte sich dagegen ein düsteres Bild mit Arbeitern in einem Torfwerk ausgesucht. „Ich mag aber nicht so dunkel malen“, erklärte er die gelben Lichter in seinem Bild. In den Ferien sei er mal mit seiner Familie in einem Bergwerk gewesen, erklärte der Neunjährige. Deshalb wurde bei ihm aus Sepp Mahlers Torfwerk ein Bergwerk. Bei Jonas sah die Arbeitsstätte ganz heimelig aus. Der Kamin rauchte und man konnte sich gut vorstellen, dass die Arbeiter unter der gelben Glühbirne gemütlich beisammen saßen.

Drei andere Jungs hatten sich in dem Workshop, der von Volker Sonntag und Anne Linder geleitet wurde, offensichtlich vorgenommen, möglichst schnell fertig zu werden. Mit Wachsmalkreiden fuhren sie wild auf einem Bild herum und erklärten, das seien die wilden Bäume von Sepp Mahler, vor denen sie saßen. Eine Lage blaue Farbe darüber und fertig war das Bild. Doch auch die Buben spürten, dass ihr Werk irgendwie unfertig war. „Wir brauchen eine Hexe“, erklärten Alexander, Varitimos und Timolean. „Haben wir“, sagte Volker Sonntag und holte aus der Sammlung von Doris Nöth ein Hexenbild hervor. Jetzt war der Eifer der Jungs geweckt und drei rote Hexen flogen auf ihrem Besen über die Bilder. Beflügelt von so viel Erfolg machten sich die Jungs an ein konstruktivistisches Bild und legten mit Bleistift die Flächen an. „Wir brauchen einen Spitzer“, erklärten sie bald ihren Materialverschleiß und Anne Linder kaufte schnell noch Spitzer, damit die Jungs ihre Flächen mit Bleistift schraffieren konnten.

Lena hatte sich in ein Bild mit Sonne und einem Baum vertieft, „weil mich das an Vincent van Gogh erinnert“, meinte die 16-Jährige. Tatsächlich hatte sich Sepp Mahler oft die Malweise berühmter Vorbilder eine Zeitlang zugelegt. Auch Mathilda fühlte sich von der lebendigen Sonne angeregt. Mit Hingabe malte sie  Ast um Ast, bis ein großer Baum entstand. Das Haus ging neben dem Baum fast unter.

Die Kinder redeten kaum und waren ganz in ihre Arbeit vertieft. Nur als ein Martinshorn ertönte, spritzten sie ans Fenster und mutmaßten, wo es wohl brennen könnte. Fast wäre noch eine moderne Feuerwehr mit Drehleiter auf Sepp Mahlers Bildern verewigt worden.

Johanna beließ es bei einem Feuer spuckenden Drachen auf einem hohen Berg.   Der war zwar bei Sepp Mahler nirgends ausfindig zu machen, beflügelte aber die Phantasie der Elfjährigen, die am Fuße des Berges einen Schatz malte. Der Drache brauchte ja eine Aufgabe.

Lauter eigene Werke

Lilli malte mit Wachsmalkreiden das Verlobungsbild Sepp Mahlers ab. Innig stand das Paar in Rücken­ansicht vor der Landschaft und Lilli hatte die Umarmung perfekt getroffen. Als es jedoch am schönsten war, kündigte Volker Sonntag das Ende des Workshops an. Das fanden alle schade, denn eigentlich ging es nach zwei Stunden erst so richtig los. Mathilda signierte noch schnell ihr Bild mit einem großen M, das die Wiese ihrer Landschaft überragte. „M wie Mahler?“, fragte Anne Linder. „Nein, M wie Mathilda“, erklärte das Mädchen. Es waren ja lauter eigene Werke, die entstanden waren.