Dr. Anita Dewald ist seit vielen Jahren erste Oberärztin der Anästhesieabteilung am Alb-Donau­-Klinikum Ehingen. Sie verantwortet nicht nur den reibungslosen Ablauf im OP und auf der Intensivstation, sondern hat als Transplantationsbeauftragte obendrein eine wichtige Rolle in allen Fragen zum Thema Organspende. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt sie, warum die im Bundestag abgelehnte Widerspruchslösung aus ihrer Sicht die richtige Entscheidung gewesen wäre, welche Menschen potenziell als Organspender in Frage kommen und wie eine Spende abläuft.

Frau Dr. Dewald, Sie sind die Transplantationsbeauftragte des Ehinger Klinikums. Was sind ganz konkret Ihre Aufgaben?

Dr. Anita Dewald: In erster Linie gehört die Spendererkennung zu meinen Aufgaben. Ich muss mich täglich auf unserer Intensivstation informieren, ob dort potenzielle Organspender liegen – also Patienten mit einer schweren Hirnschädigung, die irreversible Funktionsstörungen nach sich zieht. Das kann zum Beispiel nach einem Autounfall der Fall sein, aber auch nach einer Hirnblutung oder einem Kreislaufstillstand. Ist das der Fall, muss ich alle weiteren Schritte einleiten: Die Feststellung des irreversiblen Ausfalls der Hirnfunktionen, das Einholen der Einwilligung der Angehörigen und die Spende selbst.

Nach der Abstimmung des Bundestags am Donnerstag ist die Widerspruchslösung vom Tisch. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Wie viele andere habe ich auf die Widerspruchslösung gehofft. Dadurch hätten wir künftig mehr Organe zur Verfügung gehabt und das wäre auch wichtig gewesen. Deutschland ist das Land in Europa, das am meisten unter einem Mangel an Spenderorganen leidet. Nichtsdestotrotz ist es eine demokratische Entscheidung gewesen. Wir müssen das als Chance sehen, so sagt es auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Organspende, Dr. Axel Rahmel. Wir müssen es als Chance sehen, dass die Leute jetzt durch die Debatte im Bundestag wachgerüttelt sind, dass sie vielleicht jetzt eher einen Organspendeausweis ausfüllen.

Wie groß ist der Bedarf an Spenderorganen? Wie viele stehen tatsächlich zur Verfügung?

In Deutschland warten derzeit zirka 9300 Menschen auf ein Organ. Im vergangenen Jahr hatten wir 932 Organspender, die knapp 3000 Organe gespendet haben. Ich glaube, das ist auch ein wichtiger Punkt, der vielen nicht klar ist – dass ein Organspender nicht nur einem Menschen das Leben retten kann, sondern dass es im Schnitt drei sind.

Kommt es vor, dass Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten?

Ja. Wir haben in Deutschland Jahr für Jahr etwa tausend Menschen, die nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekommen. Man muss hier aber klar sehen: Das Sterben ist der Endpunkt der ganzen Wartezeit. Mit jedem Monat und jedem Jahr, die ein Mensch auf ein Spenderorgan wartet, sinkt seine Lebenserwartung selbst mit einem neuen Organ deutlich. Es gibt Statistiken, die klar zeigen: Je später eine Spende erfolgt, desto kürzer ist die Lebenserwartung des Empfängers im weiteren Verlauf.

Wie lange müssen Patienten im Schnitt auf ein Spenderorgan
warten?

Das können durchaus um die fünf Jahre sein, teilweise auch mehr. Bei manchen Organen ist es tatsächlich so, dass die Patienten diese Wartezeit nicht überleben.

Umfragen zufolge befürworten rund 80 Prozent der Deutschen die Organspende. Warum haben dennoch so wenige Menschen einen Organspendeausweis?

Einerseits ist es der Tod, mit dem man sich nicht gerne beschäftigt. Das betrifft nicht nur die Organspende, viele Leute machen ja auch kein Testament. Das ist ein Thema, das man nicht so gerne bespricht. Andererseits wollen sich viele auch nicht unbedingt schriftlich festlegen. Obwohl die Bereitschaft oft da ist. Wenn man direkt mit den Leuten spricht, sagen viele, ja, das wäre für mich in Ordnung. Aber einen Organspendeausweis füllen sie nicht aus. Man spricht ungefähr von einem Verhältnis von eins zu zwei. Viele sagen, das ist gut, aber nur die Hälfte von ihnen hat tatsächlich einen Spenderausweis.

Wie ließe sich die Situation jetzt nach dem Aus für die Widerspruchslösung verbessern?

Die Situation lässt sich im Moment nur dadurch verbessern, dass man weiter das Bewusstsein der Menschen schärft. Dass man die Leute aufrüttelt. Viele sind ja bereits aufgerüttelt dadurch, dass es diese Entscheidung im Bundestag gab. Aber Informationsveranstaltungen sind sicher im Moment der wichtigste Weg, um die Leute dazu zu bringen, sich tatsächlich mit dem Thema zu beschäftigen. So, dass sie im Fall der Fälle eher in der Lage sind, eine vernünftige Entscheidung zu treffen.

Wer kommt theoretisch als Organspender in Frage?

In Deutschland ist es so, dass die Patienten eine schwere Hirnschädigung erlitten haben müssen, die zum irreversiblen Hirnfunktionsausfall führt. Da gibt es klare Vorgaben der Bundesärztekammer, was einer Entscheidung zugrunde liegen muss, welche Untersuchungen gemacht werden, welche Ergebnisse diese Untersuchungen ergeben haben müssen. Nur diese Patienten kommen dann für eine Organspende in Frage. In anderen Ländern Europas kommt eine Organspende auch nach einem Herzstillstand in der Klinik in Frage. Das ist in Deutschland aber nicht zugelassen.

Wer entscheidet, wenn ein Mensch sich nicht geäußert hat, ob er zur Organspende bereit ist?

In diesen Fällen müssen Angehörige oder andere dem Patienten nahestehende Personen entscheiden. Das ist ein ganz, ganz großes Thema – für die ist es nämlich ganz, ganz schwer, da zuzustimmen. Und es sind auch extrem schwierige Gespräche, die man als Arzt führen muss. Solche Entscheidungen brauchen Zeit, die wir in diesen Momenten oft nicht haben. Wenn die Angehörigen einen Menschen kennen, der mit einem Spenderorgan lebt und dem es damit wieder gut geht, sagen sie ganz schnell Ja. Weil sie wissen, was das bedeutet. Wenn sich aber jemand noch nie mit dem Thema beschäftigt hat und dann stirbt ein Mensch, den du liebst­ ... ­Du siehst sein Herz noch schlagen und dann kommen wir und du sollst dich jetzt entscheiden ... Da sind die meisten Angehörigen wirklich total überfordert.

Wie viele von ihnen stimmen einer Organspende dennoch zu?

Das hängt ein bisschen von der Gesprächsführung ab. In vielen Fällen schafft man es, eine Zustimmung zu erreichen. Es ist aber ein bisschen eine Frage des Alters. Je jünger die Leute sind, die damit konfrontiert werden, desto eher ist die Bereitschaft da.

Wer sind die Betroffenen, die auf ein Spenderorgan warten? Sind es eher ältere Menschen?

Nein, da kommen alle Lebensalter in Frage, sogar Säuglinge. Es gibt verschiedene angeborene Erkrankungen, zum Beispiel zystische Veränderungen der Leber oder der Niere, die zu einem Funktionsausfall des Organs führen. Also Erkrankungen, die ohne eine schuldhafte Lebensführung der Patienten eintreten.

Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer ein Organ bekommt und wer weiter warten muss?

Für unseren Bereich entscheidet das Eurotransplant. Das ist ein Zusammenschluss von mehreren europäischen Staaten, die ihre Organe an eine zentrale Stelle melden. Dort entscheidet ein ausgefeilter Algorithmus, wie die Organe verteilt werden. Dabei spielen viele Aspekte eine Rolle, zum einen die Wartezeit, aber auch die Art des Organs und der Zustand des potentiellen Empfängers. Es gibt Blutgruppen, die passen müssen, und es gibt natürlich auch die Größe des Organs. Sie können nicht das Herz eines zweieinhalb Zentner schweren Menschen einem Säugling implantieren.

Wie läuft eine Organspende ab?

Nach der Spendererkennung erfolgt immer zunächst die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls, der umgangssprachlich auch Hirntod genannt wird.

Wer stellt das fest?

Der irreversible Hirnfunktionsausfall wird bei Erwachsenen von zwei Ärzten festgestellt, die unabhängig voneinander den Patienten untersuchen. Einer von beiden muss ein Neurologe sein, der andere über eine spezielle intensivmedizinische Erfahrung verfügen. Für die Untersuchung gibt es eindeutige Listen der Bundesärztekammer, wie genau vorzugehen ist, welche Untersuchungen zu erfolgen haben und welche Ergebnisse da sein müssen, um den irreversiblen Hirnfunktionsausfall festzustellen. Nach einer Wartezeit von 12 bis 72 Stunden muss dann eine erneute Untersuchung durch zwei Ärzte erfolgen, die die Irreversibilität bestätigt.

Viele Menschen haben die Sorge, dass ein Angehöriger doch überleben könnte und vorschnell als Spender freigegeben wird.

Die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um einen irreversiblen Hirnfunktionsausfall bestätigen zu können und damit den Tod des Menschen zu definieren, haben eine sehr, sehr, sehr hohe Sicherheit. Eine Angst, dass ein Organ entnommen wird, wenn der Patient noch eine Chance hätte, ist nicht angebracht.

Wie geht es nach einer Zustimmung der Angehörigen weiter?

In ganz enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organspende. Sie koordiniert das ganze Verfahren und ist zum Teil auch bereits bei den Gesprächen mit den Angehörigen dabei. Außerdem organisiert sie das Team, das die Entnahme der Organe durchführt. Im OP wird noch einmal alles doppelt gecheckt: Ist es der richtige Patient? Welche Organe werden entnommen und wer bekommt sie? Nach der Entnahme muss es ganz schnell gehen. Dann steht ein Kurierfahrer am Krankenhaus bereit und ein Learjet am nächsten Flughafen.

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Organe werden einem einzelnen Organspender im Schnitt entnommen. Besonders häufig werden Nieren und Leber gespendet, sie machen mehr als drei Viertel der Spenden aus.