Hilfe Wenn in der stillen Zeit die Gefühle verrückt spielen

Die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge in Ulm hören zu und vermitteln ihre Sichtweise von außen. Foto: Lars Schwerdtfeger
Die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge in Ulm hören zu und vermitteln ihre Sichtweise von außen. Foto: Lars Schwerdtfeger © Foto: Schwerdtfeger Lars Lars Schwerdt
EVA-MARIE MIHAI 28.12.2016

Kaum eine soziale Einrichtung bietet so viel Zündstoff wie die liebe Familie. Da birgt Weihnachten als Hochfest der Familie hohes Eskalationspotenzial, diese Erfahrung hat Franz Glaser, langjähriger Prälat und Seelsorger in Ehingen, gemacht. Er hat sich die Tage vor Weihnachten oft frei gehalten, um abrufbar zu sein, wenn das große Streiten beginnt. „Zu der Zeit kommt es  vermehrt zu Familienstreit, ein heikler Punkt war immer Heiligabend.“ Als Seelsorger erlebte er, dass einiges hochkochen kann, wenn sich die Familien nach längerer Zeit wieder unterm Christbaum sammeln, sagt Glaser. „Da sprechen die Wenigsten vom lieben Jesulein.“

Offenes Ohr am Telefon

Es sind nicht unbedingt die Vereinsamten, die im Advent und an den Festtagen die Unterstützung der Ulmer Telefonseelsorge suchen, beobachtet auch Renate Breitinger, die die Telefonseelsorge in Ulm gemeinsam mit Stefan Plöger leitet. Gerade an Heiligabend hätten trotzdem viele Kontakt zu anderen Menschen. Weihnachten, berichten die Seelsorger von ihren Erfahrungen, bringt Menschen zwar zusammen, legt aber auch unterschiedliche Lebenseinstellungen offen.

Mehr Anrufe als sonst wurden über Weihnachten allerdings nicht beantwortet. Was nicht am Bedarf liegt, sondern daran, dass die Leitungen zu den Ehrenamtlichen sowieso meistens ausgelastet sind – mehr geht nicht. Nur die Themen sind andere als sonst: „Es geht um das Fest, die Feiertage. Was schön war und welche Konflikte es gab.“ Erzählen die Menschen ihre Probleme, versuchen die Ehrenamtlichen eine Sichtweise von außen zu vermitteln. „Wir geben keine Tipps oder Ratschläge.“ Es geht ums Zuhören und die Anteilnahme.

Nach Adventwirbel kommt Ruhe

Außer den Familienproblemen gibt es allerdings oft genug auch die Kehrseite: Menschen, die alleine sind und sich an dem traditionellen Familienfest umso einsamer fühlen. Manchmal rufen Menschen bei der Telefonseelsorge an und erzählen auch positive Erlebnisse. „Das sind Menschen, die immer wieder anrufen, weil sie zu wenig Außenkontakte haben und einfach einen Ansprechpartner suchen.“ Solche Gespräche können dann schon auch mal eine halbe Stunde dauern, erzählt Seelsorgerin Breitinger. Manchmal wurde er an Weihnachten einfach nur als Gesprächspartner gerufen, erzählt Pfarrer Glaser. „Die Menschen hatten Probleme mit sich selber, dass sie sich recht verlassen vorkommen.“ Oder dass Dinge belastend gewirkt hätten, die noch nicht in Ordnung gebracht wurden. Oder aber die Verzweiflung, wenn Menschen das Gefühl haben, dass sich niemand um sie kümmert. „Der Advent ist eine sehr emotionale Zeit.“ Normalerweise werde ein richtiger Wirbel um die Adventszeit gemacht. „Es gibt aber auch Menschen, die nicht so in diesem Wirbel drin sind“, beteuert Pfarrer Glaser.

„Viele Menschen vergraben Einsamkeit hinter Betriebsamkeit“, sagt der Allmendinger Psychologe Viktor Terpeluk. „An Weihnachten brechen dann zwei Wochen Freizeit über sie herein und sie wissen nichts mit sich anzufangen.“ In den vergangenen Jahren ist Glaser aufgefallen, dass viele ältere Menschen keinen Kontakt nach außen mehr haben. Stattdessen unterhielten sie sich mit Fernsehen und der Zeitung. „Sie sagen dann immer: Die Welt wird von Tag zu Tag schlechter.“ Andererseits habe er auch oft Menschen erlebt, die unter der Einsamkeit litten, aber trotzdem niemand um sich haben wollten, erzählt Glaser. „Ich habe immer gesagt, komm doch zum Altennachmittag.“ Das wollten sie aber auch nicht.

Unterschiedliche Depressionen

Es gibt unterschiedliche Formen von Depressionen, sagt Terpeluk. Zum einen können Menschen leiden, wenn das Wetter trüb wird im Winter. Das Licht wird weniger und der Stoffwechsel langsamer. „Solche Menschen erhalten bis zum Frühling eine Medikation.“ Eine andere Form der Depression betrifft Menschen, die alleine sind, die beispielsweise gerade unter Einsamkeit, Trennungen oder Familienproblemen leiden, sagt der Psychologe. „Sie leben mit einer Gedankenspirale, die immer tiefer geht.“ Die Gedanken drehen sich um das Problem anstatt um die  Lösung. „Man könnte selber jemand einladen, vielleicht gibt es mehr Menschen, die einsam sind. Zum Beispiel über eine Anzeige.“ Oder auch das Fest im Kloster Untermarchtal verbringen, wie es alljährlich angeboten wird (wir berichteten). Vor allem sei es wichtig, die Angst vorm Alleinsein zu überwinden, sagt der Psychologe. „Man sollte es genießen können, allein zu sein und es sich selber schön machen.“ Zum Beispiel in die Sauna gehen, oder zum Wellness.

Spirituelle Beziehung aufbauen

Wer an die Weihnachtsbotschaft glaube, fühle sich nicht einsam, sagt der Pfarrer. „Der Mensch kann ohne sinnstiftendes Leben nicht bestehen.“ Das ist ein Lösungsansatz, den auch der Allmendinger Psychologe Viktor Terpeluk vertritt. „Menschen, die einsam sind, können eine spirituelle Beziehung zu einer geistlichen Welt aufbauen, zu Engeln beispielsweise.“ Viele denken, wer keine Familie hat, kann Weihnachten nicht feiern. „Das stimmt gar nicht.“ Man könne eine Verbundenheit zu Jesus spüren, um dessen Geburtstag es bei dem Fest geht. Lange zieht sich der Weihnachtsblues ohnehin nicht. „Wenn Weihnachten vorbei ist, ist das ganze Thema nicht mehr so tragisch. Das ebbt dann ganz schnell wieder ab.“

Rund um die Uhr erreichbar

Kontakt Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter den Rufnummern (0800) 111 01 11 oder (0800) 111 02 22 und im Internet unter www.telefonseelsorge.de erreichbar. Das Büro befindet sich in Ulm, betreut werden die Städte und Landkreise Ulm, Neu-Ulm, Alb-Donau, Heidenheim, Ostalb und Günzburg.

Ehrenamt Im Jahr 2015 waren es 23 670 Anrufe, das entspricht etwa 60 Anrufen pro Tag. Etwa 75 ehrenamtliche Helfer teilen sich in Ulm die Schichten am Telefon. Die Mitarbeiter durchlaufen eine einjährige Ausbildung, es werden ständig neue gesucht. Wer sich informieren möchte, kann sich unter der Telefonnummer (0731) 698 83 melden.