Soziales Was behinderte Menschen brauchen

Brigitte Länge (Mitte) unterhielt sich nach der Umfragevorstellung mit den Besuchern über den Teilhabeplan.
Brigitte Länge (Mitte) unterhielt sich nach der Umfragevorstellung mit den Besuchern über den Teilhabeplan. © Foto: Christina Kirsch
Ehingen / CHRISTINA KIRSCH 15.11.2018

„Ich habe mal vier Tage Urlaub genommen“, erzählt eine Allmendingerin. „Danach war ich sechs Wochen mit meinem Sohn im Krankenhaus.“ Der schwerstbehinderte Sohn baute in der Kurzzeitpflege massiv ab. Für die Mutter hat sich das Thema Urlaub seitdem erledigt. Lieber pflegt sie ihren Sohn mit ihrem Mann im häuslichen Umfeld.

Die Allmendingerin kam zu einem Termin ins Bürgerhaus Oberschaffnei, an dem die Ergebnisse der Umfrage aus dem Teilhabeplan des Landratsamtes vorgestellt wurden. „Teilhabeplan“ ist ein sperriges Wort, hinter dem menschliche Schicksale und Nöte stehen. Das Landratsamt schreibt seit 2007 seinen Teilhabeplan fort und stellte die Ergebnisse der Fragebogenaktion vor. Als Verwaltung ist das Landratsamt gezwungen, das im Dezember 2016 erlassene Bundesteilhabegesetz in mehreren Stufen umzusetzen.

Bedürfnisse werden ermittelt

Das Bundesteilhabegesetz hat das Ziel, die Selbstbestimmung behinderter Menschen zu stärken und sie am öffentlichen Leben mehr teilhaben lassen. Doch was sind die Bedürfnisse behinderter Menschen und ihrer Angehöriger? „Wo drückt der Schuh?“, hieß daher die Umfrage unter mehr als 1300 Personen im Alb-Donau-Kreis, die Eingliederungshilfe bekommen. Die Menschen hatten zwischen dem  28. Mai und dem 3. August einen Fragebogen zugeschickt bekommen, in dem Bereiche wie Freizeit, Arbeitsleben oder Infrastruktur abgefragt wurden. „Dabei hatten wir einen sehr guten Rücklauf von 26 Prozent“, erklärte Brigitte Länge, die die von Stefanie Mäckle erarbeitete Umfrage vorstellte.

Von den befragten Personen arbeiteten 75 Prozent in einer Werkstatt für Behinderte, 19 Prozent gaben an, nicht arbeiten zu können. Bei den Schülern erhielten 65 Prozent eine Förderung, wobei nicht abgefragt wurde, wie hoch die Förderung ist. Die Schüler wünschen sich weniger Kinder in den Schulbussen und kürzere Anfahrtszeiten.

Bei den Senioren erhalten 41 Prozent Hilfen im Alltag, 30 Prozent kreuzten an, dass sie Möglichkeiten der Begegnung hätten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sich in ihrer Umgebung sehr wohl fühlen. Die Einsamkeit scheint bei den Befragten weniger das Problem zu sein, aber sie wünschen sich mehr Unterstützung im Haushalt. Für Unternehmungen haben 79 Prozent Hilfe von der Familie. Mehr als die Hälfte der Befragten wohnt bei der Familie, 14 Prozent wohnen alleine. Dieser Punkt überraschte die Auswerter.

Die Familie der Allmendingerin stand dafür exemplarisch. In einem Gespräch nach der Fragebogenvorstellung klangen die Sorgen der Mutter an. Sie selber sei Rentnerin, der Sohn 34 Jahre alt. Was ist, wenn sie und ihr Mann die Pflege einmal nicht mehr bewältigen? Diese Vorstellung schiebt die Mutter achselzuckend weit von sich.

Eine weitere Mutter pflegt ihre Tochter mit Hilfe ihrer anderen Kinder. „Aber wir kommen als Familie an Grenzen“, sagte sie. „Es gibt zu wenig wohnortnahe Heimplätze“, sagen die beiden Allmendingerinnen, die nicht namentlich genannt sein möchten.

Ohne Angehörige schwierig

„Behinderte Menschen ohne Angehörige haben es wirklich schwer“, wusste Josef Barabeisch. „Wenn die ins Krankenhaus kommen, kümmert sich niemand um sie.“ In dem Punkt gebe es Handlungsbedarf, bestätigte auch ein anwesender Betreuer. „Wir müssen ermitteln, welchen Bedarf die Menschen haben“, sagte Brigitte Länge. „Aus diesem Bedarf müssen dann die Hilfeleistungen erfolgen.“ Man mache sich mit den Kommunalverbänden daran, schrittweise das Teilhabegesetz umzusetzen, sagte Josef Barabeisch.

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