„Achten Sie in diesem Text auf jedes Wort“, sagte Schauspieler Walter Frei, bevor er am Samstagabend begonnen hat, einen Text von Sepp Mahler zu lesen. „Es ist ein Text, der für mich mit Gold unterlegt ist.“ Ähnlich empfanden mehr als 60 Zuhörer im größten Ausstellungsraum der Städtischen Galerie, die konzentriert lauschten. Walter Frei führte ins literarische Werk des Malers ein und stellte dessen Fähigkeit, in allem Lebendigen das Göttliche zu erkennen, mit Empathie und Hochachtung vor dessen Werk heraus. „Sepp Mahler wusste, dass er die Fähigkeit hatte, hinter der Wirklichkeit das Eigentliche zu erkennen“, sagte Walter Frei.

Zur Schönheit der Schöpfung

Sepp Mahlers Rufertexte, die in einer Vitrine ausgestellt sind,  thematisieren die Schönheit der Schöpfung, samt Appell, diese zu bewahren. „Sepp Mahler fühlte sich verantwortlich für die Schöpfung.“ Das war bereits in den 20er und 30er Jahren so, als der oberschwäbische Künstler mit seinen Bildern von Kunsthandlung zu Kunsthandlung ging und seine Werke kaum an den Mann brachte. In seinem Wandertagebuch vermerkte Mahler 1923 unter dem Eintrag „Innsbruck“, dass weder Not noch Elend ihn von seiner Kunst trennen könnten. Er wolle ihr treu bleiben, „Menschen können mich nicht zur Verzweiflung bringen“.

Mahler schrieb zwei Jahre vor seinem Tod das Gedicht „Abendgedanken“, in dem er den Wörtern so großen Wert beimaß, dass er sie einzeln untereinander aufschrieb. „Das ist schwierig zu lesen, weil man den syntaktischen Zusammenhang wahren muss“, sagte Walter Frei, der die von Mahler beschworene „Innerstimme“ wunderbar vermitteln konnte. In dunkle Worte stahl sich ein Schein, in Nebelschwaden eigenartige Visionen und selbst die Mäuse, die Mahlers Nachtlager im Heu störten, bekamen die Aufmerksamkeit, die sie als Gottes Geschöpfe verdienten.

Sepp Mahler sah in der göttlichen Ordnung einen Halt in seinem von vielen Unbilden begleiteten Leben. Es sei eine Ordnung, um die man sich als Mensch bemühen muss. Leider fehle den Menschen oft das Auge für diese Ordnung, und Mahler ahnte, dass dieses Unvermögen den Menschen auch in Zukunft begleitet.

Walter Frei las aber auch „etwas Handfestes“ aus Mahlers Vagabundenjahren. Das  Vagabundentum war in den 20er Jahren etwas Selbstverständliches unter Handwerkern. Mahler war zwar Vagabund, „aber nie ein Tagdieb“, sagte Frei. In Norwegen verbrachte  Mahler den  Winter als Ofenheizer und Küchenjunge in einem Holzfällerlager, und er bemerkte in seinem Tagebuch: „Und die Nase ging kaputt und all das übrige Gliederzeug.“ Humor hatte Sepp Mahler also auch.

Nach Dunkeltexten und Silbermonden, murmelnden Dorfbrunnen und lichten Sonnenstrahlen half dem Publikum alles Applaudieren nichts, nach einer Stunde war die Veranstaltung vorüber. Walter Frei hatte es mit seiner Lesung fertig gebracht, Innerstimmen zu hören und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.